Eis-Colt erwischt – Mitsubishi Colt im Fahrbericht

Kein Grund die Augen zusammen zu kneifen.

Eis-Colt erwischt im

Mitsubishi Colt 1.3 ClearTec Motion Plus

Es soll ja Menschen geben, in deren Vorstellung ist das Leben der Auto-Journalisten ein ständiges durch die Gegend reisen, dinieren in feinen Restaurants und nächtigen in Luxusherbergen. Und zudem ist man immer und nur in den sportlichsten Automobilen der Welt und  auf Kosten der Industrie unterwegs.

Und manchmal, aber nur manchmal ist das auch so.

Nicht nur im Parkhaus einparken leicht gemacht.
An vielen anderen Tagen schreibt man unheimlich viel, knipst Bilder, liest die Berichte der Kollegen und hofft auf den nächsten aufregenden Testwagen.

Mitsubishi_89_Colt

Der  Termin für den Mitsubishi Colt war ganz sicher zuvor nicht unter dem Kapitel “spannender Testwagen” abzulegen.  Derart motiviert haben sich “Die Testfahrer” auf den Weg zum Empfang des kleinen Japaners gemacht.

Doch: Bereits nach 10 km im kleinen weißen Colt war klar, hier fährt gerade der Testkandidat des Jahres 2012, der Testwagen, der  mit dem größten Überraschungspotential aufwarten kann.

Wenn man einen Porsche Panamera Diesel fährt, dann erwartet man eine gewisse Souveränität. Wenn man mit einem Nissan 370Z über die unterhaltsamen Landstraßen im Spessart kurvt, dann erwartet man eine gewisse Sportlichkeit.

Was erwartet man, wenn man mit einem Mitsubishi Colt für ein paar Tage unterwegs ist?
Ausstattungs-Frust und Abstriche im Fahrkomfort zum Beispiel. Frei nach dem ehemaligen SMART Werbespruch: “Auf das maximale reduziert.” Der Mitsubishi Colt hatte eine leichte Aufgabe im Testumfeld, er musste uns nur völlig befreit von jedem Anspruch auf Fahrkomfort, Qualität und Luxus trocken von A nach B bringen.

Mitsubishi Colt
Mitsubishi Colt
Es gibt kein Grund böse zu schauen!

Trocken von A nach B – nicht nur das hat der Cleartec-Mini einwandfrei geschafft, nein – er hat dabei jeden der Fahrer überrascht. Und das rein positiv.

Denn tatsächlich ist der Mitsubishi Colt der erste echte „Volks-Wagen“ den wir seit langem gefahren sind.  Mit einem unschlagbaren Preis von unter 10.000€ beginnt die Preisliste und somit schafft Mitsubishi etwas, was in Europa sonst nur noch Billig-Marken können. Ein Auto für das Volk, ohne Abstriche und unter der magischen 10.000€ Grenze.

Der Testwagen hatte, wie es üblich ist bei den Presse-Fahrzeugen, natürlich das volle Programm an Board. Beim kleinen Mitsubishi bedeutet das dann zum Beispiel:

Anstelle des Basismotors  1.1l  mit 75 PS war der 95 PS starke 1.3 Liter 4 Zylinder zum Test angetreten. Aufgetreten ist er in der aufpreisfreien aktuellen Modefarbe “weiß” und mit getönten Fensterscheiben in der zweiten Reihe. Das gefahrene Modell nennt sich “Colt Motion Plus” und ist für mich ein absoluter Preisbrecher.

12.790€ verlangt der freundliche Mitsubishi-Händler für dieses aktuelle Aktions-Modell und macht in damit zum echten „Volks-Wagen“ in der Polo-Klasse. Und weil innere Größe nicht alles ist, schickt man dieses Sondermodell mit Sitzheizung, Tempomat, MP3-Radio und elektrischen Außenspiegel in das Rennen um die Gunst der Käufer.

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Mini-Van oder Maxi-Kleinwagen?

Ganz unter uns, eine Sitzheizung war noch nicht die größte Überraschung – aber ein Tempomat mit Lenkrad-Bedienung und ein Soundsystem mit MP3-Funktion und Lenkrad-Fernbedienung – das ist in dieser Preisklasse ungewöhnlich  und kam so auch völlig unerwartet.

Völlig unerwartet kamen auch die Fahrleistungen. Natürlich kann man von einem 1.3 Liter Motor keine Heldentaten erwarten, aber der 95PS Motor mit seinem putzigen Hubraum arbeitet tapfer über alle Drehzahlbereiche hinweg. Wer in den Gängen 1 bis 3 die Drehzahlmesser-Nadel über die 4.000 hinweg wandern lässt, erlebt einen zornigen kleinen Motor, der mit Nachdruck beschleunigen will. Eingebremst wird der “Held der Verbrennungsarbeit”, der unter der vorderen Haube seinen Platz bezogen hat und klassenüblich die Vorderräder antreibt, nur durch die relativ lange Getriebeübersetzung der Gänge 4 und 5. Mann sollte das Sitzfleisch altgedienter CDU-Funktionäre haben, um hartnäckig genug auf dem rechten Pedal stehen zu bleiben, denn derart viel Geduld belohnt die Anzeige des Tachos dann auch schon mit der Meldung einer Höchstgeschwindigkeit von 185 km/h.

Mitsubishi bietet auch eine Turbo-Variante des Colt an, da werden dann 150 PS zur Arbeit aufgerufen. Das erklärte dann auch, weshalb das Fahrwerk sich so erwachsen anfühlt. Es rumpelt nicht über Unebenheiten, bleibt aber trotz Winterreifen lange neutral, bis er harmlos über die Vorderräder untersteuernd gen Kurvenrand rutscht.   Das Fahrwerk bietet einen gefälligen Kompromiss aus straffen Federn und komfortablen Dämpfern – könnte in der 95 PS Variante jedoch einen stärkeren Stabilisator an der Vorderachse vertragen, was vermutlich die Lust an der Seitenneigung der Karosse in flotten Kurven minimieren würde.

Mit seinen 95 PS ist der Colt befreit vom Anspruch, ein Sportwagen zu sein, und so geht der Kompromiss des Fahrwerks als gelungen durch.

Aufgrund seiner  Karosserielänge von 3 Meter 88 bleibt der Colt ein Auto, mit dem man in Städten leicht einen Parkplatz findet.  Der Colt ist 10 cm breiter als er hoch ist, das wirkt auf den ersten Blick genau umgedreht.  Ein wenig hat man den Eindruck, der Mitsubishi Colt wäre ein Van, der noch in den Kinderschuhen steckt. Vor allem von hinten und in der Seitenlinie verspricht er einen klassenunüblich großen Innenraum.  Das von außen erweckte Versprechen von genug Platz kann der Innenraum auch halten. Für ein Auto mit 2 Meter 50 Radstand bietet der kleine Colt genug Platz für 2 Glückliche in der ersten Reihe und 2 weniger Glückliche in der zweiten Reihe.
Typisch für die Fahrzeugklasse sind Sitze mit zu kurzen Sitzflächen, unüblich hingegen die serienmäßige Sitzhöhenverstellung für den Fahrer.

Die Seitenscheiben und die Heckscheibe stehen ungewohnt steil für ein modernes Auto, helfen aber so zum einen die Erwärmung des Innenraumes im Sommer durch die Sonneneinstrahlung zu vermeiden und zum anderen beim Parken mit einer einwandfreien Übersicht. Parkpiepser hat die kleinste Baureihe der japanischen Marke Mitsubishi nicht nötig.

Natürlich ist der Innenraum aus günstigen Kunststoffen gefertigt. Aber wirklich mehr Qualität und Haptik-Luxus erhält man erst in der Region ab dem doppelten Einstandspreis. In der Klasse der “um die 10.000€ Neuwagen” gibt es keinen Mitbewerber, der im Innenraum besser ausgestattet oder mit feineren Kunststoffen in den Verkaufsraum rollt.

Und so hat der Mitsubishi Colt während des Tests vor allem eines geschafft: Verwöhnte Auto-Tester zurück auf den Boden des alltäglichen Individualverkehrs zu holen und dabei zu beweisen, dass man zum glücklich sein keine Ledersitze braucht und in der Stadt auch ein kleiner Vierzylinder ausreicht.

Luxus sieht anders aus. Armut aber auch.

Eis-Colt erwischt, würde ich sagen!

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Bjoern
Autos und Motorsport - meine Leidenschaft seit über 20 Jahren. Für mich müssen Autos einfach Spaß machen und wenn ich heute Neuwagen teste, dann habe ich meine eigenen Kriterien die ein Fahrzeug erfüllen muss. Ob mich ein Auto so richtig begeistert hat, könnt ihr hier im Blog herausfinden. Dazu kommen Nachrichten aus der Welt des Automobils und des Motorsports. http://about.me/bhabegger

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