Das kleine Mercedes-Coupé und ich

Seit ich beim Daimler gestartet hatte, gab es „kleine Coupés“. Oder „Gubbees“, wie man das auf schwäbisch sagt.

Das erste, das ich erlebte, war das Coupé vom W 114/115, auch gerne /8er genannt, weil die Baureihe 1968 startete. Wenn ich mich recht erinnere, hieß die Coupé-Variante nicht C 114/115. Man hatte ihr wahrscheinlich keine eigene Bezeichnung gegeben. Es war eigentlich auch der 4-Türer und man hatte lediglich die hinteren Türen samt B-Säule weggelassen sowie das Dach und somit das Glashaus verkürzt. Dadurch hatte das Auto einen nicht enden wollenden Hintern und sah irgendwie komisch aus. Ich persönlich fand ihn schrecklich und ich glaube, er bekam keine eigene Produktbezeichnung,weil man sich wegen des Designs ein bisschen geschämt hat. Der Verkaufserfolg war bescheiden und der typische Kunde war z.B. meine Steuerberaterin – über 50, alleinstehend, gutes Einkommen und ein Stern auf der Haube vorne musste sein..

Mercedes benz coupes

Der zweite war dann der C 123. Der 1975 eingeführten Limousine wurde 1977 ein Coupé nachgereicht, dem man ansah, dass man sich dieses mal mehr Mühe gegeben hatte. Der Radstand war etwas kürzer als der der Limousine, das Dach niedriger, Front und Heckscheiben stärker geneigt und dadurch war das Auto deutlich besser proportioniert. Es wurden immerhin fast 100.000 im gesamten Leben, aber im Vergleich zu 2,7 Mio 123 insgesamt waren das peanuts und nur halb so viel wie das damals noch nicht so Hit-verdächtige neue T-Modell.

Die Offenbarung kam mit der Baureihe 124. Die war ganz im Stil des von Anfang an sehr erfolgreichen W 201, dem 190. Ich weiss noch wie das war, wenn in einem Showroom ein 201 neben einem 123 stand. Das waren Welten. Barock gegen Bauhaus. 201 und 124 waren die ersten Stückzahl-Daimler, bei denen die Italiener die zusammengedrückten Fingerspitzen an den Mund führten und „che bella macchina!“ sagten. So dann auch beim Coupé, dem C 124. Der war aus einem Guss, richtig schön. Ich meine mich zu erinnern, dass der C 123 in Italien ungefähr 20 mal im Jahr verkauft wurde (fast ausschliesslich an ausländische Diplomaten), der C 124 ging dann Richtung 2.500. Die Limousine ging 1984/1985 in den Markt, das Coupé kam erst 1987. Und wurde sehnlichst erwartet.

Mercedes W124 Coupe

Vor allem in Italien. Die Freunde dort hatten schon einige verkauft und warteten jetzt auf die ersten Lieferungen. Umso mehr, als – wie damals üblich – die ersten bei Graumarkthändlern standen, nicht bei Vertragshändlern. Die deutschen Niederlassungen, vor allem die eine grosse nahe der Alpen, waren da recht aktiv. Ich machte im Mai/Juni 1987 eine Fahrradfahrt von Stuttgart nach Rom. In Italien hatte ich mir immer Städte mit Mercedes-Stützpunkt als Etappenorte ausgesucht. Ich kannte die Händler alle gut und sie haben mir gerne am vorgesehenen Tag ein Hotel reserviert. Ich hatte nichts vom Fahrrad gesagt. Sie haben sich dann noch toller, als das üblich und damals noch legal war, um mich gekümmert und der in Arezzo stand mit seiner halben Crew da und hat mich bewundert, wie ich in der MB-Werkstatt einen Platten flickte. Bologna war damals noch eine Niederlassung der Mercedes-Benz Italia. Der Gebietsinspektor Roberto Delmonte hatte mir ein Hotel reserviert, ich bat ihn aber, mich woanders, nahe der geplanten Strecke, unterzubringen. Er informierte den Niederlassungsleiter Romano Gandolfi. „Ich habe den Moos woanders untergebracht. Das neue Hotel liegt näher an seiner Strecke. Er kommt ja mit dem Fahrrad.“ „Con la bicy? Madonna, ich muss eine paar Kunden anrufen!“ Er hatte gedacht, ich komme mit einem C 124 und klappere damit Händler ab. Und er hatte mehrere Kunden, die einen wollten, avisiert.

In Belgien war ich dabei, als der Verkaufsdirektor Yvon Knepper den C 124 seinen Händlern vorstellte. Alle waren scharf auf das Auto. Er sagte ihnen: „Wir kriegen jetzt endlich C 124 nach Belgien. Das ist ein wunderschönesAuto. Das ist ein tolles Auto. Wir werden bei weitem nicht genug davon kriegen. Also: alle Autos sind für Kunden! Ich will keinen von euch einen fahren sehen. Und ich will ganz sicher nicht die Frau von einem von euch in einem sehen! Alles geht an Kunden. Die Kunden! Verstanden?“ Alle nickten. Dann drehte er sich zu seinem Leutnant Charly Flamand, der das ganze operative Geschäft für ihn erledigte. „Charly, der erste, der kommt, ist für mich.“ Und als alle grosse Augen machten… „C’est normal – je suis le chef.“

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