Erste Fahrt: Ford Focus ST

Unter Vollast trommelt der Soundcomposer eine beeindruckende Symphonie aus wohligen Grummel -, Brummel – und Gurgellauten. So klangen sportliche Autos früher einmal auf natürliche Weise. Heute ist das schwieriger. Dieser ganze EU-Geräusch-Emissions-Quatsch führt zu virtuellen Soundboxen auf Rädern und der neue Focus ST macht da keine Ausnahme. Zumindest im Innenraum lässt er uns über sein Vorhaben nicht im Unklaren. Sportlicher Sound, digital erzeugt. Schade, aber dafür hat er ja andere Talente bekommen.

Erste Fahrt im neuen Ford Focus ST

Dieselgeruch und Wheelspin inklusive

Performance Pyramide. Bei Ford sieht man sich in der Pflicht. Als Ex-Rallye-Weltmeister, als Ex-LeMans-Sieger, als Ex-Formel 1-Motorenlieferant muss man den sportlichen Bedürfnisse der Kunden ein Angebot machen. Am besten für jeden Geldbeutel. Bei Ford hat man sich an der Nahrungsmittel-Pyramide orientiert. Eine breite Basis an „sportlichen Modellen“ bildet die gesunde Grundlage. Darüber folgen die ernsthaften Sportler, zum Beispiel die Mustang-Varianten. Und darüber? Die Supersportler, das Leckerli im Modellprogramm, die Sahnehaube auf dem Portfolio, wie der neue Ford GT Concept , der eben erst in Detroit seine Premiere feierte.

Die Basis aber, ja die breite Basis, die Sportler für jedermann – das sind die Ford ST-Modelle.

Ford Focus ST 62 Fahrbericht erste ausfahrt

Ford Focus ST – frisch gemacht

Ford hat sich beim Focus im Bereich Fahrwerk noch nie blamiert. Der alte Focus war bereits im Segment der Golf-Klasse der Maßstab für gutes Handling und auch für Fahrspaß. Der neue Ford Focus stand dem in nichts nach. Selbst die Basis-Version wirkte bei der Presse-Vorstellung extrem gut abgestimmt. Dass da noch Luft nach oben ist, war klar. Immerhin gab es den Focus ST ja bereits. Jetzt hat Focus den ST in der frischen Facelift-Version vorgestellt. Unsere Tour führte uns wieder nach Spanien. Wieder auf die winkligen Landstraßen im Hinterland Barcelonas. Gewohntes Terrain für Automobil-Tester. Da sollte dann auch der neue ST für ordentlich Laune sorgen. Oder?

Was bei der ersten Ausfahrt mit dem neuen, nun 250 PS starken Ford Focus ST auffällt, ist der Sound. Markig. Trommelnd. Im Innenraum. Richtig gut. Aber leider auch komplett künstlich erzeugt. Ist das schlecht? Ist das doof? Ist das Betrug am Kunden? Das Vergaser-Herz in der linken Brust will den Befehl zum Weinen aussenden, der logisch denkende Teil des Hirns versteht es. Also: Ja, ich finde es schade, dass der Focus ST nicht „per natura“ so klingt, wie er klingt, aber ich verstehe die Problematik mit der Geräusch-Emissions-Verordnung der EU.

Die restlichen Eindrücke vom Innenraum sind durchweg positiv. Mit dem Facelift des Focus hat das Knöpfchenmassaker rund um das Infotainment-System ein Ende genommen. Jetzt wird über ein großes Ford-Sync 2 Touchscreen durch die Menüs gezappt. Das wirkt durchdacht und ist praktisch, wenn auch die Sprachsteuerung nicht ganz so simpel ist, wie es uns die Werbung erzählen möchte. Die Klimakontrolle übernimmt ein übersichtlich gezeichnetes Designfeld in der Mittelkonsole. Der Rest wirkt ebenso aufgeräumt und übersichtlich.

Viel wichtiger: Sitzposition und Seitenhalt sind vorzüglich. Wenngleich ab Hoodie-Größe XXL die Seitenwangen und vor allem die Sitzflächenwülste der montierten Recaro-Zangen arg auf Tuchfühlung gehen. So ein wenig Press-Passung will man sich aber schon leisten im Sportmodell. Sport und Qual liegen doch immer auch ein wenig beisammen. Da entschädigt das Lenkrad. Liegt gut in der Hand, passt in seinen Einstellungsmöglichkeiten und könnte dennoch ein wenig kleiner sein. Nur 1 bis 2 Zentimeter. Aber das sind Kleinigkeiten.

Schöne Instrumente, am besten analog, gehören zu einem Sportwagen wie das emotionale Motorengeräusch. Der ST besitzt drei Zusatzinstrumente im Cockpit. Das  mag man als altertümlich empfinden –  ich mag die Show. Ladedruck, Öltemperatur und Öldruck lassen sich von kleinen Skalen mit roten Zeigern ablesen.

Ford Focus ST 14 Fahrbericht erste ausfahrt

Jetzt nagelt auch der ST

Zum ersten Mal gibt es einen Ford Focus ST mit Dieselmotor. 184 PS lassen uns nicht gerade vor Ehrfurcht erstarren, reichen aber zusammen mit den fetten 400 Nm Drehmoment durchaus für eine flotte Hatz über den Asphalt aus. Egal, ob das Herz hinter dem schwarzen Wabengrill nun nagelt oder doch eher schnaubend gen 6.500 Umdrehungen dreht – die sportliche Leidenschaft ist beiden Varianten ins Blech gestanzt. Nur erkennt man von außen nicht, an welche Zapfsäule der jeweilige Focus ST fahren muss. Diesel und Benziner sind eineiige Zwillinge geworden. In der Dynamikwertung von Null auf 100 km/h schenkt der 250 PS Benziner, trotz 40 Nm weniger Drehmoment, dem Diesel-ST dennoch 1.6 Sekunden ein. Hier stehen 6.5 Sekunden für den Benziner-ST gegen 8.1 Sekunden für den Diesel-ST.  Und auch bei der Topspeed-Wertung bügelt der ST mit dem Benziner den Selbstzünder ganz deutlich nieder. Da stehen 248 km/h gegen 217 km/h. Ordentlich einen einschenken kann der erste ST-Selbstzünder erst, als es an die Zapfsäule geht. Der Benziner wird im NEFZ-Normdrittel mit 6.8 Liter auf 100 Kilometer angegeben – der Diesel mit 4.2. Aber keine Angst. Diese Verbrauchswerte sind nur pro forma.

Wer sich mit dem ST einem Tänzchen in Richtung Gipfel des Sandsteingebirges Montserrat hingibt, der darf sich der Freundschaft zu seinem Tankwart sicher sein.

Ford Focus ST 01 Fahrbericht erste ausfahrt

Wer hat das mechanische Differential vergessen?

Das ESP lässt Ford, nachdem es hier ja sportlich zugehen soll, in drei Stufen einstellen. Erste Stufe:  An. Der Spielverderber sitzt immer mit an Bord. Zweite Stufe: Sport. Die Leine des elektronischen Aufpassers wird länger, die Traktionskontrolle ist aus und erst im Falle eines sich andeutenden Drehers übernimmt das ESP zur Rettung des Fahrers die Kontrolle über die Brems- und Regelsystem. Dritte Stufe:  Aus. Das ist die Variante für Vollkasko-Kunden und Vollgas-Patienten. Und für mich.

Das Torque-Vectoring-System bleibt indes immer an. Torque-Vectoring spürt der Fahrer in zackigen Kurven am leichten Zupfen der Räder. Per selektiven Bremseneingriff hilft das System beim Einlenken, eliminiert lästiges Untersteuern und verhilft dem Focus ST zu sportlichem Kurven-Elan. Soweit, so spaßig. Bis zu dem Moment, zu dem die 360 Nm des Benziner-ST willig zur Arbeit erscheinen und maßlos über die Vorderachse herfallen. Selbst die optionalen 235/35-19 Räder, besohlt mit haftfreudigen Michelin-Sportsocken, bleiben da ohne Argumente. Es zuppelt in der Lenkung, es trampelt die Federung hilflos über den Asphalt. Ohne ESP-Regelung, ohne Traktionskontrolle, brennt der motorische Arbeitseifer die Traktion des Focus ST willenlos nieder. Trotz eTVC (enhanced Torque Vectoring) feilt sich der ST willenlos die Profilblöcke am Asphalt wund. Was im normalen Focus mit 1.5 EcoBoost Turbo und  185 PS großen Spaß machte, wird im ST bei voller Leistung zum Balance-Akt. Eine saubere Linie war nur schwer zu treffen. Hier fehlt eine mechanische Traktionssperre. Im ESP-Standard-Modus mit Traktionskontrolle kappt die Elektronik die überbordende Kraft zu Gunsten der Traktion und die Linie passt. Aber so richtig ausgewogen fühlt sich das nicht an.

Der kommende Focus RS wird vermutlich auch ohne mechanische Sperren auskommen, dafür aber packt Ford einen Allradantrieb unter das Blech. Im Focus ST sollte die mechanische Sperre schnellstmöglich – wenigstens  als Extra –  angeboten werden.

Ford Focus ST –  Ja, er macht Laune, aber …

Wenn der Papa mit dem Nachwuchs flott eine Runde zur Oma düst, wird die fehlende Sperre nicht auffallen. Wer jedoch den Slogan „FORD Performance“ ernst nimmt und den Focus ST nicht in der Selbstzünder-Version (hier wird es genug andere Kunden geben) ordert, der wird sich auch einer schnellen Runde in der Eifel und auf gesperrter Strecke hingeben wollen. Und da wird man die Sperre wollen. Nein, man wird eine brauchen, um den anderen „Hot Hatches“ die Vorzüge des ST zu zeigen.

Ford Focus ST 41 Fahrbericht erste ausfahrt

Ausgesperrt

Der in Saarlouis gefertigte Sportkamerad verfügt über ein gutes Entertainment-System, einen williger Motor, ein sehr gut abgestimmtes Fahrwerk und standhafte Bremsen – einzig die Traktion könnte überzeugender ausfallen. Dennoch: Der neue Focus ST wird vor allem als Diesel und als Turnier ein Verkaufsschlager werden. Trotz oder gar wegen des virtuellen Sounds. Und vor allem der Fünftürer wird von Menschen geliebt werden, die sich nie einen Wolfsburger Vorzeigeknaben kaufen wollten.

 

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[tab title=“Technische Daten:„]

Ford Focus ST 5-Türer Benziner

Verkaufsstart:  sofort
Basispreis:  28.850 €
Motorleistung:  1.999 ccm³
Antrieb und Getriebe:  6-Gang Getriebe manuell
Beschleunigung:  6.5 Sekunden von 0-100 km/h
Normverbrauch:  6.8 Liter auf 100 km
Höchstgeschwindigkeit:  248 km/h
Länge, Breite, Höhe, Radstand  4.362, 1.823, 1.471, 2.648 mm

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[tab title=“WWTBO?„]

What would the Blogger order??

Vermutlich den Diesel. Der neue ST ist mehr Ausdauer-Sportler denn Kurzstrecken-Sprinter. Da passen sowohl der Dieselmotor als auch das Kombiheck besonders gut. Dem „Hot Hatch“ fehlt die letzte Stufe Sportlichkeit. Vermutlich will man das bei Ford für den Focus RS aufheben. Schade, wenigstens eine Option auf eine Diff-Sperre (mechanisch) sollte man dem Kunden ab Werk anbieten.

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[tab title=“Gut zu wissen„]

Ist der ST ein Erfolg?

Seit der Markteinführung des sportlichen Ablegers im Jahre 2002 hat Ford mehr als 140.000 Einheiten des ST in 40 Ländern verkauft. Allein in Deutschland fanden 14.300 Exemplare einen Abnehmer, 4.600 hiervon entstammen bereits der aktuellen Modellgeneration.

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[tab title=“Link-Tipps:„]

Ford Focus RS – Link-Empfehlungen:

  1. Spiegel Online Auto
  2. motor-talk
  3. autozeitung.de

Galerien:

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Alle Fotos: Bjoern Habegger
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Bjoern
Autos und Motorsport - meine Leidenschaft seit über 20 Jahren. Für mich müssen Autos einfach Spaß machen und wenn ich heute Neuwagen teste, dann habe ich meine eigenen Kriterien die ein Fahrzeug erfüllen muss. Ob mich ein Auto so richtig begeistert hat, könnt ihr hier im Blog herausfinden. Dazu kommen Nachrichten aus der Welt des Automobils und des Motorsports. http://about.me/bhabegger

8 Comments

  1. Wow – 250 PS und 248 km/h Spitze klingt nach VIEL Spaß. Und dann noch in Spanien bei traumhaftem Wetter. Da wird man echt etwas neidisch.

    Ich bin selbst noch nicht mit einem Auto gefahren, in dem der Sound künstlich erzeugt wird…. mekrt man das eigentlich? Fehlende Vibrationen, oder so?

  2. Ehrlich, emotional und man hat Lust den Artikel bis zum Ende zu lesen. WWTBO und "Gut zu wissen" gefällt mir dabei als Ergänzung besonders gut. Danke Bjoern für den Fahrbericht.

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