Bentley Mulsanne: Mit dem Big Bentley auf der Zielgeraden

Die Sitze sind beheizt, ein eingebauter Masseur lässt die Finger laufen und hier irgendwo hat jemand das Londoner Symphonie-Orchester versteckt. Man könnte jetzt entspannen, ein Klavierkonzert hören und aus dem Fenster schauen. Leider geht das im Moment nicht. Ich sitze am Steuer des großen Bentley und bin auf der Suche nach der Bestzeit auf dem Anglesey Circiut in Wales.

Nach der ersten Runde wird’s heftig. Der imaginäre Passagier hinter mir wird langsam unruhig. Sein Kopf verschwindet ganz plötzlich aus dem Rückspiegel, dann ist er wieder da, dann ist er wieder weg. Vollgas, anbremsen, einlenken und mit Schmackes und Schwung wieder raus. Mehr als 2,6 Tonnen Bentley bemühen sich um ihre innere Ruhe. Von Ettikette keine Spur, der Brite zeigt, dass tief in ihm drin das Gen aller Briten steckt: Motorsport.

Auf dem Weg zur Rennstrecke macht die Limousine das, was sie am besten kann. Laufen, rollen und beeindrucken. Im Inneren mit Leder, Holz und einer Kombination aus angelsächsischer Kultur. Auch ohne Kamin und Zigarren-Aschenbecher wird man vom Geist des Herrn Walter Owen Bentley eingefangen. Weiter vorn laufen acht Zylinder im Takt. Der bewährte 6.75-Liter-Motor ist die wohl beste Schnittstelle zur Tradition des Hauses Bentley. In aller Ruhe werden Kräfte an die Kurbelwelle gereicht, das Getriebe schaltet sanft und direkt. Man spürt, dass im Maschinenraum der großen Limousine mehr als fünzig Jahre Erfahrung arbeiten. Außerdem werden mechanische Unruhen fein und säuberlich vom Salon ferngehalten, man ruht auch akustisch und nähert sich dem Ziel der Reise. Neben mir sitzt Chris, ein Profi der Rennfahrergilde. Er wird mir später erklären, weshalb ich bei der Drei deutlich bremsen soll.

Bentley-Mulsanne-Titelfoto1

Links ab. Anglesey Circiut, ein kleiner Privatkurs. Direkt am Meer. Zandvoort lässt grüßen. Ein Brite hat den Kurs gekauft, früher hoben hier Militär-Jets ab. Jetzt hetzen Motorräder und Sportwagen am Meer entlang. In Sichtweite liegt Irland, man könnte nach Dublin springen. Der Bentley parkt und ruht. Wenn der wüsste.

Chris reicht einen Helm und erklärt die Strecke. „Ein paar lange Kurven, halb so wild. Aber die 3 ist tricky. Stark anbremsen, rüber und die 90-Grad-Links mit Bedacht. Dann in die Rechts mit mehr Power am Scheitelpunkt, Gas und weiter.“ Die ersten beiden Runden fährt Chris, der Bentley zieht seine Bahn, die Lastwechsel sind wie erwartet deutlich spürbar. Die Keramikbremsen müssen hart arbeiten, die Masse von 2,6 Tonnen fordert ihren Tribut.

Fahrerwechsel. Helm auf zum Gefecht. Beim Einsteigen Kopf einziehen, das ist bei einem Kaliber wie dem Mulsanne erst mal ungewohnt. Reifen, Bremsen und Fahrwerk sind vorbereitet, Fahrwerksregler steht auf „Sport“. Chris ruft „Go!“ und der Mulsanne erhöht die Drehzahl. Ab 1.750 U/min liegen mehr als 1.000 Nm an. 1020 um genau zu sein. Das ist eine gewaltige Zahl, die allerdings in Relation zum Gewicht und der Ausrichtung des Fahrzeuges deutlich an Wirkung verliert. Nicht das Drehmoment ist auf den ersten Metern, den ersten Kurven relevant, sondern das Fahrwerk, das Getriebe und die Elektronik, also das ESP. Ganz ausschalten lässt sich die Fangleine nicht, was auch von Vorteil sein kann. Wer den Wagen mit zuviel Mut und Entschlossenheit in die Kurve wirft oder zu optimistisch aus der Kurve heraus beschleuningt, könnte sich recht schnell außerhalb der aspahltierten Strecke wiederfinden. Das Heck strebt mit Macht nach Außen, der schwere 6,75-Liter-Motor drückt die Nase des Wagens nach unten. All dies wirkt nachhaltig und zeigt, dass sportliche Naturen der Physik besser nicht den Rücken kehren sollten.

Bentley-Mulsanne-Fahrbericht-Rennstrecke

Eine lange Rechtskurve. Offen und leicht nach innen geneigt. Jetzt wirken Drehmoment und Fahrwerk. Der Brite sitzt auf dem Asphalt, gewinnt beeindruckend schnell an Fahrt und gewöhnt sich sehr schnell an seine Umgebung. Die 3 kommt in Sicht, ein kleiner Hügel und dort oben auf der Kuppe lauert die 90-Grad-Links. Keramik wird erwärmt, der Wagen neigt das Haupt deutlich, das Heck hebt sich. Die Elektronik arbeitet merklich, ohne die Eingriffe des Rechners auf die Leistungsverteilung wäre der Wagen schon mehrfach neben der Spur gelandet. Was nicht nur der Masse und Konfiguration der Limousine geschuldet ist, sondern auch meiner Fahrweise. Ein leichter Sportwagen mit Schwerpunkt in Mitte wäre an dieser Stelle deutlich schneller unterwegs. Trotzdem muss man den Entwicklern bei Bentley ein Lob aussprechen. Der Brite hält sauber die Spur, entfaltet seine Kraft deutlich, und wenn er zu Ausbrüchen neigt, wird der Fahrer entsprechend gewarnt. Der Mulsanne ist auch auf der Rennstrecke ein Gentleman und keine Diva. Das mag für „echte Männer“ nicht sehr aufregend sein; an Drift, also Rutschen, ist nicht zu denken. Was auf einer Rennbahn auch nicht sinnvoll ist, wir wissen: Rutschen kostet Zeit und Reifen.

Nach fünf Runden rollt der Wagen in die Boxengasse. Die Bremsen atmen aus, es riecht und qualmt ein wenig. Bis zur Rückfahrt zum Flughafen Manchester ist noch Zeit. Gedankenaustausch mit Chris. Was sagt der Profi? Der Mulsanne ist kein Rennwagen, kein Supersportler. Er schafft 296 km/h, er braucht 5,3 Sekunden bis Tempo 100 und er bringt seine 513 PS deutlich spürbar auf die Straße. Dass man 2,6 Tonnen nicht wegzaubern kann, ist bekannt. Aber wie der Bentley auch im Sinne von W. O. Bentley seine Kräfte entfaltet, ist beeindruckend und auch verlockend. Serpentinen und ähnliche Gebilde wird man im Mulsanne sicher nicht in allzu großer Hektik befahren, auch weil man an Passagiere im Fond denken sollte. Aber sportliche Talente soll man fördern und der Big Bentley ist sichtlich talentiert.

Text: Ralf Bernert
Fotos: Peter Robain im Auftrag von Bentley Motors

 

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