Juha Kankkunen Driving Academy — VW Amarok im Querverkehr

Hoch oben im finnischen Lappland, kurz vor der russischen Grenze, betreibt Rallye-Legende Juha Kankkunen eine Fahrschule der eisigen Art. Und das funktioniert auch mit einem Pickup.

Es gibt lebende Legenden im Motorsport, denen man mit einer gewissen Ehrfurcht die Hand reicht. Der Finne Juha Kankuunen gehört zweifellos zu dieser Spezies. Stolze vier Rallye-WM-Titel gehen (unter anderem) auf das Konto des heute 59-jährigen Kankkunen, der sich 2010 aus dem aktiven Rallyesport zurückzog.

Gemütlich auf der Veranda im Schaukelstuhl zu sitzen, stand für Juha Kankuunen allerdings nicht zur Debatte. Stattdessen mietete er sich ein weitläufiges Gebäudeensemble, eine ehemalige Landwirtschaftsschule an einem der über 180.000 Seen Finnlands, und gibt seitdem zahlender Kundschaft ein paar Einblicke in die Kunst des Querfahrens.

Amarok statt A5

Üblicherweise turnen die Gäste in Ingolstädter Eisen übers Eis, Audi S3 und A5 mit jeweils ausreichender Leistung stellen das Gros der „Fahrschulautos”. In unserem Fall wich Kankkunen allerdings etwas vom Protokoll ab und stellte ein Rudel Pritschenwagen vor die Tür des Schulungszentrums: VW Amarok V6, mit vergnüglichen 190 kW unterwegs, es bleibt ja in der Familie.

In Finnland, wo einem die Kfz-Steuer die Tränen in die Augen treibt (und zwar nicht vor Freude), bieten die Pickups eine kleine Flucht vor dem Fiskus. Werden sie als Lkw typisiert, fällt die Kfz-Steuer weg, die im Falle des VW Amarok auch mal weit über 30.000 Euro ausmachen kann. Da kann man schon mal fremd gehen, zumal der Amarok mit seinem Dreilitermotor ja alles andere als untermotorisiert ist.

Rund zehn Kilometer Tracks unterschiedlichen Charakters, vom Kreisel bis zum verwinkelten Rennkurs, präpariert das Team jedes Jahr im Winter auf dem zugefrorenen See. Zur Einstimmung etwas Pylonenwedeln, Ausweichtest und lustiges Gedrifte auf der Kreisbahn, dann können die gehobenen Herausforderungen kommen.

Dass so ein Pickup mit 2,1 Tonnen Leergewicht und über drei Meter Radstand nicht unbedingt grazil mit feinem Strich über die Eisfläche dirigiert werden kann, liegt auf der Hand. Mit leichter Verzögerung, als müsse er jedesmal nachfragen, ob der Fahrer das wirklich ernst meint, reagiert der 5,2-Meter-Dampfer auf dem blanken Eis auf Gas, Lenkung und Bremse. Ist das verinnerlicht, geht es aber erstaunlich zügig voran, indem man dem Amarok einfach diese winzige Gedenksekunde voraus ist.

Mit Spikes auf dem Eis – glatt ist es trotzdem

An Leistung mangelt es wahrlich nicht, auch die Lenkungsabstimmung gibt keinen Grund zur Klage. Der knapp 260 PS starke Pickup ist mit seinem permanenten Allradantrieb auch erstaunlich traktionsstark auf dem blanken Eis unterwegs – was nicht zuletzt an den mit Spikes gespickten Continental-Reifen liegt.

Und er kann driften: Hart eingelenkt, kurz das Gas gelupft, auf das überholende Heck warten, Lenkung ausrichten und wieder rauf aufs Gas, schon kann man die vor sich liegende Fahrstrecke durchs Seitenfenster betrachten. Einen Bonus-Tipp für den formvollendeten Donut, nicht unbedingt die Paradedisziplin eines Permanent-Allradlers, gibt es vom Instruktor: Hart Ankern, Bremse etwas öffnen, rauf aufs Gas und gleichzeitig einlenken, runter von der Bremse. Und ab geht’s.

Zwei Tage dauert die Sause, am Ende gibt es ein Diplom vom Meister höchstpersönlich unterschrieben. Zwischendurch stellt Kankkunen auf einer Taxifahrt klar, wer auf dem Eis wirklich das Sagen hat. Aber man kann sich ja auch darauf herausreden, dass der von ihm bewegte 301-PS-Golf viel reaktionsfreudiger zu händeln ist als das Trumm von Kleinlaster. Jedoch: Leider ist das, objektiv betrachtet, nur die halbe Wahrheit.

Quelle: https://www.auto-motor-und-sport.de/fahrbericht/juha-kankkunen-driving-academy-lappland-im-amarok/

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