Fahrbericht zum aktuellen Opel Insignia Facelift

Dem Rüsselsheimer Autobauer Opel ist es nicht bange vor Krisen. Die erste Generation des Insignia erblickte im Jahr 2008 das Licht einer von einer Finanzkrise geschüttelten Welt. Die eigentlich für das Frühjahr 2020 geplante Geburt des Facelifts der zweiten Generation verzögert sich jetzt durch die Verwerfungen der Corona-Pandemie bis Ende September. Dann werden Stufenheck- Limousine und Kombi aufgefrischt endlich bei den Händlern stehen. Gerade jetzt, wo das Geld in Zeiten wie diesen nicht unbedingt locker sitzt, könnten die Mittelklässler mit dem Blitz im Kühler gegen die erfolgsverwöhnten, aber durstigen SUV punkten.

Wenn Uwe Mertin, Leiter des Opel-Museums, in den „Heiligen Hallen von Rüsselsheim“ bei einem Rundgang ehrfürchtig den Begriff „KAD“ in den Mund nimmt, wissen eingefleischte Opelaner, wovon die Rede ist. Anderen hilft Mertin sehr gerne auf die Sprünge. Die „großen Opels“, der Kapitän, der Admiral und der Diplomat, vertraten bis in die siebziger Jahre sogar mit Achtzylinder Motoren als bezahlbarer Luxus die Oberklasse von Opel. Flaggschiffe nannte man die 4,95 Meter langen stattlichen Erscheinungen mit amerikanischem Glamour und deutschem Stehvermögen, die heute zu den 90 Prozent noch fahrbaren 600 Modellen im Opel-Museum gehören. Ein würdiger Rahmen für die Präsentation des aufgefrischten Insignia, dem heutigen Flaggschiff von Opel, das die Flotte der Autos aus Rüsselsheim anführt, aber trotz seiner Länge von knapp unter fünf Metern zur heutigen Mittelklasse gehört.

Behutsame optische Retusche

Zweieinhalb Jahre nach dem Debüt der zweiten Generation wurde der Insignia optisch behutsam verändert: Ein breiterer Kühlergrill mit schlankeren Zierstäben und neu positionierte Nebelscheinwerfer sollen die Breite des Autos noch besser betonen. Man muss schon sehr genau hinschauen, um diesen Effekt zu erhaschen. Auffälliger – natürlich besonders bei Dunkelheit – dürfte da schon die Aufrüstung der Scheinwerfer sein. Künftig haben alle Insignia nicht mehr Halogen- , sondern LED-Scheinwerfer serienmäßig, was sich positiv auf Energie- und damit den Spritverbrauch auswirken soll, wenn auch im minimalen Umfang. Aber immerhin.

Stadionhelle Fahrbahnausleuchtung

Das optionale Intellilux LED Pixel Licht leuchtet mit 84 statt bisher mit 16 LED je Einheit. Zwei Steuergeräte – eines in der Frontkamera und eines für die Scheinwerfer – justieren den Lichtstrahl so, dass er immer zur Fahrsituation passt: Das Autobahnlicht reicht weiter als bisher, soll weniger stark blenden und Schilder heller anstrahlen. Auf Landstraßen werden andere Fahrzeuge präziser aus dem Lichtkegel ausgeschnitten. Der Opel-Marketing-Direktor-Deutschland Albrecht Schäfer schwärmt bei der Vorstellung des Insignia Facelifts in der Werkstatt des Automuseums bedeutsam von einer geradezu „stadionhellen“ Ausleuchtung der Fahrbahn.

Erstmals Warnung vor Querverkehr

Ein weiteres Highlight des mit wertigen Materialien ausgestatteten Insignia sind nach wie vor die ergonomischen AGR-Sitze (Aktion Gesunder Rücken), die Rückenpein zu lindern wissen und an einem heißen Tag wie diesem angenehm kühlen und sogar massieren können. Eine neue Kamera im Heckstoßfänger und Radarsensoren erleichtern auf Wunsch das Rückwärtsfahren: Läuft etwas schief, warnt ein Assistent. Beim Rückwärtsausparken schaut der ebenfalls radarbasierte  Querverkehrsassistent bis zu 20 Meter nach links und rechts und warnt akustisch und optisch bei erkannter Gefahr. Dazu gesellen sich die üblichen Assistenzsysteme wie Abstandstempomat, Frontkollisionswarner, Headup-Display, Parkassistent, Spur- und Spurhalteassistent, Schildererkennung und Totwinkelwarner.

Alles beim Alten im Cockpit

Sowohl bei der Limousine (Grand Sport) als auch beim Kombi ( Sports Tourer)  hat sich im Cockpit wenig geändert. Es bleibt old school bei klassischen Instrumenten und vor allem beim leider maximal 8 Zoll kleinen Touchscreen, auf dem ein Infotainment ohne wahre Glanzlichter läuft. Immerhin koppelt das Multimedia „Navi Pro“ per Android Auto und Apple Carplay Mobiltelefone, meldet Echtzeit-Verkehrsinformationen und aktualisiert Kartendaten online. E-Call setzt im Notfall selbstständig einen Notruf ab. Die  Bedienung ist weitestgehend selbsterklärend. Fast jede Funktion besitzt einen eigenen Knopf, was man angesichts der Tendenzen anderer Hersteller   zu voller Digitalität für vorsintflutlich halten kann, aber nicht muss. Wahre Größe zeigt der Insignia für das Gepäck: Mit einem Kofferraumvolumen von 490 bis 1.450 Liter beim Grand Sport und 560 bis 1.665 Liter beim Sports Tourer bleiben, was die Zuladung betrifft, kaum Wünsche offen.

Insignia baut auf GM-Plattform auf

Weil Deutschland nun mal ein Kombiland ist und bleibt, werden rund 77 Prozent zu dem gefälligen Sport Tourer greifen, der sich jetzt in elegantem Polarweiß vor einer der immer noch aktiven Diesel-Rangierloks auf dem Opel-Werksgelände in Rüsselsheim positioniert. Anders als die meisten Opel-Modelle basiert der Insignia wie auch der Astra noch auf einer General-Motors-Basis. Unter der Haube des Testwagens steckt der komplett neue 2,0 Liter große Turbo-Benziner, der eine Leistung von 200 PS an die Vorderräder abgibt, das maximale Drehmoment liegt bei 350 Newtonmetern. Die Kraftübertragung übernimmt eine butterweich agierende Neungang-Automatik, das Fahrwerk überzeugt vor allem im Normal- und Sportmodus mit ordentlicher Rückmeldung. Für längere Strecken empfiehlt sich der Touring-Modus mit exakter Lenkung und ruhiger Straßenlage. Wer die sportlichere Art der Fortbewegung schätzt, dem sei der GSI mit dem Turbo-Benziner mit 230 PS ans Herz gelegt. Die beiden Vierzylinder-Benziner sind die ersten Opel-Motoren mit verbrauchsoptimierender Zylinderabschaltung.

Blitzschnelle Achtgangautomatik

Dennoch rechnet Opel in Deutschland damit, dass rund 80 Prozent der Käufer wieder zum Diesel greifen. Schon im Astra hat sich der 1,9 Liter Dreizylinder Diesel mit 122 PS Freunde gemacht. Für den 1600 kg schweren Insignia Sports Tourer wirkt er zunächst etwas unterdimensioniert sein, lockt aber in Kombination mit einer manuellen Sechsgangschaltung mit einem kombinierten Verbrauch von vier Litern auf 100 km. Darüber positioniert sich der 2,0 Liter Diesel mit 174 PS, der sich der Herausforderung einer kurzen Teststrecke in die nahe gelegenen Weinberge mit 174 PS und 380 Newtonmeter und einer blitzschnellen Acht-Stufen-Automatik stellt. Wer lieber selbst Hand anlegt, der kann aber auch zum manuellem 6-Gang- Schaltgetriebe greifen.

 

Der Einstiegspreis für den Insignia Sports Tourer liegt bei 32.790 Euro. Der Grand Sport kostet ab 30.989 Euro. Für beide hält Uwe Mertin jetzt schon mal einen Platz im Opel-Museum frei.

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