Genfer Autosalon 2015: Grell und ein bisschen grün

Die Zeit der ökologisch grundierten Zurückhaltung ist für die Automobilindustrie vorbei. Statt Elektroauto und Plug-in-Hybrid feiert die Branche nun wieder das Hochamt der Leistung. Was sich schon zum Jahresstart auf der Detroit Auto Show angekündigt hat, setzt sich zur Frühjahrs-Show in Genf Anfang März fort: 2015 steht im Zeichen von Sportwagen und Hochleistungslimousinen. Ganz ohne Spritsparbemühungen kommen diese aber auch nicht mehr aus.

In diesem Jahr wetteifern auf dem Autosalon gleich ein Dutzend Boliden mit zusammen rund 6.000 PS um die Leistungskrone in ihrem jeweiligen Segment. Alle Neuen sind natürlich stärker als ihre Vorgänger, aber in der Regel gleichzeitig deutlich weniger durstig. Dabei spielen vor allem zwei Technik-Trends eine Rolle: Elektrifizierung und Downsizing.

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Für letzteren Ansatz steht auch einer der Stars der Messe: der Ferrari 488 GTB. Das neue Coupé der Italiener bricht dafür ein kleines Tabu. Erstmals gibt es bei der dynamischen Speerspitze in der Modellpalette keinen großvolumigen Saugmotor mehr, sondern ein relativ kleines 3,9-Liter-Triebwerk, das den fehlenden Hubraum mit Turboaufladung kompensiert. Trotz 492 kW/670 PS Leistung soll der Normverbrauch lediglich 11,4 Liter betragen. Der Vorgänger 458 Italia mit 4,5 Litern Hubraum benötigte bei 100 PS weniger noch fast zwei Liter mehr. Mit fast dem gleichen aufgeladenen Hubraum (3,8 Liter) wie der neue Ferrari wartet übrigens auch einer der schärfsten Konkurrenten des Italieners auf: McLarens „Super Series“-Modelle, deren neuestes Derivat 675LT (496 kW/675 PS) ebenfalls in Genf Premiere feiert.

Der Saugmotor- und Hubraum-Verzicht aus Effizienzgründen ist in den zivilen Pkw-Segmenten schon längst Mode. Und auch bei Sportautos nicht mehr wegzudenken. Mercedes und BMW etwa bieten in ihren AMG- und M-Modellen mittlerweile fast ausschließlich mit vergleichsweise hubraumarmen Turbos an. Und in den unteren Klassen geht schon seit Jahren nichts mehr ohne Aufladung. So fahren in Genf auch die neuen kleinen und kompakten Sportmodelle Opel Corsa OPC, Ford Focus RS, Honda Civic Type R und Seat Leon Cupra ST ganz selbstverständlich mit aufgeladenen Vierzylindern vor. Als leichte Variation gibt es auch noch den Audi RS3, der weiterhin vom klassischen Fünfzylinder-Turbo angetrieben wird, der aus den anderen Modellen der Marke bereits verschwunden ist.

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Doch die Turboaufladung ist bei Sportwagenpuristen nicht unbedingt beliebt: Sie ziehen die lineare Kraftentfaltung und den drehzahlgierigen Charakter der Saugmotoren den Turbos vor, die ihre Kraft im direkten Vergleich eher früh, explosiv und manchmal eben auch im unpassenden Moment an die Räder schicken. So gesehen ist der Ford GT, der in Genf Europapremiere feiert, auch ein kleines Wagnis. Der Wiedergänger der 60er-Jahre-Rennwagenlegende und erste Ford-Supersportler seit Jahren verzichtet auf den traditionellen Achtzylinder und vertraut stattdessen dem V6-Turbo, ein Motorenkonzept, das Ford seinen amerikanischen Kunden auch in seinen Volumenmodellen zunehmend schmackhaft machen will. Das aufregende Coupé – und einziger Mittelmotorsportler der USA – ist daher in erster Linie Image- und Technologieträger, nicht Umsatzbringer.

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Die Alternative zum Turbo heißt Hybrid. Die Elektro-Unterstützung hat zuletzt bei den superteuren Extremsportlern Porsche 918 und Ferrari La Ferrari für Zusatz-Punch und gezügelten Durst gesorgt und feiert bei Honda nun auch im Supersportwagen-Segment Premiere. Die Japaner zeigen in der Schweiz erstmals die Europaversion des neuen NSX, mit dem sie nach Jahren der Zurückhaltung die Rückkehr in die oberste Leistungsliga feiern. Das expressiv gestaltete Coupé verfügt über eine Kombination von V6-Benziner und drei E-Motoren mit rund 550 PS Leistung. Das Zusammenspiel der einzelnen Komponenten des Hightech-Antriebs war offenbar so komplex, dass die Markteinführung immer weiter verschoben wurde. Nun steht diese kurz bevor, welche Fahrleistungen und Verbräuche die Technik möglich macht, sagt der Hersteller aber noch nicht.

Trotz Hybrid- und Turbobooms gibt es in Genf aber auch noch die Vertreter der reinen Lehre zu sehen. Allen voran die Neuauflage des Audi R8, der wieder auf einen aggressiv hochdrehenden V10-Sauger setzt – ohne Turbo und ohne Elektrounterstützung. So hat es schon Tochter Lamborghini Mitte 2014 beim technisch verwandten Huracan getan, und so halten es die Italiener auch beim in Genf gezeigten Aventador Super Veloce, der extra leichten Variante des Zwölfzylinder-Supersportlers. Und auch Porsche wiedersteht im neuen Cayman GT4 dem Turbo-Druck. Das kleine Coupé wird auch in seiner stärksten Ausführung von einem frei saugenden Sechszylinder-Boxer (283 kW/385 PS) angetrieben.

Insgesamt steckt die Autoindustrie mit ihren Sportwagen aber ein wenig in der Zwickmühle. Denn trotz immer effizienterer Antriebe bleiben die Verbräuche unterm Strich hoch. Zumindest den großen Herstellern könnten zu zahlreiche Verkäufe künftig die CO2-Flottenbilanz verhageln. Kleinere Hersteller wie Ferrari und Co. fallen zwar nicht unter die Grenzwertregeln, aber auch sie müssen um gesellschaftliche Akzeptanz und ihre selbstgesteckten CO2-Ziele kämpfen. Auf Sportwagen verzichten können beide Gruppen aber auch nicht. Zwar gehen weltweit die Verkäufe in diesem Segment zurück, aber die Margen bleiben genauso hoch wie die Strahlkraft auf die übrige Modellpalette. Wie wichtig die Boliden fürs Image sind, zeigen in Genf nicht zuletzt die Comeback-Modelle von Ford und Honda.

Autor: Holger Holzer/SP-X

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SP-X Redaktion
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