Aus dem Leben einer Gelände-Legende

Gerade wurde der G mit seinen stolzen 33 Jahren von den Lesern von Auto Motor Sport wieder zum besten SUV (früher haben wir Geländewagen dazu gesagt) gekürt.

Eigentlich sollte er mal als billiger Geländewagen starten. Einfach, Abkantbleche, Nutzfahrzeug. Für das sogenannte Behördengeschäft in oliv. Der Schah von Persien hatte einen Bedarf von 2.500 pro Jahr gemeldet. Er sollte netto knapp über DM 10.000 kosten als direkter Wettbewerber zu Jeep und Landrover. Das war das Ziel.

Als er dann 1979 auf der IAA vorgestellt wurde, schaffte er es in Grundversion gerade noch, unter 30.000 zu bleiben (dazu fällt mir eine weitere Anekdote ein – später…). Na ja – wir können alles ausser billig, haben wir damals gesagt. The Midas touch. Dadurch waren natürlich die geplanten Absatzzahlen Makulatur, wodurch wieder die Kosten usw usw.

Immerhin war das Ziel, ein – sagen wir – einfaches Fahrzeug zu machen, erreicht. Für den Preis einer damaligen S-Klasse mit kleinem V8. Hmmm. Damals bekam der Vertrieb Autos erst zu sehen, wenn sie so gut wie fertig waren. Da standen der Vertriebsvorstand Heinz C. Hoppe und der Exportchef Eberhard Herzog und schauten sich das Auto an.

Beide passionierte Jäger.

Eberhard Herzog, der von mir hoch verehrte schwäbischste aller Schwaben und oberster ansprechbarer Chef: „Herr Hobbe, des wär doch ebbes für uff d’Jagd.“  

Worauf der grummelte: „Ich fahr doch kein Auto mit ´nem Vierzylinder.“     

Herzog an den Entwicklungschef Nutzfahrzeuge: „Herr Mischke, passt da au ebbes grössers nei?“

Platz war vorhanden. Erst sollte der M 123 vom 250 Sechszylinder rein, dann wurde es der sagenhafte M 110 E aus den 280ern. Der mit dem charakteristischen Steuerketten-Rasseln im Leerlauf, das habe ich heute noch im Ohr. 160 Spitze! Bei 36 l/100 km/h.

Aber trotzdem null Überholimage – er sah im Rückspiegel wie ein T1, der Mercedes-Benz Transporter aus.

Und so begann der G die lange Steilwandkurve vom Einfach-Geländewagen zum absoluten Luxusfahrzeug. Auf dem Weg dazu kamen gegen anfangs immer heftigen Widerstand der Entwicklung frivole Dinge wie 5-Gang-Getriebe (warum soll ein Auto mehr Gänge haben als eine Kuh Zitzen?), Metallic-Lackierung (die verkratzt doch im Gebüsch!), exotisches wie Breitreifen (einen Reifen, der 2,8 t und  160 km/h kann, gibt es doch nicht!) und extrem exzentrisches wie bull bar und Aussendesign per Folierung. Die beiden letzteren hat der Vertrieb selber gemacht, auch dazu gibt es eine nette Geschichte. V8 gab es lange nicht. Ausser den kleinen V8 von AMG. Die konnten damals noch, wie sie wollten.

Heute gibt es nichts, was der G nicht haben kann. Der dickste V8 aus dem AMG-Regal, die feinsten Materialien, modernste elektronische Helfer usw. usw. Und er kostet dann auch einiges  mehr als die teuerste  S-Klasse.

Wenn ich mal einen fahre und es geht auf ein Schlagloch zu, sprechen die Achsen zu mir: „Hallo, wir sind die beiden NFZ-Achsen. Kennst du uns noch? Wir sind starr und schwer und wir fallen jetzt gleich mit Schmackes in dieses Loch!“

Und wenn sie das dann tun, wird mir ganz nostalgisch und warm ums Herz.

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