Audi R8 V10 Performance Quattro — Mit 620 PS durch die spanische Nacht

Das schnellste Facelift des Jahres kommt aus Ingolstadt: Tracktest bei Nacht mit dem 620 PS starken R8 V10 Performance Quattro auf dem Circuito Ascari.

Die Sonne hängt schon bedrohlich nahe über dem Asphalt des Circuito Ascari, als wir die Schalensitze des neuen Audi R8 V10 Performance-Quattro entern. Der neue Name beschreibt umständlich was der Vorgänger mit einem „Plus“ auf den Punkt brachte. Mehr Power! 620 PS! Trotz Abgasstrangulation durch einen Otto-Partikelfilter. Und – jetzt dürfen wir alle gemeinsam aufatmen – der Zehnzylinder saugt weiterhin turbobefreit.

Der Startknopf sitzt nach wie vor am Lenkrad. Ansonsten fühlst du dich auch mit Helm und Rennoverall, der das Branding einer anderen Autozeitschrift trägt – schöne Grüße an die Kollegen aus Schwabach – auf Anhieb wohl zwischen digitalen Anzeigen, Carbondekor und Ziernähten, die zur vegasgelben Außenhaut passen. Die Taste für die Auspuffklappen suchst du beim Neuen vergeblich, denn die regelt der R8 von nun an selbstständig. Pech für alle Boulevard-Poser – Glück für Abt, MTM und Co., die eine Lösung bestimmt schon in der Schublade haben. Und wenn der R8 dann schon auf dem Hof steht, könnten sich die Tuner gleich etwas Sinnvolles für die drei Schlitze unterhalb der Haubenkante einfallen lassen, die vom Marketing als Hommage an den Sport-Quattro zelebriert werden aber keinerlei praktische Nutzen haben.

V10-Sauger: Wohl der letzte seiner Art

Unbeeindruckt davon erwacht der 5,2-Liter-V10 donnergrollend. Ohne die Hände vom Steuer zu nehmen, bringen wir das Topmodell via Drive-Select-Taste und Dreh-Drück-Regler in den Performance-Modus für trockene Bedingungen und rollen zum Boxenausgang. Kurzer Stopp, Launch Control aktivieren, und der V10 pegelt sich bei 4.500/min ein. Ansatzlos schnalzt der R8 auf die Strecke, im Idealfall vergehen nur 3,1 Sekunden bis Tempo 100. Zwischendurch will bei 8.700/min der zweite Gang via Schaltwippen und Doppelkupplung eingelegt werden.

Immerhin etwas Handarbeit, schließlich ist der Handschalter schon seit längerem Geschichte. Ehrlicher Weise ist das auch kein Wunder, denn der Siebengang-Doppelkuppler kann einfach alles besser. Außerdem soll ein R8 auch für – Achtung Zitat eines Audi-Ingenieurs dessen Namen wir aus Genderpolitischen Gründen nicht nennen wollen: „Die Ehefrau des Audi-Kunden problemlos fahrbar sein.“ Noch Fragen?

Mehr Dynamik in der Lenkung

Obwohl die optionalen Michelin Cup-2-Reifen im 20-Zoll-Format kaum vorgewärmt wurden, biegt der Allradler schon in der ersten Links nach Start-Ziel zackig und zielgenau ab. Denn neben Fahrwerkskomponenten hat Audi auch die optionale Dynamiklenkung spürbar präziser abgestimmt. Obwohl sie normalerweise mit variabler Übersetzung arbeitet, ist sie in der Performance-Stellung auf 14:1 fixiert – und Junge das passt und schafft schnell vertrauen hinterm Volant.

Fast schon spielerisch tänzelt der Supersportler so durch die teils engen Kurven, feedbackt genauestens, was gerade an der Vorderachse passiert. Und das obwohl der fette R8 mit seinen hecklastig ausbalancierten 1,6 Tonnen gefühlt eine Nummer zu groß für den Privatparcours ist. Dessen kaum vorhandenen Auslaufzonen wechseln sich mit Leitplanken direkt an der Piste ab. Zudem will der Streckenverlauf erst noch verinnerlicht werden. Doch Unsereins lernt ja schnell. Dank Allrad-Traktion verschiebt sich das persönlichen Limit schnell nach oben. Schöpft aber noch nicht alles aus was der R8 eigentlich könnte.

Licht aus, Laserspot an

Und dann ist es mit einem Mal Nacht. Wobei Dunkelheit relativ wird, wenn die Matrix-LEDs und Laserlichter helle Schneisen in die Dunkel schneiden, die der donnernde V10 hinter dir wieder einreißt. Dankbarer Weise haben die Streckenposten Anbremszonen und Einlenkpunkte mit Leuchtkegeln markiert, was die Orientierung enorm erleichtert. Auch wenn die Stoppuhr etwas anderes sagt, gefühlt bist du im Dunkeln viel schneller unterwegs als bei Licht.

Zwar sammeln die heißen Cupreifen den Gummiabrieb der Slicks des Audi R8 LMS auf, der hier als Renntaxi seine Bahnen zieht und die Keramikbremsscheiben glühen mit den fetten ovalen Endrohren um die Wette, doch auch nach mehreren Runden am Stück kann von Fading oder Untersteuerneigung im Grenzbereich keine Rede sein. Stattdessen beginnst du zu spielen, drückst den Hintern leicht nach außen. Und hast dabei im Hinterkopf, dass dich notfalls der ESP-Anker sanft einfängt, wenn du es doch mal übertreibst. Oder schlicht vergessen hast, dass nach der schnellen Rechts-Links-Kombination, mit Kurve 18 eine blinde Rechtskuppe auf dich wartet, die dann in eine langgezogene Links übergeht. Keine Angst, wir haben alles heil gelassen, bringen den vegasgelben R8 unversehrt zurück in Box, steigen aus und sind im siebten Sportfahrerhimmel.

Fazit

Keine Frage, schon bisher war der Audi R8 ein ganz Schneller. Der renovierte R8 sieht schärfer aus als je zuvor, klingt so gut wie eh und je, und dank der Fahrwerks- und Lenkungsmodifikationen liegt er auf der Rennstrecke besser denn je! Und mutiert mit optionaler Dynamik-Lenkung sowie Cupreifen sogar zum Handling-Talent. Wenn also die Ehefrau des Audi-Kunden den Schlüssel nach der Shoppingtour wieder hergibt, sehen wir den Supersportler in Zukunft seltener auf Boulevards, dafür öfter bei Trackdays.

Quelle: http://www.auto-motor-und-sport.de/fahrbericht/audi-r8-v10-performance-quattro-fahrbericht/

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