Fahrer, Mitfahrer, Auto-Bild-Redakteure und der F015 von Mercedes-Benz

Es ist so eine Sache mit der Zukunft. Für viele von uns sind Veränderungen doof. Und wenn klar ist, dass sich die Dinge ändern werden, dann finden wir das prophylaktisch doof. Und eigentlich fehlt uns immer auch der Horizont, um die Veränderungen zu begreifen. Deswegen sind Entwickler und Visionäre so etwas Besonderes. Sie haben eine Fähigkeit, die andere Menschen nicht haben. Redakteure von Automobil-Zeitschriften zum Beispiel.

Das letzte Wort – ist noch nicht gesprochen

Meine Beziehung zur AutoBild? Eher ambivalent. Aber ich leiste meinen Obolus. Ich kaufe jede Woche eine gedruckte Variante der AutoBild. Das bin ich mir irgendwie schuldig. Will ich am Ende nicht schuld sein am Niedergang des Print-Objektes. Also kaufe ich die AutoBild am Kiosk, regulär. Das Durchblättern dauert dann üblicherweise 5 Minuten. Gute 80 Seiten, 5 Minuten. 21,60 € wären das, hochgerechnet auf eine Stunde Amüsement. Selten bleibe ich an irgendeinem Artikel länger hängen. Kennt man doch die ganzen Themen aus der eigenen täglichen Arbeit. Aber ich mag das. Die AutoBild ist nun einmal voller Profis und ich schaue gerne nach, was es bei den Profis noch zu lernen gibt.

Die Zukunft des autonomen Automobils

Aber manchmal wundere ich mich. Über „Das letzte Wort“ von Ausgabe 3/15 zum Beispiel.  AutoBild Redakteur Andreas May empfindet den F015 von Mercedes-Benz als „Quatsch mit Soße“ – denn er ist „Fahrer und nicht Mitfahrer“.

Nun, vermutlich ist es einfach ein Reflex. Der ganz natürliche Reflex eines Automobil-Liebhabers. Ähnlich der Reaktion von Fabian in seinem Artikel auf der PS.Welt. Ich verstehe es als die natürlichste Reaktion von echten Petrolheads. Von Menschen, die am liebsten auf der Urlaubsfahrt am Großglockner parken, den Motor abkühlen lassen, mit öligen Händen den Vergaser nachstellen, sich die Flossen am Krümmer verbrennen, dabei selig von den Benzindämpfen eingelullt werden und dem Postkutschen-Zeitalter keine Träne nachweinen. Pferdkutschen waren doof. Benziner, die sind cool.

Verstehe ich. Ich mag den Sound eines E30 M3 bei der Anfahrt auf den Pflanzgarten auch lieber in den Ohren als die künstliche Musik aus dem Lautsprecher eines E-Mobils beim Rangieren auf dem Supermarkt-Parkplatz.

Aber hey – wer hat denn gesagt, das eine müsse das andere ausschließen?

Ich erwarte von Profis ein wenig mehr Weitsicht. Ein wenig mehr Kompetenz beim Beurteilen der Szenarien. Es geht nicht um „entweder oder“, es geht um die Möglichkeiten der autonomen Mobilität von morgen. Ohne deswegen gleich in die verpupsten Sessel des ÖPNV zurückfallen zu müssen.

Und da wird eine Blech-Mettwurst wie der F015 von Mercedes-Benz eine Rolle spielen. Denn ich fahre nicht täglich über die Passstraßen der Alpen in den Urlaub. Nein, ich fahre täglich langweilige Strecken, immer wieder die gleichen. Oft genug im Stau. Da ist es nur logisch, wenn der Mensch Lösungen sucht, diese verschenkte Zeit zurück zu gewinnen. Denn das macht den Fortschritt aus. Effizienz und Komfortgewinn. Und dafür soll der F015 stehen. Er will uns nicht den Spaß am Autofahren abnehmen, er will uns die Zeit schenken, die wir uns durch unsere individuelle Mobilität beinah geraubt hätten.

Ein F015 wird uns erlösen von verschenkten Stunden. Er wird uns die Freiheit geben, selbst entscheiden zu können. Und dass die „autonome“ aber individuelle Autofahrt ein Wunsch der Menschheit ist, eventuell ein Wunsch, der vielen noch nicht bewusst ist, wird sich heraus stellen, sobald Google die erste Testflotte auf die Straßen entlässt. Und dann müssen sich Automobilhersteller herausgefordert fühlen. Dann müssen die Konzepte für die Zukunft gezeigt werden. Dass man deswegen in einer Aludose mit dem Sex-Appeal einer Mettwurst sitzt, glaube ich nicht. Da wirkt die korrigierende Autofahrer-Seele schon noch entgegen.

Schlecht gelaunte Auto-Redakteure, die negativ in die Zukunft blicken,  helfen dabei allerdings nicht.

Aber vermutlich bin ich jetzt nur auf Hrn. May reingefallen, immerhin ist er Profi und vermutlich war „das letzte Wort“ ja nur ein Anstoß für die Diskussion, bewusst provokant … 😉 

 

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Bjoern
Autos und Motorsport - meine Leidenschaft seit über 20 Jahren. Für mich müssen Autos einfach Spaß machen und wenn ich heute Neuwagen teste, dann habe ich meine eigenen Kriterien die ein Fahrzeug erfüllen muss. Ob mich ein Auto so richtig begeistert hat, könnt ihr hier im Blog herausfinden. Dazu kommen Nachrichten aus der Welt des Automobils und des Motorsports. http://about.me/bhabegger

2 Comments

  1. Ob der Rote Baron Linie fliegen würde?

    Auch die Autoredakteure sind nur Menschen. Aber Benzinmenschen, ganz sicher. Ihr Job: Über Autos berichten. Kritisch berichten. Aber wenn man das Auto nur nur noch testen(?) kann, wie man die Bahn testet oder die Lufthansa? Mitfahren statt fahren: Keine Lok selbst fahren, keinen Jet selbst fliegen. Dann wird aus dem Benzin-Autor ein Reisejournalist.

    Allerdings machen sich sodann Menschen, die den Mercedes F 015 nicht mehr als eigenhändig gesteuertes Mobil sehen nicht unbedingt Sorgen um ihren Job als Autotester. Sie setzen – und das ist guter Journalismus – Kontrapunkte. Durch Fragen an die Macher wie Mercedes oder Standpunkte, die pro und contra pointieren. Eben um Anstöße für Diskussionen zu geben. Gut so. Fahren und gefahren werden. Fahren mit Spaß, gefahren werden im Stau.

    F 015 oder 08/15? 🙂

    Vielleicht kommt das umschaltbare Auto, das einerseits autonom fährt, andererseits ein bisschen mehr Lenkrad und Cockpit hat als der F 015. Vielleicht mit so einem Drücker in der Hand, wie bei der Carrera-Rennbahn 🙂 … davor wird Porsche sich noch einige Jahre drücken.

    PS. Was anderes: Wann kommt nochmal der neue 911 GT 3 RS?

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