Autofabrik der Zukunft — Zu Besuch im Borgward-Werk Miyun

Rund 60 Kilometer nordöstlich von Peking hat Borgward in nur drei Jahren eine riesige Automobilfertigung hochgezogen. Produziert wird hier auch für den deutschen Markt. Wir haben uns das Werk angesehen.

Das unselige Beispiel Deutschlands längster Baustelle kommt einem unweigerlich in den Sinn, wenn man vor dem Hauptgebäude des Borgward-Werk Miyun steht. Ein riesiges, leicht pompös gestaltetes Verwaltungsgebäude an einem Promenadeplatz, hinter dem sich die Produktionshallen erstrecken. Während am Flughafen BER von einer Panne in die nächste gestolpert wird und Milliarden im märkischen Sand versickern, hat der chinesische Autobauer hier binnen kürzester Zeit eines der weltweit modernsten Autowerke auf eine Fläche von 1,1 Millionen Quadratmeter gestellt. 2013 war Baubeginn, 2014 standen die Gebäude, 2016 wurde mit der Produktion begonnen. Und nun, 2018, fällt der Startschuss für den deutschen Markt, der gerne als der „schwierigste der Welt“ bezeichnet wird.

Die Marke Borgward zu verstehen, ist dabei etwas diffizil. Ausgestattet mit den Namens- und Markenrechten des legendären deutschen Automobilbauers aus Bremen, der von Oldtimerfans bis heute vor allem für die „Isabella“ verehrt wird, machte sich der chinesische Nutzfahrzeugriese Foton ans Werk – der Lkw-Hersteller hält die gesamten Anteile der chinesischen Borgward Automotive Ltd.

Borgward-Zentrale in Stuttgart

In Stuttgart wiederum, der Keimzelle des Automobilbaus, ist die Verwaltungszentrale der Borgward Group AG untergebracht, man versteht sich hier als deutsch-chinesisches Joint-Venture. Was allerdings eher für die Personalsituation als für die Finanzen und die letztendliche Entscheidungshoheit gilt – die sind in chinesischer Hand.

Ein Rundgang im Borgward-Werk Miyun hat überraschende Erkenntnisse zu bieten. Die geplante Kapazität in der Endausbaustufe (gerade wird eine neue Fertigungslinie installiert) liegt bei 360.000 Fahrzeugen pro Jahr, aktuell können 180.000 Fahrzeuge jährlich gebaut werden. Der extrem hohe Automatisierungslevel (rund 65 Prozent insgesamt, über 90 Prozent im Fahrzeug-Rohbau) erreicht selbst unter westlichen Maßstäben ein neues Niveau. So stellen die derzeit insgesamt 443 Roboter des deutschen Herstellers KUKA einen neuen Rekord für die Fertigungslinie dar.

Borgward-Werk in Miyun

Das Presswerk für die Karosseriebleche ist nahezu komplett automatisiert, Schweißroboter für Punkt- und Laserschweißen erledigen den Rohbau, Handlingroboter die Teilezulieferung. Entsprechend arbeiten verhältnismäßig wenige Menschen in den blitzsauberen Produktionshallen. Die Fertigungsstraße ist dafür ausgelegt, ohne Verzögerung in der Taktfrequenz bis zu acht verschiedene Modelle produzieren zu können, auch das ein Rekordwert. Aktuell laufen zwei Modelle hier vom Band, der Borgward BX-7 und der Borgward BX-5. Der BX-7 ist auch das erste Modell, mit dem Borgward in Deutschland auf den Markt kommt. Ergänzt wird das Programm in Kürze durch das SUV-Coupé BX-6 und ab kommendem Jahr mit dem vollelektrischen SUV Borgward BX-i7.

Stolz sind die Borgward-Leute bei der Präsentation auch auf die Umwelt- und Sozialstandards. Man zahle überdurchschnittlich gut, biete großzügige Sozialleistungen und gutes Arbeitsklima, hohe Arbeitssicherheit und modernste Umweltstandards. Tatsächlich sind die gekapselte und verhältnismäßig leise Pressanlage oder die effiziente Reinigung der Emissionen aus der Lackiererei auf höchstem Niveau, rauchende Schlote sieht man im Werk Miyun nirgends.

In Bremen soll auch produziert werden

Borgward kommt jedoch nicht nur mit neuen Autos auf den deutschen Markt, sondern auch mit angekündigten Arbeitsplätzen. Trotz des hochmodernen Werks in Miyun soll in Bremen eine CKD-Produktion entstehen, in der voraussichtlich ab 2019 das Elektro-SUV Borgward BX-i7 aus angelieferten Komponenten zusammengebaut wird. Dann gäbe es auch zum ersten Mal seit 1963 wieder einen Borgward „made in Germany“.

Quelle: http://www.auto-motor-und-sport.de/news/borgward-werk-miyun-china-werksbesichtigung/

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