Objektiver Autojournalismus

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Vor ein paar Tagen hatte ich eine Anfrage von einem Studenten, zum Thema „Objektivität in der Motorpresse“. Er ist über den Artikel Does Automotive Journalism Matter gestolpert und hat meine Ausführungen wie folgt zusammen gefasst:

Ihren Artikel zusammenfassend fällt mir folgende, zugegebenermaßen recht provokante These auf: Objektive Autotests sind Illusionen.

 

Hier ist meine Antwort auf seine eMail – die Fragen, auf denen ich mich in den Antworten bezog, sind als „Zitate“ heraus gestellt:

Sehr geehrter Hr. –,

ich möchte ganz provokant sagen: Objektivität in der Beurteilung von “Sachgegenständen” und “Verhalten” ist nur eine raffinierte Täuschung und findet schlicht nicht statt, so lange Menschen beteiligt sind.

Eine objektive Beurteilung von Automobilen an Hand von Fakten mag auf den ersten Blick möglich sein, unterliegt dennoch den Werterahmen des Beurteilenden. Es bleibt am Ende nur übrig, was man faktisch messen kann – was jedoch an sich noch keine Bewertung ist. Eine Bewertung der Ergebnisse findet erst durch den Menschen statt und hier kann ich aus dem Alltag sprechen und sagen: Es gibt keine objektiven Automobil-Tests. Es mag eine objektive Erfassung von Daten geben. Die Gewichtung der Daten, die Maßstäbe um die Daten zu vergleichen, werden von Individuen sortiert.

Nun mag man glauben, je größer eine Gruppe – desto objektiver. Am Ende entscheidet jedoch auch in der Gruppe nicht die Objektivität sondern nur der Kompromiss aus vielen subjektiven Wertungen.

Vor allem in Autotest (gilt imho aber auch für jeden anderen Konsumgüterbereich) ist es bereits lobenswert, wenn Objektivität angestrebt wird – dennoch macht unser eigener Bezugsrahmen diesen Bemühungen den Gar aus.  (Vgl. hier zu Bezugsrahmen in der Transaktionsanalyse)

Je größer die Gruppe, desto größer die Chance einen weiten Bezugsrahmen für die Beurteilung am Ende einfließen zu lassen. Hier würde ich jedoch nicht von Objektivität sprechen, sondern von Konsens.

Dezidiert zu Ihren Fragen:

wie Ihrer Meinung nach die Objektivität als „notwendiges Übel“ doch relevant für Gesamtwertungen eines Fahrzeugtestes ist?

Hierzu gibt es 2 Punkte:

P1: Zum einen ist es derzeit zwar Journalisten-Konsens, dass man besondere Objektivität in der Beurteilung eines Automobils walten lassen sollte, ich bin jedoch überzeugt, dass dieser Druck ein externer ist – der auf dem Gedanken beruht, so die höchst mögliche Anerkennung für die gefasste Beurteilung zu erhalten. Und so am Ende nur die persönliche Anerkennung fördern soll.
P2: Die Zukunft gehört dem subjektiven Test. Dem Bericht aus den Augen der Zielgruppe. Einfaches gegenüberstellen von technischen Daten, hierzu bedarf es keiner journalistischen Ausbildung. Dies kann der Konsument selbst.  Konsumenten erwarten eine “Beurteilung” und hier sind wir bei der Grundsatzfrage: Kann diese objektiv sein? Nein. Es ist daher authentisch im gesamten journalistischen Prozess (Konsumgüter!, nicht Politik oder Wirtschaft, oder Gesellschafts-Themen), eine freie – anerkannt subjektive Darstellung des Sachverhaltes zu liefern.

Sind Ihrer Meinung nach messbare, objektiv nachvollziehbare Fahrzeug-Parameter wie Kofferraumvolumen, Beschleunigung Null auf Hundert, Preis(Differenz zu Mitbewerbern) und Sicherheitsausstattung in keiner Weise entscheidend für einen Fahrzeugtest?

Doch. Wenn der Tester oder die Redaktion sich darauf beschränkt, ein Urteil über ein Fahrzeug aufgrund von einfachen Zahlenwerten zu fällen. Das jedoch ist keine journalistische Leistung. Zahlen zu vergleichen, kann jeder. Die Kunst besteht eher in der Wertung der Unterschiede. In der Beurteilung der Differenzen und deren Relevanz für die Käufergruppe. Und hier endet alle Objektivität wieder am Bezugsrahmen des Beurteilenden.

Habe ich Sie da richtig verstanden, wenn Sie sagen, dass sich die Objektivität, entsprechend dem eingebetteten Video von Ralf Becker, lediglich als Ergebnis einer Mehrquellen-Recherche ergibt?

Es gibt keine Objektivität eines einzelnen. Nur das Ergebnis fällt differenzierter aus, je weiter der Horizont des “Beurteilenden” – hier ist die Verwendung von – so viel Quellen, als möglich – die Grundlage!

Immerhin gehört die objektive Berichterstattung zum Handwerk eines Journalisten.

Ich war auf keiner Journalisten-Schule. Es mag sein, das man das Ziel der Objektivität meint und ich glaube es ist einfacher, eine objektive Sichtweise auf “Geschehnisse und Ereignisse” zu erhalten in dem man deren Sachverhalt aus vielen Quellen abgleich und darüber spricht, nicht aber auf Konsumgüter die in einer extrem ausgefeilten Marketing-Landschaft kommuniziert werden. Werbung beeinflusst uns alle, Beziehungen beeinflussen uns und natürlich Emotionen. Hier bei Motor-Journalisten – abseits der Diskussion über “gekauften Lobbyismus” – über Objektivität sprechen zu wollen, kommt dem Begriff der Objektivität nicht ansatzweise nah.

Reine Subjektivität erwarte ich von Autoren. Von Journalisten erwarten die Rezipienten Hintergrundinformationen, Faktenvergleiche und natürlich (bei Vergleichstest) einen gewissen subjektiven Testanteil.

Die Auflistung von Hintergrundinformationen und der Vergleich von Fakten, ist in meinen Augen noch weit davon entfernt, objektiver Journalismus zu sein. Solange der Mensch nicht in der Lage ist, die Meta-Ebene seiner eigenen Empfindungen und Einschätzungen zu erreichen
– so lange bleiben auch Journalisten den eigenen Bezugsrahmen unterworfen.

Am Ende des gesamten Prozesses läuft es einzig auf
die Frage hinaus: Wie definieren wir “Objektivität” im Motor-Journalismus.
Ist es bereits objektiv, die Fakten aufzulisten und ohne Wertung
darzustellen? Welchen Mehrwert aber würde das für den Leser bieten? Dazu bedarf
es keines Journalisten.

Ich gehe soweit und behaupte:

Der Leser will eine subjektive Beurteilung des Fahrzeuges – denn er sucht sich am Ende des Tages
die Berichte, die ihn in seiner Erwartungshaltung bestätigen.

Hier kann eine völlig Objektivität gar nicht zum Ziel führen.

Lesen Sie auch http://de.wikipedia.org/wiki/Radikaler_Konstruktivismus 😉

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Bjoern
Autos und Motorsport - meine Leidenschaft seit über 20 Jahren. Für mich müssen Autos einfach Spaß machen und wenn ich heute Neuwagen teste, dann habe ich meine eigenen Kriterien die ein Fahrzeug erfüllen muss. Ob mich ein Auto so richtig begeistert hat, könnt ihr hier im Blog herausfinden. Dazu kommen Nachrichten aus der Welt des Automobils und des Motorsports. http://about.me/bhabegger

12 Comments

  1. Moin!
    Solche Schlussfolgerungen wie die von dir zitierten können nur von einem „Technikjournalismus-Student“en kommen. Wäre er nämlich stinknormaler Volontär, hätte er keine, bzw. andere Fragen gestellt.
    Stattdessen erlernen einige heute den Beruf des Journalisten an Universitäten und Fachhochschulen. Grauselig. Das ist ja so, als ob man eine Ausbildung zum Automechaniker im reinen Fernstudium absolvieren könnte. Entweder man hat einen Draht zum Schreiben und festigt den im Laufe der Jahre mit steigenden Erfahrungen oder man absolviert ein Volontariat. Wobei zugegebenermaßen nicht jede Redaktion dazu geeignet ist, Volontäre auszubilden. Hinzu kommt leider, dass immer mehr Redaktionen aufgrund der überproportionalen Nachfrage dazu übergehen, die Anforderungen an eine Journalisten-Ausbildung immer höher zu schrauben. Dabei sollte man in einem Volontariat doch genau das Recherchieren und Schreiben erlernen und festigen, auf dass hinterher ein ordentlicher Jung-Redakteur herauskomme.
    Ach, was rege ich mich auf, Hopfen und Malz scheinen schon verloren zu sein, lese ich doch heute eine Pressemitteilung(!) von BMW, dass man demnächst zwei(!) PR-Volontariate ausschreiben werde. Na, wenn das schon eine Pressemitteilung wert ist….

    Ahoi!
    Dietmar

    PS: Die Ausbildung als Volontär ist staatlich immer noch nicht reglementiert. Jeder darf sich in Deutschland Journalist/Redakteur schimpfen….

  2. Interessante Ausführungen 😉 Ich sehe es ähnlich wie du: objektive Meinungen in solchen Bereichen sind eine Illusion. Bei allen Produkten, bei denen es über Empfindungen und Wahrnehmung geht, kann es keine Objektivität geben.

    Eine Objektivität über die Fakten zu schaffen ist möglich, aber ich glaube, das will der Konsument auch gar nicht lesen – die Fakten kann sich jeder selbst ranschaffen.

    Und aus einer ganzen Menge subjektiver Meinungen entsteht ja letztlich auch ein objektives Bild, das der Konsument seinerseits wieder – ganz subjektiv – eben für sich aus dem bilden kann, was er gelesen hat.

    1. Ahoi Bjoern,
      ja, interessant find‘ ich das Ganze auch. Mich würde aber u. a. noch interessieren, aus welchem akademischen Bereich der Student kommt. Ich hoffe für diesen ernsthaft, dass er nicht aus der geisteswissenschaftlichen Ecke kommt.
      Schon dieses „Immerhin gehört die objektive Berichterstattung zum Handwerk eines Journalisten.“ – da scheint mir Wachrütteln nicht mehr auszureichen.

      Was „Objektivität“ angeht, so ist diese Illusion; und dabei nicht einmal sonderlich raffiniert. Im Bestreben nach Objektivität ist das Höchste, das wir erreichen können, Intersubjektivität. Objektivität liefern nicht einmal die vermeintlichen Fakten, die für uns Autos so schön vergleichbar machen. Gemessen haben Menschen, Motoren unterschieden sich und weisen nie die exakte Charakteristik oder Leistung auf und die nackten Zahlen werden auch noch willkürlich interpretiert.

      Um ehrlich zu sein, ist Objektivität noch nicht einmal erstrebenswert. Allerdings kann sie – aufgefasst als Ideal – Gradmesser und Wegweiser sein; wenn überhaupt.

        1. Puh, wenn Journalisten bzw. Journalismus-Studenten tatsächlich glauben, „objektive“ Berichterstattung gehöre zum Rüstzeug des Berichterstattenden … wer doziert so einen Mist?