Honda Accord Tourer im Fahrbericht

Um in der hart umkämpften Mittelklasse auf dem deutschen Automobilmarkt überleben zu können, braucht man als Hersteller unbedingt einen Kombi mit Diesel-Motorisierung im Programm.

Es ist diese Kombination aus praktischer Karosserieform und sparsamen Diesel, auf die nicht nur die Dienst- und Firmenwagenfahrer stehen, sondern auch Familienväter und Selbstständige die einen zuverlässigen und Status-neutralen Mobilitätspartner suchen.

Wer auf seiner Prioritäten-Liste den Punkt “Zuverlässigkeit” besonders weit oben hat und den Punkt “Statussymbol” eher im unteren Drittel, der schaut sich gerne auf dem Markt Importeure um. Gilt doch die japanische Zuverlässigkeit nicht umsonst als sprichwörtlich und belastbar.

Umsonst gibt es jedoch auch die Fahrzeuge aus Fernost nicht mehr. Für meinen Testwagen standen am Schluss der Preisliste – in Summe – beeindruckende 43,690€.

Der erste Kommentar des Nachbars: “Das sind in DM ja …” – Aber in DM lässt sich auch der HONDA – Händler nicht mehr bezahlen.

Für mich viel beeindruckender als der Gesamtpreis ist der Gegenwert, den man dafür bekommt. Denn der Testwagen war nicht nur in der stärksten Diesel-Motorisierung zum Test angetreten, sondern auch in einer “Was-ich-mir-wünsche” Voll-Ausstattung. Der vollständige Name des Testwagens lautet:

HONDA Accord Tourer 2.2 i-DTEC Exclusive

Honda Accord Tourer Fahrbericht Foto von vorne

Fangen wir vorne an:

Unter der Motorhaube.

HONDA bietet die 8.te Generation des Accord neben den Benzin-Varianten in 2 Diesel-Versionen an. Der Basis-Diesel hat bereits nicht schwächlich wirkende 150PS und die zum Test angetretene Variante hatte sogar 180PS . Beide überzeugen mit einem für den Markt eher untypischen Hubraumvorteil in dieser Klasse und übertreffen die Mitbewerber um mindestens 200 Kubikzentimeter. Downsizing ist ein Trend, dem man hier noch nicht gefolgt ist. Das wiederum ist jedoch kein Nachteil, denn der HONDA Diesel gefällt mit seiner Laufruhe, seinem nur im Kaltstart nagelnden Sound und einem für Turbodiesel untypischen, fast linearen Drehmomentverlauf. Ein Turboloch glänzt im Accord vor allem durch Abwesenheit.

Honda Accord Cockpit Lenkrad
Perfekte Sitze machen die Fahrt angenehm!

Und so gehen die 180 PS fast ein wenig unter – irgendwie erwartet man immer ein wenig “mehr Bumms” – bis man bemerkt wie locker flockig man bereits bis 140 durch beschleunigt hat.
Im Testwagen war das manuelle 6-Gang-Schaltgetriebe angetreten, um meine Automatik-Vorliebe auf eine harte Probe zu stellen. Und in der Tat – was HONDA mit dem süßen kleinen Schaltknäuffchen als Schnittstelle zwischen Mensch und Getriebe anbietet, lässt sich in Präzision und Schaltfreude kaum mehr steigern.

Es ist diesem souveränen 2.2l Motor und der knackigen Schaltung zu verdanken, dass man mit viel Freude bei der täglichen Routine am Schaltknauf zu Gange ist. In Verbindung mit einer sanften und exakten Kupplung stehen dem ACCORD-Besitzer auch in steilen Parkhausauffahrten nicht die Schweißperlen auf der Stirn wo es früher hieß: “Abwürgen oder Kavalierstart”.

Honda Accord Schaltgetriebe perfekt
Der „Schaltknauf“ der Freude.

Das knapp über Leerlauf reichlich vorhandene Drehmoment des 4 Zylinder Turbodiesel befähigt zu einer schaltfaulen Fahrweise. Hoch in den 6.ten und durchrollen ist das Stichwort.

Das niedrige Drehzahl-Niveau und der effiziente Direkteinspritzer führen zu einem Verbrauch über den gesamten Testzeitraum von 6.5l auf 100km. Das ist nicht besonders sparsam – sondern nur “Klassen-üblich” – beweist aber, auch mit einem Motor der noch mit Hubraum statt Downsizing antritt, kann man sparsam unterwegs sein. Weshalb Honda jedoch an einer Start/Stopp Automatik gespart hat, ist nicht verständlich.

Honda Accord Kofferraum
Eher glänzender Sportler, als Transporter.

“Unterwegs sein”
Das ist das Stichwort für den Accord-Fahrer.
Während der Kofferraum mit seinen 406 Litern nicht zum Stammtisch-Geprahle verleitet und auch die 2.te Reihe in manch anderem Kombi mit mehr Beinfreiheit glänzt, will man in der ersten Reihe nicht mehr aussteigen.
Perfekte Sitze mit ausreichendem Seitenhalt für die flotte Kurvenhatz, sehr guter Lordosen-Unterstützung und Kopfstützen in richtigem Abstand zum Kopf.

Dank der elektrischen Sitzverstellung mit Memory-Funktion lässt sich für 2 wechselnde Accord-Fahrer immer schnell die richtige Sitzposition wiederfinden. Aber eigentlich will kein Fahrer freiwillig wechseln. Zu gut sitzt man hinter dem Lenkrad, zu viel Spaß macht die Schaltung und zu griffig ist das Lenkrad in den Handflächen angepasst.

Das Lenkrad empfinden manche Zeitgenossen eventuell als zu “wurstig” – ich finde es perfekt. So müssen Lenkräder sein. Dann klappt es auch mit der Kurven.

Honda Accord Lenkrad
Griffig wie eine Fleischwurst.

Die aufpreispflichtige Sitzverstellung ist jedoch “eigentlich” ein Schmarrn. Da weder die Spiegel noch das Lenkrad mitverstellt  werden, dauert die Anpassung von unterschiedlich großen Fahrern eben doch einen Moment länger. Wirklich nützlich ist die elektrische Sitzverstellung nur im Punkt der exakten und feinfühligen Sitzanpassung, die mit mechanischen Hebeln manchmal weniger gut gelungen ist.

Während man sich über die gute Lenkarbeit des Accord freut (für einen Frontantriebs-Kombi zieht es ihn geradezu neutral in die Kurven), könnte man an der Feder-Dämpfer-Abstimmung des Fahrwerks noch ein wenig arbeiten.

Nicht was die Kurvengeschwindigkeit angeht – nur der Fahrkomfort könnte an einigen unebenen Stellen etwas ausgeprägter sein.

Es scheint, als wären die Federn für die gewählte Dämpferraten ein wenig zu hart. Auf schnellen Autobahn-Etappen erlebt man gerade an der Vorderachse zeitweise eine Unterdämpfung was zu leichtem “Nachwippen” beim Überfliegen von Bodenwellen führt. Zum Ausgleich dafür holzig und unterdämpft auf schlechten Wegstrecken bei geringer Geschwindigkeit und geringer Zuladung.

Wer viel unterwegs ist und dafür ist der HONDA Accord prädestiniert, der wird sich über die vielen aktiven Helferlein freuen. Vom Abstandsradar gesteuertem Tempomat bis hin zum aktiven Spurhalte-Assistenten ist im HONDA Accord alles möglich.

An eine automatische Lichtsteuerung und Scheibenwischersteuerung haben sich viele bereits gewöhnt, an einen Fernlicht-Assistenten noch nicht. Belässt man im Accord den Lichtschalter im Automatik-Modus, so steht in der Dunkelheit auch der Fernlicht-Assistent bereit. Dieser erkennt zuverlässig entgegenkommende Fahrzeuge und blendet automatisch ab. Ebenso blendet er vollautomatisch auf – auf dunklen Landstraßen und Ortsdurchfahrten sehr hilfreich. Natürlich erkennt der Assistent keine Fußgänger – aber auch mit Radfahrern hatte er so seine liebe Mühe. Schlussendlich führt das dazu, dass man doch wieder selbst zwischen den richtigen Lichtsituationen umschaltet.

Apropos Licht: In der Beschreibung spricht HONDA von aktivem Kurvenlicht – erleben konnten wir auf unseren Nachtfahrten jedoch nur ein “Abbiegelicht” – eine Rücksprache mit der Fachabteilung von HONDA steht noch aus.
Es ist insofern verwunderlich, als bei HONDA z.B. der CR-V mit eben diesem aktiven Kurvenlicht verfügbar ist – die Technik ist also vorhanden.

Ein Oberklasse-Gadget ist die elektrische Heckklappen-Betätigung. Besonders praktisch vom Schlüssel aus zu bedienen – aber leider erst nachdem man 2x auf den “Öffnen” Knopf gedrückt hat. Also drückt man 3x auf der Fernbedienung umher, während man darauf wartet den Zugang zum Kofferraum zu bekommen. Viel praktischer als das Abstellen von Tüten und Gepäckstücken um die Klappe per Hand zu öffnen ist das auch nicht. Wesentlich genialer ist die Keyless-Variante mit dem “Stoßstangen-Kick”, den andere Hersteller anbieten.

Nun möchte man zur Rettung der elektrischen Heckklappe sagen: Dafür schliesst diese fast völlig geräuschlos und die Nachbarn werden sich darüber freuen, wenn man wiedermal frühmorgens um 5 die Koffer in den Wagen geladen hat. Eigentlich. Dummerweise piepst die Heckklappe bei jedem Öffnen oder Schliessen lauter, als der Rückwärtsfahrwarner eines LKW. Morgens um 5 dürfte das den Nachbarn eher an seinen Wecker erinnern – als das ein gewohntes Schließgeräusch für Ungemach in der Umgebung sorgt.

Honda Accord Armaturen Navi
Knöpflein, Knöpflein an der Wand…

Genauso witzlos – wiedermal – das Navigations-System von HONDA. Die Grafik erinnert mich an die ersten Spiele auf meinem Commodore 64 – ebenso die Bedienung. Nein – sorry – angefangen bei der umständlichen Bluetooth-Kopplung zwischen Multimedia-Einheit und Handy bis hin zu der wenig attraktiven Grafik-Umsetzung der Einheit. Das ist Murks. Und es tut mir bereits leid – aber jedes Smartphone bietet mehr Grafikleistung, bessere Navigation und intuitivere Bedienung als dieses teure Extra. Die Empfehlung kann hier nur lauten: Sparen Sie sich die 2.400€ dafür – kaufen Sie sich ein Smartphone und eine aktive Halterung mit Freisprechfunktion und freuen Sie sich über die Dinge die Ihr HONDA Accord besser kann als andere Kombis seiner Klasse.

“Entspanntes Langstrecken Schrubben”

Mal eben 400km zum Kundentermin und dann nach 3 Stunden Meeting wieder heim? Kein Problem. Mit dem grandiosen Motor, der exakten Schaltung und den super bequemen Sitzen ist der HONDA ACCORD Tourer in der 180PS Diesel Variante jeder 1.sten Klasse Bahnfahrt vorzuziehen!

Definitiv!

Fazit:

Mit dem HONDA Accord Tourer und dem neuen 180PS Diesel Motor haben die Japaner nicht die Kombination aus Platz und Power neu erfunden, aber einen echten Underdog für Außendienstler, Vielfahrer und Familienpapas mit sportlichem Anspruch an die Familienkutsche im Programm.

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Bjoern
Autos und Motorsport - meine Leidenschaft seit über 20 Jahren. Für mich müssen Autos einfach Spaß machen und wenn ich heute Neuwagen teste, dann habe ich meine eigenen Kriterien die ein Fahrzeug erfüllen muss. Ob mich ein Auto so richtig begeistert hat, könnt ihr hier im Blog herausfinden. Dazu kommen Nachrichten aus der Welt des Automobils und des Motorsports. http://about.me/bhabegger

4 Comments

  1. Ist der „hohe“ Preis der Grund, dass ich die Accords selten auf der Straße sehe?
    Klar, andere Mittelklassekombis kosten mehr, aber für einen Honda wird nicht so viel Geld ausgegeben…….oder?
    Ist es nicht auch so, das die wenigstens Firmenwagen Hondas sind? Gibt es von Honda eine Statistik, wie viel Prozent der Accord betrieblich genutzt werden?

    Was ist der Mehrwert einem Hyundai i40 gegenüber? Dieser ist bei vergleichbarer Ausstattung ca. 5.000 Euro günstiger. Der Motor hat zwar nur 136 PS und 500 ccm weniger, aber ist das der Grund für den Preisunterschied. Oder ist Honda höher positioniert als Hyundai?

    Sorry, das ich so viel frage, aber mit Honda habe ich mich bis jetzt noch gar nicht beschäftigt 🙂
    Eigentlich möchte ich nur wissen, ob der Wagen sein Geld wert ist? Wie sieht es mit der Wertstabilität aus?

    mobile Grüße
    Patrick Enders

    1. Hallo Patrick,

      i40 und Accord bedienen durchaus das gleiche Segment. Hyundai hat eine aggressive Preisstrategie, stimmt. Was den Motor angeht, so ist der HONDA-Motor dem i40 imho deutlich überlegen. Sowohl in Kraft als auch in Effizienz.
      Die 5.000 € Differenz kann ich jedoch nicht bestätigen. Vergleichbar ausgestattet lassen sich knapp 1.800€ als Differenz festhalten.
      Den Wertverlust kann man über mobile.de und ADAC heraus lesen – aber ich würde mir derzeit schwer tun, einen klaren Vorteil für den Accord zu sehen. Es gibt auch einige Vergleichstests, da hat der I40 bereits gegen den Accord 2.2 I-DTEC gewonnen.

      Klar ist: Der Accord ist das deutlich dynamischere Auto.