Kolumne: Audi! Quo vadis?

Damals vor der Schule:
„Der fährt mindestens 220!“ – „Wiesooo?“ – „Na, weil da 240 auf dem Tacho steht!.

Heute auf der Autobahn:
In voller Fahrt kann man den Autos von außen nicht auf den Tacho gucken. Aber ins Gesicht: Ein Audi A8 hätte heutzutage ein hohes Überholprestige – ein unübersetzbares deutsches Wort, um das uns die Amerikaner beneiden. Zum Beispiel auf der Autobahn, sagen wir auf der A8 🙂 Ein großes, schwarz begittertes Sechseck graviert sich in den Rückspiegel des Vordermanns. Die Botschaft: „Weg da! 300 PS im Alu-Dress verlangen freie Bahn!“ Dem Vordermann, der dann nicht auf die LKW-Bahn umspurt, drohen Ingolstädter Schießscharten im Modus „Laser auf Betäubung“.

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Zugleich programmiert diese Situation das Langzeitgedächtnis potenzieller Links-Fahrer für das nächste und alle weiteren Male „auf der Bahn“. Ich. Bin. Audi! Weg da! Wie gesagt „hätte“ ein A8 heute immer noch freie Autobahn, aber Audi hat an der Design-Front buchstäblich demokratisiert. Was man als gesellschaftlichen Fortschritt begrüßen kann – linke Spur für alle – bedeutet dem Vordermann heutzutage: Ich bin ein Audi A8. Oder ein A6, oder … ich könnte auch ein A3 sein.

Einheitslook. Und wegen dieser Unsicherheit blockiert inzwischen so mancher Astra-Fahrer – nichts gegen den Astra – unwissentlich die linke Spur: Shocking! Das selbst dann, falls Kanzlerin Merkel vorbei will. Oder Bundespräsident Gauck – beide ausweislich jeder dritten Tagesschau A8-Kunden.

Audi fehlt ein Gesicht – Mercedes zeigt es
Auh! Kanzlerin und Bundespräsident fahren Audi. Für die VW-Edelmarke ein grandioser Erfolg und ein Zustand, der Dieter Zetsche den Schlaf rauben muss. Aber zum Trost nach Stuttgart, Dr. Z.: Eines wäre „dem Daimler“ nie passiert. Im wahrsten Sinne des Wortes: Am Gesicht der neuen, stilprägenden C-Klasse sei es festgestellt.

Den Ingolstädter Baureihen fehlen prägende optische Elemente, die Baureihen-Unterschiede deutlich machen. Anders als Audi präsentiert Mercedes seit 30 Jahren etwa alle drei Jahre im Wechsel von S- und E-Klasse einen Design-Fortschritt. Zuletzt prägten die neuen C- und S-
Klassen einen neuen Designstil. Bereits vor 20 Jahren hatte Mercedes seinen alten Chrom-Dom renoviert: der „Plaketten-Kühler“ entstand.

Auch ein A3 darf und muss zeigen: Ich bin ein A3!

„OK, ein Qualitäts-Auto, ein Besser-Golf mit einem Fahrer voller „Ambition“ (Sonderausstattung :-). Dem mache ich Platz“. So oder ähnlich möge der ideale Vordermann handeln. Wenn’s läuft, läuft“s. Aber nach „oben“ gezählt, müssen ein A8 oder ein kommendes A9 Coupé – pardon „Prologue“ –  die Spitze des Anspruchs „Vorsprung durch Technik“ als Bild repräsentieren. Auch ein A3 muss Platz machen, wenn der Platzhirsch kommt. Ob dieser zwölf Enden lediglich am Geweih oder auch ein Dutzend Töpfe unter der Haube hat, lässt sich beim Versuch auf der A8 nicht feststellen. Selbst ein A8 Clean Diesel hat ererbte Rechte.

Prologue - Profil

Statt den großen vom kleinen Audi unterscheidbar zu machen, muten die Kühlermasken mit den vier Ringen seit Jahren untereinander als austauschbar an. Im Ernst: Haben A3- und A8-Grill eigentlich dieselbe Ersatzteil-Nummer plus Zusatz S, M, L und XL? Prolog oder Retro?

Apropos Audi „Prologue“. Außer schärferen, abgesetzten Kanten auf angedeutet verbreiterten Kotflügeln zeigen die Ingolstädter nichts Neues. Ähnlich dem kleineren A5 Coupé (auch nicht gerade ein frischer Entwurf!) überträgt die neue Studie „starke Hüften“ als verbindendes Design-Element in die kommende Zeit, deren Wölbung vor und über der Hinterachse eine gewisse Potenz zum Ausdruck bringt. Zu diesem maskulinen Element an der Hüfte, gerade an Coupés ohne störende Hintertüren am besten erkennbar, gesellt sich ein steilerer Kühler.

Cooler Kühler? Sechs Ecken, schwarz, flach. Bekannt. Gääähn. Neu ist ein greifbar dreidimensionaler Lamellen-Grill im Sechseck. Marketing-Texter würden natürlich Pentaeder sagen – oder Sechseck 🙂 Wahrscheinlich würden die Verbal-Erotiker im Bereich Public Relations sogar nach dem Begriff „Skulptur“ gieren und sogar schreiben. Mit Recht. Die Quer-Lamellen des „Prologue“, an den Rändern abgeschrägt, stehen steiler im Wind (wie wir wissen, auch wegen des Fußgängerschutzes). Das macht was her.

BMW kann
Allerdings nur von der Seite betrachtet, stellt die Maske des kommenden A9 Coupé eine umströmte Skulptur in den Fahrtwind. Im 2D-Format – formerly known als Rückspiegel – zeigt der „Prologue“ noch immer kein Gesicht, das ihn von A3, A4 & Co abhebt. Sorry: Kein sorry. Und dies ist auch das defizitäre Design-Fazit: Kein optischer Fortschritt. Wie man aus einem bestehenden Frontdesign „mehr Sex“ rausholt, hat BMW beim verflossenen 3er der Baureihe E 90 bewiesen.

Zum Facelift im Jahr 2008 machte BMW aus dem Cristiano Ronaldo seiner Klasse einen Cristiano im „wet T-shirt“: Abgesehen vom Lufteinlass unter dem Nummernschild, der einen konkaven (eingezogenen) Rahmen bekam, schien BMW unter der Motorhaube Fett abgesaugt zu haben. Vormals plan, platt und zweidimensional, bekam die flacher liegende Haube mittig zwei sehnige Kanten und zeigte dem Betrachter, also dem Vordermann im Rückspiegel: „ich bin trainiert!“ Wet Shirt eben.

Und die Zahnrad-Abteilung?
Mit dem Update des A6 verschwand dessen Hybrid-Version in der Versenkung. Scheinbar hat ein A6-Vierzylinder – mit oder ohne E-Maschine – am Markt keine Zugkraft. Oder er ist, korrigiere, war zu teuer. Ferdinand der Große (Piëch) hätte dieses Auto zwangsbeatmet, aus Image-Gründen: „Des Auto brauch ma, des is Image. Teuer, aber billiger als schlechtes Image“, hätte der Benzin-Ingenieur mit Marktgespür wohl warnend und so leise wie karrierebedeutsam für die Verantwortlichen in der Vorstandssitzung ins Protokoll diktiert. Keine Widerrede.

Q7 - Front

Der neue Q7, ebenfalls mit (leicht) quaderförmig anmutender Pentaeder-Maske, ist 300 Kilo schlanker. Aber fünf Jahre nach dem ebenfalls leicht erleichterten Bruder VW Touareg oder Cousin Porsche Cayenne ist diese Information jetzt leider nicht mehr der große Renner – eher Lastenheft-Pflicht. Bei allem Fortschritt: Die Q7-Diät fällt in SUV-Märkten außerhalb Deutschlands auch nicht sooo ins Gewicht.

Feigenblatt A3 etron
Immerhin, der Audi A3 etron Plug-in lebt. Hinter dem Kühler allerdings mit einer Technik, die Kenner – und die lesen hier – eher der kreativen Werkstatt von Volkswagen zuordnen. Des weiteren geistert ein – was denn nun? – un/gewollter, nicht gebauter, eventuell doch kommender R8 etron durch die Presse-Landschaft. Mercedes-AMG hat seinen SLS Electric-Drive gebaut. Nur eine Handvoll, aber gebaut. Das zahlt ins Image ein!

Ansonsten warten die Kunden auf einen – auch aus Design-Gründen – um ein Jahr verzögerten A4-Nachfolger. Ein technischer Hoffnungsschimmer ist der in der Studie RS5 TDI präsentierte Dreiliter-Diesel mit Tri-Turbo, der als Turbine Nummer drei einen elektrischen Lader trägt. Hier liegen Chancen, weil der E-Turbo (Hallo Formel 1, hallo Bugatti!) mit dem erforderlichen 42-Volt-Bordnetz auch für zunehmend mehr Stromverbraucher an Bord einen technologischen Fortschritt bringen könnte.

RS5 TDI Tri-Turbo

Der Audi/Caterham 7 und der F 015

Unterm Strich und mit allem Respekt vor Audis Leistungen wird es schwer für die Ingolstädter, Profil zu zeigen. Motorisch ist der Ausblick zwar nicht dünn, aber wenig spektakulär (wie bei anderen Marken). In Sachen Design zeigt der „Prologue“ eher wenig Fortschritt, auch wenn Audi-Entwicklungs-Chef Hackenberg immer nur eine Generation vorausblicken möchte, wie er kürzlich proklamierte. Nämlich das, was er und Audi in drei Jahren liefern werden.

Mercedes zeigt sich da weniger geniert und blickt 20 Jahre voraus. Mit der Autonom-Studie F 015 zeigen die Schwaben ein Konzept etwa für die Zeit nach 2030, während ein Audi RS 7 „piloted driving“ zwar Perfektion auf der Rundstrecke zeigt, aber als Sportwagen die Kriterien 560 PS und Selbstfahrer nicht wirklich zusammenbringt.

Prognose: Bald wird es zwei Sorten Autos geben. Eines für die Rundstrecke am Wochenende, nennen wir es Audi/Caterham 7 pur. Und eines für den Weg zur Arbeit: Mercedes F 015. Wo bleibt die Vision zum, nennen wir ihn „Audi Selbstfahrer“?

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Cambio de Sentido
Cambio de Sentido ist ein echter Benziner. Alles über Autos ließt er wie gedruckt. Seit 40 Jahren schon, mit 38 Jahren Fahrpraxis, davon mehr als 32 mit Führerschein. Motoren müssen für ihn ungerade Zylinderzahlen haben. Lieblingstraumauto: Volvo mit D5-Motor. Lieblingsmanager der Automobilgeschichte und Lieblingszitatgeber Ferdinand Piëch: „Hängst an Zylinder dran“. Cambio de Sentido lebt und arbeitet in Spanien

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