Ross Brawn im Interview — „Wir wollen die Magie der Formel 1 zurückholen“

Ross Brawn soll im Auftrag von Liberty Media die Formel 1 renovieren, ihr wieder alten Glanz zurückgeben. Wir haben den ehemaligen Ferrari-Technikchef gefragt, wie er sich das vorstellt und gegen welche Widerstände er ankämpft.

Die Formel 1 hat ihr Hauptquartier vom Londoner Princes Gate am Hyde Park an den Piccadilly Circus verlegt. Wir treffen einen ihrer Chefs, Ross Brawn, im sechsten Stock des Bürokomplexes. Historische Formel-1-Fotos und Rennsport-Devotionalien deuten unzweifelhaft darauf hin, in welchem Geschäft die Hausherren tätig sind.

Ein Jahr mit Liberty Media als neuem Hausherrn der Formel 1 und Ihnen als neuem Sportdirektor liegt hinter uns. Ziehen Sie bitte eine Bilanz.

Brawn: Vor genau einem Jahr saßen Chase Carey, Sean Bratches und ich in einem kleinen gemieteten Büro nicht weit von hier. Außer uns dreien war nichts da. Wir mussten uns erst einmal kennenlernen und die Größe der Aufgabe begreifen, die vor uns lag. Da hat sich in den letzten zwölf Monaten ungeheuer viel getan. Wir haben jetzt diese Organisation von rund 300 Leuten. Wir haben Informationen gesammelt, Abläufe und Regeln analysiert und daraus ein Verständnis entwickelt, was funktioniert und was nicht. Es steckt eine unglaubliche Energie in dieser Gruppe, neue Ideen und Projekte für die Zukunft anzugehen. Ich bin optimistisch, dass wir jetzt eine Infrastruktur haben, die diese Aufgabe bewältigen kann, auch wenn es sicher hier und da noch ein bisschen hakt, weil alles schnell zusammengewachsen ist.

Sie haben die Grid Girls abgeschafft, die Startzeiten geändert, ein neues Logo eingeführt. Kritiker werfen Ihnen vor, dass Sie bislang nur an der Oberfläche gekratzt haben, die wichtigen Themen aber nicht gelöst sind. Zu Recht?

Brawn: Wir haben bestimmt nichts geändert nur um des Änderns willen. Nehmen wir das Logo. Wir hatten uns an das alte gewöhnt und sind gut damit klargekommen. Doch wir haben Leute in unserer Organisation, die sich mit so etwas auskennen. Sie fanden das Logo altmodisch und im digitalen Bereich nicht verwendbar, bis hin zu trivialen Dingen, dass man es schlecht auf einem T-Shirt anbringen konnte. Es war zu kompliziert. Das alte Logo hat die neue Formel 1 nicht mehr repräsentiert. Wir wussten, dass wir mit dem neuen Markenzeichen auf gemischte Gefühle stoßen würden, doch das müssen wir aushalten. Man sollte uns nicht aufgrund solcher Nebensächlichkeiten beurteilen. Wenn die Leute glauben, wir kümmern uns nur um so etwas, dann liegen sie falsch.

Um was geht es wirklich?

Brawn: Wir analysieren den Sport, machen uns darüber Gedanken, wie man ihn in Zukunft konsumieren wird, wie man zusätzlichen Gegenwert für den Kunden schafft, wie man zusammen mit der FIA Regeln entwickelt, die den Sport besser machen und die Basis für höhere Einnahmen schaffen. Auch für die Teams und die Veranstalter. Wir wollen die Magie der Formel 1 zurückholen und für jeden Fan etwas anbieten – vom Technikfreak bis zum Zuschauer, der wissen will, was die Fahrer zum Frühstück essen.

Haben Sie nach der Vorstellung des Motors für die Zukunft so heftige Gegenwehr von Ferrari und Mercedes erwartet?

Brawn: Ferrari und Mercedes wollen zuerst das ganze Bild sehen. Das Motorreglement ist ja nur ein Teil davon. Es geht um den Wirtschaftsplan, die Regeln und die Regelfindung.

Wann zeigen Sie den Teams Ihren ganzen Plan?

Brawn: In der ersten Hälfte dieses Jahres wird jeder wissen, wo wir hinwollen. 2021 muss alles stehen.

Können Sie uns einen Vorgeschmack geben?

Brawn: Diese Spielregeln haben klare Zielsetzungen. Eine ist, dass die Rennen unterhaltsamer werden und dass die Formel 1 für alle wirtschaftlich zu verkraften ist. Wir wollen ein Feld mit zehn bis zwölf gesunden Teams. Die Kosten sind in den letzten fünf, sechs Jahren noch einmal dramatisch gestiegen, ausgehend von Kosten, die bereits unglaublich hoch waren. Wir müssen zu Budgets kommen, die die Formel 1 immer noch zur Königs- klasse im Motorsport machen, die aber für alle realisierbar sind. Und wir brauchen Autos, mit denen man gute Rennen fahren kann, in denen der Fahrer sein Talent zeigen kann. Der Großteil der Fans ist von den Fahrern fasziniert.

Wo liegt denn das vertretbare Budget?

Brawn: Wir haben eine Zahl im Kopf, aber ich kann sie Ihnen nicht nennen. Es wäre unfair, es jetzt zu tun, weil wir immer noch in Diskussionen mit den Teams sind.

Wie wollen Sie dieses Ziel erreichen?

Brawn: Wir nennen es intern einen „fairen finanziellen Rahmen“. Es ist das Prinzip von Kostenkontrolle. Das schafft Planbarkeit. Wenn wir neue Teams und Hersteller anlocken wollen, dann werden die Vorstände oder Investoren wissen wollen, wie viel es kostet und was sie dabei verdienen können. Wenn heute einer diese Frage stellt, können wir keine Antwort geben. Wir könnten einen faszinierenden Sport mit hochkomplexen Autos für weniger als die Hälfte des Geldes haben, das heute an der Spitze ausgegeben wird. Und keiner würde es merken.

Wäre das dann eine Schmalspur-Formel-1?

Brawn: Überhaupt nicht. Wir wollen, dass die Autos attraktiv und spektakulär aussehen. Dafür braucht es entsprechende Regeln. Was wir nicht wollen, ist, dass der Ausgang der Rennen vorhersehbar ist. Perfektion und Berechenbarkeit killen jede Unterhaltung. Und darunter leidet der Sport heute. Ein Beispiel dafür ist, dass Autos heute kaum noch ausfallen. Eine großartige technische Leis-tung, gewiss, aber leider erzählt das keine Geschichten. Was gab es früher für herzzerreißende Szenen, wenn ein Auto in den letzten Runden stehen geblieben ist. Es ist eine sportliche Tragödie, aber daran erinnert man sich. Das ist Sport.

Wie wichtig ist es, Autos zu haben, die in Bezug auf die Rundenzeit alle Rekorde brechen?

Brawn: Es ist wichtiger, Autos zu haben, mit denen man gut gegeneinander antreten kann. Das Auto muss auf der Strecke gut aussehen. Ob es zwei Sekunden schneller oder langsamer ist, merkt kein Mensch. Es werden weiter die schnellsten Autos sein, die es gibt. Eine MotoGP-Maschine ist 30 Sekunden langsamer als ein Formel-1-Auto, sieht aber wahnsinnig schnell aus. Kaum einer weiß, dass der Unterschied in der Rundenzeit so groß ist. Die MotoGP-Fahrer können ohne Rücksicht auf Reifen, Bremsen und Motor immer am Limit fahren. Wir hatten in der Formel 1 großartige Regenrennen. Hat sich einer beschwert, dass die Rundenzeiten 15 Sekunden langsamer waren?

Ferrari droht mit Ausstieg. Wie wichtig ist Ferrari für die Formel 1?

Brawn: Sie sind sehr wichtig, und ich trage sie im Herzen. Ich habe zehn Jahre für sie gearbeitet. Ferrari ist eine Ikone, und wir hoffen, dass wir eine Lösung finden werden, die allen gerecht wird. Ein großartiger Sport ist großartig für alle. Wir wollen nicht, dass Ferrari die Formel 1 verlässt.

Verdient Ferrari eine Sonderbehandlung?

Brawn: Der Sport sollte fair für alle Teilnehmer sein. Ich glaube, so sieht das auch Ferrari. Ja, es stimmt, dass Ferrari ein Vetorecht hat. Meines Wissens haben sie es nie eingefordert. Vielleicht haben sie damit mal herumgewedelt.

Quelle: http://www.auto-motor-und-sport.de/news/ross-brawn-im-interview-8192997.html

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