Panorama: Nissan GT-R50

Es gibt stärkere Sportwagen aus Japan und welche die schneller sind. Aber keinen, der so ein Ruf hat wie der Nissan GT-R. Als Godzilla gleichermaßen gefürchtet und geehrt, ist er mittlerweile in den Club der 50er aufgestiegen – und treibt es zum runden Geburtstag besonders wild.

Nein, auf die wichtigste Nachricht müssen die Nissan-Fans weiter warten. Denn selbst wenn es jetzt tatsächlich mal wieder etwas Neues über den GT-R zu berichten gibt, gibt es noch immer keinen neuen GT-R. Obwohl die aktuelle Ausgabe des wohl wichtigsten, vor allem aber langlebigsten Sportwagens aus Japan jetzt auch schon wieder 14 Jahre auf dem flachen Buckel hat, ist vom überfälligen Nachfolger noch keine Rede. Dafür aber lassen es die Japaner jetzt in der laufenden Serie noch einmal krachen. Denn pünktlich zum 50. Geburtstag des als Godzilla genauso verehrten wie gefürchteten Kraftmeiers haben sie mit dem Turiner Ingenieurs- und Designdienstleister Italdesign eine spektakuläre Jubiläumsausgabe aufgelegt – zumal auch die Italiener gerade ein halbes Jahrhundert alt geworden sind. In mehreren Monaten umgebaut, mit einer Karbon-Karosserie komplett neu eingekleidet, mit reichlich Technik aus dem Rennsport bestückt und auf eine Stückzahl von – Überraschung – maximal 50 Exemplaren ausgelegt, wird er zum GT-R50 und geht bei einem Grundpreis von 1,2 Millionen Euro als teuersten Nissan aller Zeiten in die Auto-Annalen ein. Kein Wunder, dass längst noch nicht alle Exemplare verkauft sind. 

Dabei wird der GT-R in Turin auch optisch gar vollends zu einem Supersportwagen: Der Bug wird noch aggressiver, die Flanken werden muskulöser, das Dach duckt sich noch flacher und über dem rund geschliffenen Heck mit der weiter nach unten gezogenen Scheibe thront ein hydraulisch verstellbarer Spoiler, der manchem Wirt als Theke dienen könnte. Dazu vorne LED-Scheinwerfer mit einem Blick wie Laserkanonen und am Heck glühende Leuchtringe, die förmlich zu schweben scheinen – so ist einem alle Aufmerksamkeit sicher.

Aber auch innen haben sie Hand angelegt und überall dort, wo bislang billiges Plastik prangte, schmuckes Leder vernäht oder Konsolen aus Karbon eingebaut. Das sind sie dem Preis schon schuldig. Doch weil das Cockpit unverändert bleibt und mit ihm der riesige Touchscreen mit den viel zu vielen Anzeigen, wirkt der GT-R noch immer wie ein Fahrsimulator für die Playstation. Zumindest bis man den Motor anwirft und einen das Brüllen der armdicken Endrohre ins Hier und Heute zurückruft. 

Zwar ist der runde Geburtstag mittlerweile drei Jahre her. Doch erstens haben die Italiener einen ausgesprochen gründlichen Job gemacht, das Auto nahezu neu entwickelt und entsprechend aufwändig getestet. Und zweitens hatte auch diese Kooperation unter Corona zu leiden und deshalb etwas länger gedauert. Aber all das ist jetzt vergessen und in diesen Tagen kommen in Moncalieri vor den Toren Turins die ersten Spenderfahrzeuge an. 

Während die Neuwagen aus Japan von Hand demontiert und wie ein riesiges PS-Puzzle mit hunderten neuen Teilen wieder zusammengesetzt werden, wartet vor der Halle einer von zwei Prototypen auf die erste Ausfahrt. Schon der normale GT-R ist ein waschechter Supersportwagen, der spektakulär aussieht, bärenstark ist und sauschnell fährt. Doch während das Grundmodell noch ein bisschen wirkt wie auf der Playstation geboren und einen fast schon virtuellen Charakter hat, beweist Italdesign, wie ernst es Godzilla mit der Raserei ist: Um jedes Gramm haben die Entwickler gekämpft und entsprechend viel Karbon eingesetzt, sie haben das ohnehin schon harte Fahrwerk noch strammer abgestimmt und die Reifen optimiert, die Elektronik neue programmiert und das Auto mit jeder Schraube, jedem Bit und jedem Byte auf maximale Performance getrimmt.

Im Zentrum steht dabei der bekannte V6-Turbo mit 3,8 Litern Hubraum. Doch weil Italdesign sich eben nicht nur als Styling-Studio, sondern als umfassender Entwicklungsdienstleister versteht, haben die Italiener den Motor ebenfalls ein wenig optimiert, die Software umprogrammiert und den größeren Lader aus dem GT3-Rennwagen angeflanscht. Während das Serienmodell in seiner stärksten Version auf 600 PS kommt, stehen 720 PS im Fahrzeugschein und das maximale Drehmoment klettert von 652 auf 780 Nm. Das wirkt: Wenn die speziell entwickelten Michelin Pilot Super Sport mit 255 Millimetern vorn und 285 Millimetern hinten mal auf Temperatur sind, schnellt der GT-R auf seinen spektakulären 21-Zöllern in deutlich unter drei Sekunden auf Tempo 100 und hat – so wie sich das bei einem kurzen Vollgas-Ausritt auf der Autobahn in die Alpen anfühlt – genügend Power für mehr als die 315 km/h, bei denen die Elektronik die Reißleine zieht. Dazu noch ein neues Setup für den Allrad, mehr Biss für die riesigen Brembos und die Doppelkupplung auf Stakkato, dann kennt der GT-R kein Halten mehr und räubert durch die Turiner Berge, dass der Schnee von ganz alleine schmilzt, so heiß ist die Fahrerei. Von wegen Rentner – auch mit 50 Jahren ist der GT-R ein Raser, mit dem man am liebsten sofort auf die Rennstrecke möchte.

Während man den riesigen Kühler förmlich die Luft ansaugen hört, die Lader ihr heißeres Lied zu singen beginnen und die Endrohre so laut ihren Marsch blasen, dass den Zaungästen die Hosenbeine flattern, stürmt der GT-R die Pole Position. Nur ganz kurz quietschen die Reifen, durch die Karosse geht ein feines Zittern wie von einem weit entfernten Erdbeben, und für wenige Augenblicke scheint die Zeit still zu stehen. Dann bricht die Hölle los: Der Augen suchen Halt am Horizont, die Ohren hören den Soundtrack zu Dantes Inferno und die Hände krallen sich fest ins Lenkrad, während die Flunder fährt, als gäbe es kein Morgen mehr.

Doch die imposante Längsbeschleunigung allein wäre wie Salz ohne Pfeffer. Weil eine Ausfahrt nur im Zusammenspiel mit einer entsprechenden Querbeschleunigung die nötige Würze bekommt, hat Italdesign den Wagen gut ausbalanciert, ihn stramm abgestimmt und eine sehr präzise Lenkung montiert. Sobald Allradantrieb, Fahrwerk und der Toleranzbereich des ESP auf Rennstrecke programmiert sind, gibt es für den GT-R deshalb auch in Kurven kein Halten mehr. Als führe er auf Schienen, durchschneidet er die Schikanen des Rundkurses sauber und präzise. Nur wenn es nass wird, kann man den Wagen auch mit dem Gasfuß lenken. 

Wo schon der normale GT-R ein Biest ist, wird er in der Geburtstagsedition eine Bestie, die Kurven und Konkurrenten frisst, ohne mit der Wimper zu zucken. Zumindest in der Theorie. In der Praxis allerdings wird das kaum je ein Kunde ausprobieren. Denn als rasende Rarität wird der der GT-R50 eher in klimatisierten Garagen zu sehen sein als auf der Überholspur oder gar in der Boxengasse und die Nissan-Fans werden ihn wohl allenfalls bei Ausstellungen oder Auktionen zu Gesicht bekommen. Und genau darin liegt ein großes Problem des rasenden Rentners für die Rennstrecke. 

Denn er mag spektakulär aussehen und auch so fahren. Doch so gelungen der GT-R50 als Geburtstagsgeschenk an die treuesten Fans auch sein mag, ist er doch nur ein lustvoller Lückenbüßer. Was die Bleifußfraktion eigentlich von den Japanern erwartet, ist keine Rarität für reiche Raser. Sondern bald 15 Jahre nach dem Debüt des aktuellen GT-R wäre es so langsam mal Zeit für einen Nachfolger.

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