Erste Ausfahrt im neuen Cadillac CTS

Lissabon.  Die Augen geschlossen, den Namen „Cadillac“ gemurmelt und Elvis Presley vor einem pinkfarbenen 6.5 Meter langen Haufen aus wollüstig und ungehemmt verschwendetem Edelblech gesehen. Unter der Haube töfften 8 Pötte mit der Macht und Gelassenheit von unendlich scheinenden Hubraum-Reserven vor sich hin.  

Die Augen geöffnet und vor mir steht eine leicht überschaubare Limousine. Nicht pink. Nicht unfassbar lang. Und „getöfft“ hat da auch nichts. Denn unter der Haube werkelt ein Vierzylinder-Turbo – und mehr Auswahl haben die Amerikaner nicht mit nach Deutschland gebracht. Erst mal.

Ausgerechnet ein Cadillac mit einem Vierzylinder-Turbo soll die Kampfansage der Detroiter-Edelmobilschmiede an das Europäische Premium-Establishment sein? Mutig? Verzweifelt?

Erstkontakt mit dem Cadillac CTS

Mit dem Rückzug der Marke Chevrolet vom deutschen Markt hat General Motors die gesamte Taktik für den (noch immer wichtigen) Europa-Markt geändert.  Billig und einfach wohnt nun nicht mehr hier. So die frohe Botschaft. Bei GM kann man auch anders, das wissen wir. Chevrolet Camaro und Corvette sind die, so genannten, „Iconic Cars“ – und mit dem Luxus-Label Cadillac will man den sportlich erotischen Klang der beiden Ikonen nun mit einer feinen Prise Premium-Feingeschmack abrunden.

Fünf Jahre hat der GM-Europa Chef Thomas Sedran Zeit bekommen um das neue Image der US-Boys in Europa zu schärfen. Premium, Sportlichkeit und Service stehen als Keywords auf der Agenda. Als bewusste Alternative zu BMW und Mercedes will man sich verstehen. Für Kunden die keine Lust  darauf haben, den gleichen Wagen vor dem Haus parken zu haben, wie der Nachbar. Menschen mit einem ausgeprägten Wunsch nach Differenzierung, ohne deswegen gleich die Lust am Premium-Automobil abzuschreiben.

Der Cadillac CTS stellt sich dem Wettbewerb mit den etablierten Premium-Limousinen, allen voran wird der „Fünfer“ von BMW genannt. Und da darf man nicht vergessen – auch im BMW 528i werkelt ein 4-Zylinder-Turbo, denn auch bei den Premium-Modellen der Münchner ist Downsizing angesagt und vier aufgeblasene Zylinder verbrauchen auch dort weniger als deren sechs ohne Turbo. Ist der Cadillac also einfach nur auf der Höhe der Zeit?

Cadillac CTS Angriff auf die Premiumklasse

Erste Fahrt im Cadillac CTS

Auch wenn die Designsprache der modernen Cadillacs nichts mehr gemein hat mit der feudalen Pracht der klassischen Modelle, so macht der CTS dennoch Eindruck. Optisch präsent, streckt sich seine Karosse auf knapp unter 5 Meter Länge, wuchs dabei gegenüber dem Vorgänger sogar noch einmal um 13 Zentimeter. Zusammen mit dem zwei Zentimeter tiefer verlaufenden Dach führt das zu einer geduckt wirkenden Karosserielinie, mit starken Schultern und eine steile Front. Die scharfen Linien und Kanten sprechen die moderne Cadillac-Sprache. Das Tagfahrlicht wurde vertikal in die Frontscheinwerfer eingebracht und sorgt zusammen mit dem großen Kühlergrill für ein eigenständiges Design. Verwechslung ausgeschlossen. Kurze Überhänge vorne und ein großer Kofferraum hinten verraten das klassische Antriebslayout.

Cadillac CTS US-Limousine für Europa

Cadillac light

Stolz ist man in Detroit über die erfolgreiche Diät des Cadillac CTS. Knapp 130 Kilogramm wurden gegenüber dem Vorgänger eingespart. Mit einem Leergewicht von 1.640 Kilogramm ist der CTS immerhin 50 Kilogramm leichter als der oft erwähnte Hauptkonkurrent aus München. Den Vorteil des cleveren Leichtbaus des Amerikaners konnte ich auf den kurvigen Landstraßen rund um den westlichsten Zipfel Europas erfahren. Zwischen Lissabon und Cabo da Roca fand die erste Ausfahrt statt und der Cadillac wusste durch agiles Handling und große Traktionsreserven zu überzeugen. Wie bereits beim Cadillac ATS im letzten Jahr, mit dem sich der CTS die Plattform teilt, war auch beim CTS das agile Handling die größte Überraschung.

Der Vierzylinder-Turbo ist weder besonders agil, noch versprüht er den Charme eines besonders gut klingenden Aggregates. Der mit zwei Liter Hubraum antretende Benzindirekteinspritzer tönt rau und unmotiviert, sobald man seine Komfortzone verlässt. Dennoch drückt der 276 PS leistende Motor mit stolzen 400 Nm Kraft auf die Kurbelwelle, was die Hinterachse jedoch nicht in Verlegenheit bringt. Die steife Karosserie, mit einem aufwendige Fahrwerk aus Mehrlenker-McPherson Vorderachse und Fünflenker-Hinterachse,  sorgt für die richtige Mischung aus Bodenhaftung und Fahrspaß. Traktionsprobleme sind dem Cadillac mit Heckantrieb eher fremd. Gleichwohl bietet Cadillac den CTS von Anfang an auch in einer Allradversion an.  Man spürt dem gesamten Fahrwerk an, dass der Vierzylinder-Turbo nur die Einstiegsmotorisierung darstellt. In den USA wird der CTS unter anderem mit einem deutlich kräftigeren V6-Bi-Turbo angeboten. Dieser Motor und ein neuer Dieselmotor (sowie eine moderne 8-Gang-Automatik) werden – so viel ist sicher – eines Tages auch in Deutschland angeboten. Nur wann, wollten die Cadillac-Verantwortlichen beim Termin Lissabon noch nicht verraten.

Cadillac CTS Blick unter die Haube

Auch wenn das Fahrwerk des CTS extrem gut abgestimmt ist, die Magnetic-Ride-Dämpfer bei Tempo 50 km/h bereits jeden Zentimeter Fahrstrecke das Fahrwerk neu abstimmen und für die perfekte Straßenlage sorgen wollen – und auch wenn die Pirelli P Zero Sportreifen Traktion bis zum abwinken garantieren,  der Cadillac CTS ist eher dem „easy cruisen“ verpflichtet, als hart am Gas hängend die Reserven des Fahrwerks zu suchen. Die Sechsstufen-Automatik motiviert ihn auch nicht erwähnenswert zu einer sportlichen Gangart und passt sich lieber dem Charakter des kleinen Benziners an. Beide wollen dahin gleiten. Dabei wäre auch die Bremsanlage für die Europäischen Verhältnisse angepasst. Mit großen Brembo-Stoppern an der Vorderachse lässt sich der CTS jederzeit kräftig zusammenstauchen. Doch der putzige Vierzylinder will lieber sanft per Gaspedal gestreichelt werden. Lockeres mit schwimmen im Verkehr wird bevorzugt, aber bitte nicht im Stop & Go das Fehlen einer Start-Stopp-Automatik bemerken. Dafür tut der Cadillac CTS alles. Vor allem im digitalen Bereich.

Nur zwei von vier möglichen Layout-Versionen.
Im Bild: Nur zwei von vier möglichen Layout-Versionen.

12 Zoll Kino

Im Cockpit des CTS spielt ein 12.3 Zoll großes LCD-Display die Hauptrolle (Nur in der Premium-Ausstattung!). Mit nicht weniger als vier unterschiedlichen Layouts lassen sich die Darstellungen der wichtigsten Fahrzeug-Informationen anpassen. Vom Dynamik-Setup mit großen Drehzahlmesser bis hin zu einer Version mit einfacher Darstellung der Basis-Daten. Neben dem großen Mäusekino im Armaturenträger, gibt es noch ein zweites, 8 Zoll großes Display mit Touchscreen-Funktion und haptischem Feedback in der Mittelkonsole. Hierüber lassen sich Navigation, Multimedia und auch das Klima steuern. Das haptische Feedback hilft beim bedienen, spürt man doch über eine leichte Vibration ob die gewünschte Auswahl auch wirklich gewählt wurde. Weniger überzeugend wirkt allein die Grafik des Navigationssystems. Hier sind die Mitbewerber teilweise um Welten enteilt. Die Verbindung von Handy und Multimedia-Einheit per Bluetooth klappt indes schnell und simpel, auch ohne Handbuch. Wer die modernste Cockpit-Version mit dem großen 12.3 Zoll Display wählt, der muss zum CTS in der Premium-Version greifen. Dann gehören auch so feine Extras wie das aus 13 Lautsprecher bestehende BOSE-Soundystem, das mehrfarbige und konfigurierbare Head-Up Display, eine Drei-Zonen-Klimaautomatik und das Extra große Glas-Schiebedach zum Lieferumfang.

Die dutzendfach einstellbaren Ledersessel bieten das notwendige Maß an Seitenführung, sind ansonsten vor allem bequem. Platz ist für Fahrer und Beifahrer mehr als genug vorhanden und dank dem Plus an Länge sind auch die Passagiere in der zweiten Reihe gut untergebracht. Die Verarbeitung im Innenraum wirkt untypisch gut für einen Amerikaner. Man spürt den Wunsch nach der Premium-Einstufung.

Preise

Theoretisch fängt der Cadillac CTS bei einem Werbepreis von 49.900 € an. Da man einen Cadillac nicht in der Buchhalter-Ausstattung ordert, bleibt jedoch nur eine der beiden Top-Ausstattungen übrig. Der CTS Performance kommt auf 55.150 € und die gefahrene Luxury-Version verlangt nach 57.350 €. Wenn man nicht gerade in der Schweiz wohnt ist der Allradantrieb verzichtbar.  Zumal der CTS mit Allradantrieb bei Höchstgeschwindigkeit und Beschleunigung (Papierwerte!) das Nachsehen hat (230 zu 240 km/h und 6.9 zu 6.6 Sekunden für den Sprint auf 100 km/h).

Der freundliche BMW-Händler ruft für einen ähnlich ausgestatteten BMW 528i übrigens locker 12.000 € mehr auf.

Cadillac CTS Testfahrt Portugal

Fazit

Ein gutes Fahrwerk und ein attraktiver Listenpreis sind nicht die wichtigsten Zutaten um im Premium-Segment erfolgreich zu sein. Der Cadillac CTS ist ganz sicher kein schlechtes Auto. Er hat sogar echte Talente. Aber die Selbstbeschränkung auf nur einen Motor und die Kombination mit dem wenig attraktiven Sechsgang-Automaten grenzen die aktuelle Zielgruppe für den edlen Ami auf eine kleine Randgruppe ein. In dieser müssen wiederum die Zahnärzte, Architekten und Querdenker gefunden werden, die sich mit der Wahl des eigenen Autos vom Rest der elitären Limousinen in der Nachbarschaft abgrenzen wollen.  Das noch sehr überschaubare Händlernetz tut sein übriges. Im letzten Jahr wurden keine 200 neuen Cadillac in Deutschland verkauft – und das obwohl es bislang drei Baureihen gab.

Es bleiben 5 Jahre Zeit um die Marke in Deutschland und Europa zu etablieren. Sollte die GM-Zentrale in 5 Jahren die Strategie erneut ändern und den Versuch, Cadillac als sechste Premium-Marke zu etablieren, beenden –  dann lag es nicht an den neuen Modellen ATS und CTS.

Bleibt noch zu erwähnen, auch Elvis Presley war natürlich nicht vor Ort.

[notification type=“notification_info“ ]Fakten zum Cadillac CTS[/notification]

Verkaufsstart:  Frühjahr 2014
Basispreis:  49.900 €
Motorleistung:  2.0L Turbobenziner R4, 276 PS
Antrieb und Getriebe:  6-Gang Automatik, Heckantrieb
Länge, Breite, Höhe, Radstand:  4.966 x 1.833 x 1.454 x 2.911
Normverbrauch:  8,5 l / 100 km
Höchstgeschwindigkeit:  240 km/h
Beschleunigung von 0 – 100 km/h  6.6 Sekunden
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Bjoern
Autos und Motorsport - meine Leidenschaft seit über 20 Jahren. Für mich müssen Autos einfach Spaß machen und wenn ich heute Neuwagen teste, dann habe ich meine eigenen Kriterien die ein Fahrzeug erfüllen muss. Ob mich ein Auto so richtig begeistert hat, könnt ihr hier im Blog herausfinden. Dazu kommen Nachrichten aus der Welt des Automobils und des Motorsports. http://about.me/bhabegger

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