Kolumne: Drei Zylinder für Feuerwasser

Ein Quantum Trost? Zehn Jahre bevor James Bond mit einem Sechsliter-Zwölfender unter der Haube einen Aston Martin DBS die halboffenen Höhlentunnel rund um den Gardasee trieb, versuchte sich dort im Jahr 1999 ein kleiner Opel Corsa. Dessen Fahrzeugmasse inklusive dem Lebendgewicht des Autors dieser Zeilen und einem Beifahrer samt kleinem Gepäck verteilte der Opel gleichmäßig auf 45 Pferdestärken. Produziert wurde diese Leistung aus einem insgesamt Wiesn-Maß-großen Stahlhumpen, verteilt auf drei Zylinder im Format kleiner Weizenbier-Gläser. Ihr Bayern: Doch, in Rüsselsheim oder anderen feineren Kreisen wird Hefeweizen auch im 0,33-Liter großen Reagenzgläsern verabreicht (schnell trinken, bevor es verdunstet).

Corsa di Cambio
ampnet_photo_20120830_047940Mit dieser Viertelportion an Aston-Martin-Zylindern und einem Sechstel dessen Atmungsvolumens schnatterte das Rüsselheimer Autochen nächtens über die Straßen von Limone nach Simione. Immer an der Wand lang, neben den Hochufern des Gardasees, schraubte sich der Corsa mit der Drehmomentchen-Charakteristik eines Formel 1-Motors die Seestraßen empor. Dieser auf Benzin umgestellte Nähmaschinenantrieb brauchte Schaltfreunde (kein Schreibfehler); virtuose, die ihn stets und möglichst zwischen Nenn- und Maximaldrehzahl hielten. Corsa di Cambio eben. Mit etwas gutem Willen hingehört, klang das Maschinchen unter der relativ großzügigen Motorhaube wie ein Sechszylinder – im Schubbetrieb, dem einzigen Fahrzustand, in dem überhaupt angemessen der Begriff „Schub“ verwendet werden konnte. Ein echter Arme-Leute-Antrieb – eine trostlose Mobilität.

Diesel-Eselchen
Etwas verständiger zeigte sich zu ähnlicher Zeit, kurz vor der Jahrtausendwende, Volkswagen mit seinen ersten Dreitöpfchen unter der Haube. Allerdings mit kräftigeren Turbodieseln. Zunächst im damals revolutionären Lupo 3L; dort ging es um den Verbrauch, später mit konventionelleren 1,4-Litern in Lupo und Polo – leihweise auch im seligen Audi A2. Die Älteren werden sich erinnern: Ein Quantum Schiffsdiesel: Diese Selbstzünder lieferten Drehmoment in der Anstaltspackung, weswegen man -frau auch – diese Aggregate kaum in den Schnatterbereich hochtreiben musste. Die VW-Dreizylinder sind – auch fremdgezündet wie im VW UP! – Motorkultur! Bis heute. Die Ausgleichswelle eines Dreitopf-Antriebs kann weitere drei weitere Verbrennungseinheiten fast ersetzen.

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Downsizing: Drei Kölsch bitte
Akzeptanz erfuhren sich die Dreitopf-Antriebe vor 15 Jahren im Smart. In dessen Heck orgelten fleißige Motor-Miniplis, die aus anfänglich 600 Kubik flinke 55 PS zauberten. Turbo: Serie. So wurden aus drei addierten Kölsch-Gläsern plus Turbopumpe munter-bunte Stadtflöhe. Kenner wissen: mit einem Smart war man damals gefühlt immer der Schnellste in der Stadt … bis die Schaltpause kam, weil die Getriebesteuerung eine bis gelegentlich drei Schaltgedenksekunden brauchte. Außerdem konnte der Smart quasi nur vor dem Wind segeln. Gegen den Wind zu kreuzen, forderte beim ihm mit seiner endlos übersetzten Lenkung in etwa so viele Rudergänger wie eine Kriegs-Caravelle der Britischen Royal Navy im 18. Jahrhundert. Bei meist nur einem Rudergänger hieß das: Kurbeln!

Vertrauen Sie Ihrem Pizzaboten
Hinzu kam beim Smart, nein … abzuziehen war: die Federung. Da nicht vorhanden, sollte das Ding damals besser nur mit Beißhölzchen gefahren werden. Bevor ein Autotester bezüglich eines Smart der ersten Generation jemals den Begriff „Federung“ in die Tasten gehauen hätte, hätte er sich eher im Fahrbetrieb die Zunge abgebissen. Nur wegen der elenden Kurbelei und der Zeitlupenschaltung bekam der Dreizylinder weniger wörtliche Prominenz als er verdient hat. Also bleibt das Hörerlebnis. Zum Beispiel in Hamburgs bürgerlich feinen Walddörfern beginnt abends gegen 18:00 Uhr eine ganz spezielle Rush Hour. Pizzaboten arbeiten sich mit Dreitopf-getriebenen Smart, Peugeot 107 oder Brüderchen Citroen C1 unter Volllast und im kleinen Gang durch die äußeren nordöstlichen Stadtteile der Elbmetropole.

Fastfood in drei Töpfen
Am Geschnatter hochdrehender Dreizylinder im Vorbeiflug können Anlieger der Hauptstraßen akustisch Pizza-Statistik führen. Achtung: Für die noblen Stadtteile Volksdorf und Poppenbüttel bitte die Pizza-Quote um zehn Prozent reduzieren, weil auch der Sushi-Express (kleiner Aufdruck am Smart: „Pizza ist doof“) seinen kalten Fisch ebenfalls mit drei Töpfen anliefert. Unvergessen, wie der Autor dieser Zeilen … daaamals … mit einem der ersten (roten) Smart Roadster einen Burnout vor der „Joeys“-Filiale vollführte (Hamburgs marktführendem Pizzadienst). Vorbei an deren (ebenfalls roten) Pizza-Smarts. Da waren die Pizzafahrer aber neidisch. OK, auch mit einem Smart Roadster war wegen ESP-Kastration kein echter Burnout möglich. Außerdem hat sich der Sportwagen als betriebswirtschaftlicher Flop erwiesen („Schmaroadster“). Aber: Mit der 60-PS-Version bei For Two und Roadster führte Smart das Waste-Gate-Schnattern ein, wenn der Motor vorm Schalten abblies. Dreizylindärrrrrrr. Prrrrrrrrr.

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Drei Weizenbier-Gläser mit Feuerwasser
Inzwischen wird dem Dreizylinder voll eingeschenkt. Aus dem schwachbrüstigen Corsa-Motor von damals sind heute aufgeladene Drehorgeln geworden. Zwischenzeitlich brillierte Ford mit seinem Ein-Liter-EcoBoost-Dreier als Engine of the Year 2014. Noch bemerkenswerter ist der BMW i8. Dort addieren sich drei original Hefeweizen-große Zylinder auf 1,5-Liter und sprotzen 231 Benzin-PS (plus 130 PS zeitweise elektrisch). 150 PS Literleistung sind für einen Verbrenner im Serientrimm schon ein Pfund! Was die ersten Smart-Turbos bereits andeuteten, wird im i8 zur Sucht. BMW, gar nicht dreist, verkauft den i8-Antrieb als halbierten Reihensechser für 98-Oktan-Feuerwasser. Das ist, um einmal die Ränder der Physik zu streifen, nicht ganz falsch, da 3er und 6er-Antriebe ähnliche Massenkräfte entwickeln.

Sinfonien
Was den nur drei Töpfen unter der Haube an Geschmeidigkeit zum Reihen- oder zum Reichensechszylinder 🙂 fehlt, gleicht der Dreier unter den Verbrennern mit Charakter aus. Im bayerischen i8 orgelt ein Antrieb … nur noch übertroffen von der Silbermann-Orgel, die, vor 300 Jahren erfunden und inzwischen rekonstruiert (wie passend), wieder die Dresdner Frauenkirche in Schwingungen versetzt. Zwei Arten Akustik. Ein Ergebnis: Sinfonien. Prrrrrrrr.

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Cambio de Sentido
Cambio de Sentido ist ein echter Benziner. Alles über Autos ließt er wie gedruckt. Seit 40 Jahren schon, mit 38 Jahren Fahrpraxis, davon mehr als 32 mit Führerschein. Motoren müssen für ihn ungerade Zylinderzahlen haben. Lieblingstraumauto: Volvo mit D5-Motor. Lieblingsmanager der Automobilgeschichte und Lieblingszitatgeber Ferdinand Piëch: „Hängst an Zylinder dran“. Cambio de Sentido lebt und arbeitet in Spanien

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