Fahrbericht: Ford Focus ST. Vernünftig sportlich

Optisch erkennt man die Überarbeitung erst auf den zweiten Blick. Dabei tragen die facegelifteten Ford Focus ST doch ein geschärftes Frontdesign, imposantere Schweller und wahlweise „Stealth“-grauen Lack, ähnlich den gleichnamigen Tarnkappenbombern sowie dazu passende, mittig platzierte Doppelauspuffmündungen gewaltigen Kalibers. Hinzu kommt im Interieur ein gründlich aufgeräumtes Cockpit.

Ganz neu und ungewohnt gestaltet sich der erste beherzte Gasstoß im aufgefrischten Focus. Vorausgesetzt, das nun im ST angebotene 136 kW/185 PS-Dieselaggregat wird dabei unter Last gesetzt. Dann nämlich singt der 2,0-Liter-TDCI einen satten Selbstzündersound, der via Generator ins Cockpit verstärkt wird, während bis zu 400 Nm Drehmoment an den Vorderrädern zerren. Alternativ zu diesem laut Norm nur 4,2 Liter konsumierenden Ölknauserer gibt es weiterhin den 184 kW/250 PS starken und fast 250 km/h schnellen Ecoboost-Benziner. Das alles wie gehabt in zwei Karosserieformen als fünftürige Limousine oder als Kombiversion Turnier.

Um immerhin 900 Euro gestiegen ist der Einstiegspreis für den ab Februar im deutschen Handel verfügbaren Focus ST. Mindestens 28.850 Euro berechnet Ford jetzt für die Ecoboost-Limousine, beim Diesel sind es 29.650 Euro. Der Turnier kostet jeweils 950 Euro mehr. Trotz der Teuerung bleiben der 250-PS-Turnier und die Limousine für Leistungsfetischisten echte Schnäppchen, bietet doch kein Konkurrent in diesen Karosserieformen mehr PS pro Euro. Aber auch der Focus ST mit PS-schwächerem Diesel zählt zu den preisgünstigsten Kompaktklasse-Angeboten im rapide wachsenden Startfeld sportiver Biedermänner mit Selbstzünder-Biss.

Seit 1997 steht das ST-Signet für „Sports Technologies“, während das RS-Label („Rallye Sport“) den Leistungszenit symbolisiert und noch dieses Jahr erneut auf einem Focus (dann mit über 300 PS starkem Vierzylinder aus dem Mustang) prangt. Die Rolle des alltagstauglichen Kraftmeiers bleibt aber für den Focus ST reserviert, der gegen gut ein halbes Dutzend Konkurrenten antritt. Darunter die Golf-GTI-Verwandten Skoda Octavia RS und Seat Leon Cupra, aber auch die Coupés Opel Astra OPC und Renault Sport Mégane oder der etwas leistungsschwächere Peugeot 308 GT.

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Die vielen Wettbewerber sind für Ford Anlass, dem ST ein gründliches Update zu spendieren, dass über die bereits allen Focus zuteil gewordene Modellpflege hinausgeht. So sind etwa die Scheinwerfer nicht nur schlanker geschnitten, sondern optional erstmals mitlenkend. Wobei Lichtwinkel und auch Leuchtintensivität adaptiv gesteuert werden. Bei den Assistenzsystemen kommen nun auch optional Warner vor Querverkehr zum Einsatz, nützlich nicht nur beim Rückwärtsausparken. Der Notbremsautomat Active-City-Stopp-System arbeitet jetzt bis 50 km/h.

Mehr Bedienkomfort bietet das optionale Konnektivitätssystem Sync2, erlaubt es doch mittels simpler Sprachbefehle die Steuerung von Musikprogramm, Smartphone oder etwa die Justierung der Klimaanlage. Da hat mancher Wettbewerber noch Nachholbedarf. Schließlich hat auch Ford bei Konkurrenten Nachhilfe genommen und endlich einen Touch-Screen-Monitor in benutzerfreundlicher Größe (acht Zoll) installiert. Dessen Bedienfeld ersetzt das bisherige Meer an Knöpfen im Cockpit.

Unser Testgelände sind die Berge oberhalb von Barcelona. Anspruchsvolle Strecken mit blinden Kuppen, Korkenzieher-Kurven, Geraden für Zwischensprints und wechselnden Fahrbahnbelägen. Bis Tempo 100 vergehen im Benziner keine 6,5 Sekunden, verspricht Ford. Klingt glaubhaft, wobei das Gefühl sogar noch kürzere Sprintwerte suggeriert, derart vehement zieht und zerrt der Focus an den Vorderrädern. Da nehmen die in der Realität noch flinkeren Rivalen wie etwa der Golf GTI Performance oder der Leon Cupra wesentlich unaufgeregter Fahrt auf. Noch immer zu lang sind die Schaltwege der ansonsten präzise arbeitenden Sechsgangbox im Focus. Das gilt auch für den neuen Focus ST Diesel, der sich 8,1 Sekunden Sprintzeit und 217 km/h Spitze gönnt. Für Ford-Fahrer, die vorweg fahren wollen, sind das leider unbefriedigende Werte. Sind doch etwa alle TDI-Konkurrenten aus dem VW-Konzern signifikant schneller und gleichwohl genauso sparsam im Verbrauch.

Andererseits ist Fahrspaß im Autoalltag eindeutig wichtiger als die Jagd nach Rundenrekorden. Und Freude macht der Focus schon durch seine formidable Fahrwerksabstimmung, die sich auf den katalanischen Bergsträßchen und Holperstrecken in Bestform zeigt ohne jene übertriebene Straffheit einiger Rivalen. Viel Last liegt beim Bremsen in Bergab-Haarnadeln auf den Vorderrädern, was dann leichtes Untersteuern des Focus auslöst. Das Hinterteil des Fünftürers wird nervös, aber durch die Elektronik sanft eingefangen. Dies sogar, wenn das ESP im schärfer geschalteten Sportmodus arbeitet, also ohne Motormomentregelung und Längsstabilitätssystem. Erstaunlich ist immer aufs Neue, wie rasch sich die kompakten Kölner um die Kurven werfen lassen.

Spaß ist also mit allen Focus ST garantiert. Mit dem Benziner aber deutlich mehr als mit dem Diesel.

Autor: Wolfram Nickel/SP-X

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SP-X Redaktion
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