Debatte um H-Kennzeichen — Killen 90er-Klassiker das Privileg?

Der Funktionär eines Oldtimerclubs fordert, das H-Kennzeichen für Autos der 90er auszusetzen, der Club distanziert sich. Was ist da los? Und was sind die Fakten?

Ein Thema, das Teile der Oldtimerszene diskutieren, sorgt für hitzige Gemüter und Irritationen bei anderen Teilen der Szene: Sollen Autos aus den Neunziger-Jahren ein H-Kennzeichen bekommen? Ein Kommentar in der aktuellen Ausgabe der Motor Klassik hat die Debatte öffentlich gemacht: „Zehn Jahre Pause für den H-Zulassungs-Nachwuchs?“ ist der Titel eines Kommentars, in dem Rudolf Körper vorschlägt, das H-Kennzeichen für die Baujahre 1990 bis 1999 auszusetzen. Der Vorsitzende der Landesgruppe Württemberg-Hohenzollern des Allgemeinen Schnauferl Club (ASC) fürchtet den „Volkszorn“, wenn „der kräftige V8 seine Abgase ungereinigt in die Luft bläst neben einem Euro-4- oder Euro-5-Diesel, der alsbald draußen bleiben muss.“ Körper fürchtet eine Zunahme von Autos mit H-Zulassung und steigende Fahrleistungen. Die geringe Anzahl und die niedrigen Fahrleistungen seien stets die Argumente für das H-Kennzeichen gewesen.

Steuervorteile? Saisonkennzeichen kann günstiger sein

Hier hilft ein Blick in die Statistik: Am 1. Januar 2018, das sind die aktuellsten verfügbaren Zahlen, waren in der Bundesrepublik 422.213 Autos mit einem H-Kennzeichen zugelassen. Das sind 0,9 Prozent des Bestandes. Der Anteil von Autos, die älter als 30 Jahre sind, liegt jedoch erheblich höher: Das sind 1,6 Prozent. Offensichtlich lässt bei weitem nicht jeder Pkw-Halter sein Auto auf die H-Zulassung umschreiben. Steuerlich ist das auch nicht bei jedem Auto sinnvoll, ein Kleinwagen mit Katalysator und 1,2 Litern Hubraum kostet weniger Steuern, wenn er keine H-Kennzeichen-Zulassung hat. Schon für einen Mazda-MX-5 ist ein Saisonkennzeichen günstiger als die Zulassung mit H-Kennzeichen.

Vorteile bei Fahrverboten? Nicht unbedingt

Zumindest bei Benzinern mit Kat bringt das H-Kennzeichen auch bei Fahrverboten nur in wenigen Fällen Vorteile: Außer in Köln und Frankfurt dürfen Benziner mit grüner Plakette in die Umweltzonen und Innenstädte fahren. Seit 1989 ist der Dreiwege-Katalysator übrigens Pflicht für alle neu zugelassenen Benziner in Deutschland. Der ungereinigte V8-Benziner, den Körper meint, müsste also vor 1989 erstmals zugelassen worden sein. Dass sich Schlaumeier jetzt ein Auto mit H-Kennzeichen besorgen und damit durch die Stadt fahren, glaubt zumindest die Bunderegierung nicht. Die beantwortet eine Kleine Anfrage zweier Abgeordneter recht eindeutig: „Die Bundesregierung geht nicht davon aus, dass mehr Oldtimer mit H-Kennzeichen gefahren werden“ und nennt als Grund „unter anderem die in der Straßenverkehrs-Zulassungs-Ordnung geregelten Anforderungen an die Zuteilung des Kennzeichens.“

Der Vorsitzende des Parlamentskreises Automobiles Kulturgut im Bundestag, Carsten Müller (CDU), findet deutliche Worte für Körpers Kommentar: Das H-Kennzeichen für bestimmte Baujahre auszusetzen, sei „rechtlich nicht möglich“. Dass massenhaft Autos mit H-Kennzeichen im Alltag gefahren würden, hält er für wenig realistisch: „Diese Grundannahme ist grundfalsch“, sagt Müller. Den größten Zuwachs habe es zuletzt bei Autos von Mitte der 60er bis Mitte der 70er-Jahre gegeben. Zur Zeit würden Oldtimer im Schnitt 1.250 Kilometer im Jahr gefahren.

Massenhafte Zunahme an H-Kennzeichen? Naja

Schauen wir zum Schluss noch einmal in die Statistik. Die belegt, was viele Kenner der Materie ahnen: Zwischen 20 und 30 Jahren sterben viele Autos, weil ihr Betrieb unwirtschaftlich wird. Sind vor einigen Jahren noch die Karossen weggerostet und mussten teuer geschweißt werden, sind es heute Elektronikprobleme oder Ersatzteilsorgen, die Besitzer aufgeben lassen. Der gesunkene Restwert liegt gerade bei ehemaligen Alltagsfahrzeugen oft gefährlich nahe an den Summen für Erhaltungsreparaturen. Dazu kommt, dass gerade in diesem Alter manche Teile genau dann an Altersschwäche sterben, wenn sich gerade der Reparaturstau eines nachlässigen Vorbesitzers bemerkbar macht. Denn auch wenn es der Restwert längst nichts mehr mit dem Neupreis zu tun hat: Die Teilepreise bleiben meist auf einem Neuwagen-ähnlichen Niveau. Das alles führt dazu, dass am 1. Oktober 2018 zwar noch fast zwei Millionen Autos zwischen 20 und 24 Jahren alt waren, aber die Altersgruppe von 25 bis 29 Jahren nur etwa ein Drittel so groß ist: knapp 700.000 Autos rollen in Richtung rettendes H-Kennzeichen. Nicht alle werden ankommen.

Der Allgemeine Schnauferl Club (ASC) hat sich übrigens von Körpers Kommentar distanziert und schreibt auf seiner Website: „Der Allgemeine Schnauferl-Club begrüßt jeden Fahrer eines Youngtimers und freut sich über eine Mitgliedschaft in unserem Club. Der Denkanstoß eines unserer Mitglieder, das H-Kennzeichen für zehn Jahre auszusetzen für Autos, die jetzt 30 Jahre alt werden, war eine persönliche Aussage, die der Allgemeine Schnauferl-Club Deutschland e.V. nicht teilt.“ Der ASC-Vorsitzende Uwe Brodbeck verweist auf die Prüforganisationen und die Kriterien für das H-Kennzeichen. Motor-Klassik-Chefredakteur Hans-Jörg Götzl möchte die Debatte im Sinne der Meinungsfreiheit nicht unterdrücken, distanziert sich jedoch im Editorial desselben Heftes von dem Kommentar. Götzl stellt klar: „Wir dürfen den Nachwuchs nicht ausbremsen.“ Und der sitzt womöglich eher in einem Mazda MX-5 als in einem Porsche 356.

Der Allgmeine Schnauferl Club, gegründet 1900, hat 1500 Mitglieder und organisiert sich in 15 Landesgruppen. Seit 50 Jahren organisiert der Club Oldtimerausfahrten und seit 1901 gibt er das Magazin „Der Schnauferl“ heraus.

Quelle: http://www.auto-motor-und-sport.de/oldtimer/h-kennzeichen-diskussion-youngtimer-kommentar/

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