Fahrbericht: Mercedes-Benz S 65 AMG Coupé

Bei 1.000 Newtonmetern musst du dich nicht wundern. Über nichts. Und da schalte ich noch eine Sekunde zuvor die ganzen Assistenten aus, hangele mich mühevoll durch die Tiefen des Bordcomputers, damit die orangefarbene Warnleuchte im Cockpit zum Leben erwacht und ich damit die alleinige Kontrolle über den Zwölfzylinder-Apparat besitze. Ein kurzer Stempler mit dem rechten Fuß, der Sechsliter-Turbo grummelt kurz auf und der Arsch schmiert dir unter dem wehleidigen Jammern der 285 mm breiten Sportreifen weg. Bämm – bei Tempo 80 quer in einer Asphaltgasse auf einem kalifornischen Weinhang.

Kurze Ausfahrt im stärksten S-Klasse Coupé und dem teuersten S-Klasse Coupé

12 von 12 russischen Oligarchen finden das S65 AMG Coupé dezent … 

Mercedes-AMG 06 S65 AMG Coupé

2 Minuten, nachdem die Testfahrt begann, 2 Sekunden, nachdem das ESP ausgeschaltet wurde und damit auch die freiwillige elektronische Selbstkontrolle über die 1.000 Nm, wären die mehr als 244.000 € fast durch den Weinberg gepflügt. Schade wäre es um die Rebstöcke gewesen. Schade auch um den mächtigsten Phallus-Ersatz der Welt.

244.000 € kostet das S65 AMG Coupé. Mindestens. Da sind die Swarovski-Kristalle im LED-Scheinwerfer aber noch nicht inklusive. Dafür parken mehr als 5 Meter Potenznachweis in der Hofeinfahrt russischer Oligarchen. Aber: Vergessen wir die erst einmal. Hier geht es um die exklusiven Eindrücke aus dem Cockpit des teuersten Serien-Mercedes überhaupt.

Dank des langen Radstandes hat sich der grobe Ausfallschritt bei der ersten Hangabfahrt am Weinberg noch ordentlich durchparieren lassen. ESP aus, eigentlich immer ein Garant für Spaß. Doch wenn dich sechs Liter Hubraum aus zwölf Sangria-Eimer großen Zylindern – mit der feudalen Lust von zwei Turbinen zwangsbeatmet – in ihre Verantwortung nehmen, dann lässt du das ESP besser an. Bevor du a) die Gummiwürste durch die Radhäuser vaporisiert oder eben b) den Weinhang unfachmännisch gepflügt hast. ESP an. Zurück auf die Landstraße.

Mercedes-AMG 75 S65 AMG Coupé

Riechen Sie den Luxus?

Man kann den Luxus sehen, sich der Völlerei in den Aufpreislisten hingeben, man kann das weiche Leder fühlen, man kann den Luxus förmlich riechen. Nichts am S65 AMG Coupé ist auf dezent getrimmt, nichts hat Belang zum Thema Sozialneid-Debatte. Debattiert ihr doch über CO2 und über Benzinpreise, über Brot für die Welt, über Tempo 250 – Beschränkungen. Wenn der Kollege Anlasser die zwölf Töpfe in Wallung wirft, dann verschwindet diese andere Welt. Die mit den Leasing-Raten, mit den Einfamilien-Häusern und den 9-to-5 Jobs.

Wenn unter der Haube ein V12 bollert, mit dem anderswo Speed-Boote durch das Mittelmeer beschleunigt werden, dann darf auch das Äußere ein wenig mehr Kosmetik auftragen. Liebevoll oder dezent wohnt hier jedoch nicht. Die volle Kelle, feudal, mächtig – auch bei den Design-Veränderungen. Das grobmaschige Chrom-Gitter prägt die Front, ein Diffusor zerschneidet die Stoßstange, kleine Carbon-Flaps wollen der Luft den Weg weisen. Der Lack? Im Falle des Testwagens ein matter. Passt. Der Lack schluckt das Licht wie der Antriebsstrang die Contenancé. Hier bleibt niemand still, ruhig und zurückhaltend.

Mercedes-AMG 16 S65 AMG Coupé

Ohne ESP geht es nicht, mit aber auch nicht

Diskrete 630 PS, so hat irgendein Motor-Profi geschrieben, würden unter der vorderen Haube ruhen. Er ist das S65 AMG Coupé nicht gefahren, vermute ich. Weder diskret noch ruhen sind Beschreibungen, die eine Ausfahrt mit dem teuersten Zweitürer der Mercedes-Benz-Welt gerecht werden können. Durch die Konfigurations-Menüs per Lenkrad-Tasten graben, dem ESP die rote Karte zeigen? Ohne Auslaufzonen eher ein Experiment für Inhaber von Kreditkarten ohne Limit. Wer weder sich noch andere per Querschläger in Angst und Schrecken versetzen will, der lässt das ESP fein an. Aber dann sind auch die 1.000 Nm eher ein Papierwert. Mit den vorhandenen sieben Schaltstufen übersetzt die Automatik leider zuviel an Leistung an die Hinterachse – und zwar so gut wie immer. Da sind die edlen Sport-Pneus im Dauerstress und im Cockpit lässt die ESP-Kontrollleuchte das Epilepsie-Checkprogramm ablaufen. Ab Tempo 100 (ich spreche von Meilen, nicht von km/h) passen Kraft, Übersetzung und Traktion so langsam zueinander – der Sprung über die virtuellen Skalen bleibt dennoch beeindruckend. Auch das Geräusch-Niveau. Wenn man nicht gerade das Gewitter des im Sport-Modus rotzig-ordinären Motorensounds genießt, wenn man sich zusammenreißt, die Leine kurz hält, den Gang hoch und die Drehzahl tief – dann spürt man die Andeutung des Luxus im Alltag. Fahrkomfort im Luxus-Segment wird eben durch Weglassen von Geräuschen definiert. Das S65 AMG Coupé will immer und überall noch ein wenig mehr Auspuff-Porno spielen. Ein extremer Spagat. Für sich selbst spielt man dieses Spiel vermutlich nicht.

Und nichts für den Alltag im Land der 55 mph-Beschränkungen. Eventuell sind russische Stadt-Autobahnen oder Wüsten-Highways in den Emiraten besser geeignet, um das S65 AMG Coupé in die fahrdynamische Verantwortung zu nehmen. Bei der ersten Testfahrt in Kalifornien erntet man wahlweise wütende Blicke von Prius-Fahrern, leidenschaftliche Blicke von vollbusigen Film-Sternchen oder sucht im Handschuhfach nach einer Taschenlampe, um einen Ausweg aus dem Burn-Out-Qualm der Reifen zu finden.

Mercedes-AMG 04 S65 AMG Coupé

Ernsthaft:

Zwei Türen auf 5 Meter Gesamtlänge sind sexy. 12 Zylinder mit Turboladung klingen noch erotischer. Ein Kofferraumdeckel, der nur per Schlüssel oder vom Fahrerplatz geöffnet werden kann, weil man einen Taster direkt am Heck eingespart hat, passt jedoch kaum zum restlichen Aufschlag.

Wie sollte man ein 244.000 € teures Zwölfzylinder-Coupé seriös beurteilen? 

Ich gebe mich geschlagen und dem Überfluss hin, die ESP-Kontrolle bleibt an. Von den zwölf Töpfen verlange ich kaum mehr als Leerlaufdrehzahl. Das Magic-Body Control Fahrwerk mit Kurvenneigefunktion legt sich in die Kurven, bügelt beflissentlich die Teerflecken aus und die Burmester-Anlage überflutet den Innenraum aus 24 Lautsprechern und mehr Watt als Drehmoment. Can’t get enough von Bad Company läuft über das per Bluetooth gekoppelte Handy – passt! 

Mercedes-AMG 19 S65 AMG Coupé

 

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Bjoern
Autos und Motorsport - meine Leidenschaft seit über 20 Jahren. Für mich müssen Autos einfach Spaß machen und wenn ich heute Neuwagen teste, dann habe ich meine eigenen Kriterien die ein Fahrzeug erfüllen muss. Ob mich ein Auto so richtig begeistert hat, könnt ihr hier im Blog herausfinden. Dazu kommen Nachrichten aus der Welt des Automobils und des Motorsports. http://about.me/bhabegger

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