Taktikcheck GP Aserbaidschan — Ferrari hatte Bottas nicht auf dem Radar

Zum dritten Mal hat ein Safety Car einen Grand Prix entschieden. Und wieder entschied ein Strategiefehler das Rennen. Wie schon in China stimmte bei Ferrari das Timing des Boxenstopps nicht. In Shanghai holte man Sebastian Vettel zu spät an die Box, diesmal zu früh.

Der GP Aserbaidschan war ein Einstopp-Rennen. Er wurde für die meisten im Feld erst zum Zweistopper, als der Crash der Red Bull-Piloten eine Safety Car-Phase auslöste. Alle Fahrer bis auf Sergio Perez holten sich für das große Finale, das nur noch über vier Runden ging, Ultrasoft-Reifen ab. Force India hatte keine Garnitur der weichsten Mischung mehr in der Hinterhand. Der Supersoft-Reifen erledigte seinen Job besser als erwartet. Perez überholte Sebastian Vettel und verteidigte die Position auch noch. Der Mexikaner gab zu: „In der Aufwärmphase mit den Supersofts war jede Kurve ein Lotteriespiel.“

Der Supersoft-Reifen war nach Ansicht der Mercedes-Strategen über das gesamte Rennen gesehen die beste Wahl im Pirelli-Angebot. Den Ultrasoft-Gummi wollte wegen der Gefahr von Körnen eigentlich keiner. Er wurde erst zur Option für den kurzen Sprint am Ende. „Auf einem Ultrasoft-Reifen beim Start hätten wir 16 Runden rausholen können. Doch der Supersoft war der eindeutig bessere Reifen. Er hat erst nach 18 Runden vorne leichte Anzeichen von Verschleiß gezeigt. Am Ende des Rennens war der Ultrasoft eine Waffe, weil es so kalt wurde, dass der Soft-Reifen nicht mehr richtig gearbeitet hat“, erzählte man bei Mercedes.

Hamiltons Verbremser diktierte die Taktik

Nachdem der Supersoft-Reifen besser durchhielt als gedacht, wurde für Bottas, Verstappen und Ricciardo Plan B zu Plan A. Statt zwischen Runde 20 und 30 für den zweiten Stint auf Soft-Reifen zu wechseln, entschieden sich Mercedes und Red Bull dazu, so lange zu warten, bis man am Ende einen Ultrasoft-Reifen riskieren konnte. Das hatte den Vorteil, dass man dabei auch noch auf ein Safety Car hoffen durfte. Die statistische Chance lag immerhin bei 66 Prozent. Der einzige Fahrer, der den Plan aber wirklich eisern durchhielt, war Valtteri Bottas. Der Finne erwischte den Zeitpunkt des Reifenwechsels perfekt. Er fiel in die Safety Car-Phase, mit der Red Bull Sebastian Vettel den Sieg klaute und Mercedes wieder ins Spiel brachte.

Ferrari hatte im Training wie im Rennen das schnellste Auto. Nachdem Vettel den Start gewonnen hatte, durfte Ferrari dieses Rennen nicht mehr verlieren. Der Mercedes-Kommandostand konnte eigentlich nur auf ein Wunder hoffen. Oder einen Fehler von Ferrari. „Nach dem verlorenen Start gegen Vettel hatten wir die Option, ein Auto früh und das andere spät zum Boxenstopp zu rufen. Valtteri lag aber zu weit zurück, um Ferrari aus der Reserve zu locken. Das einzige, worauf wir hoffen konnten, war ein Auto reinzuholen und es danach in Vettels Boxenstopp-Fenster zu halten oder ihn zu einem frühen Stopp zu zwingen, der ihn gegen ein Safety Car nicht schützen würde. Vettel hat aber einen verdammt guten Job gemacht. Er war im ersten Stint schneller als wir und hat den Abstand zu Lewis zwischen 2,5 und 4,5 Sekunden kontrolliert.“

Gerade als Hamilton das Gefühl hatte, er könnte Zeit auf Vettel gutmachen, rutschte er zwei Mal in den Notausgang. Als er sich in der 22.Runde die Reifen eckig bremste, hatte Mercedes keine Wahl mehr. Der Weltmeister musste an die Box, und der einzige Reifen, den er bis zum Ende fahren kannte, war der Soft-Gummi. Danach war jedem klar: Vettel kann dieses Rennen nur noch verlieren, wenn er früh an die Boxen kommt und wie Hamilton auf Soft-Reifen geht.

Ferrari hatte Hamilton im Fokus und vergaß Bottas

Ferrari machte eine andere Rechnung auf. Hamilton lag nach seinem Boxenstopp virtuell rund 8 Sekunden hinter Vettel. Der Mercedes mit der Nummer 44 holte in dieser Phase langsam auf den Ferrari auf. Ferraris Techniker beobachteten den Vorgang mit Sorge, wie Vettel später erzählte. „Wir hatten Angst, dass Lewis so weit aufholen würde, dass er bei einem späten Boxenstopp von mir nur noch drei bis vier Sekunden hinter mir liegt. Dann hätte er auf der langen Geraden vom Windschatten profitiert und jede Runde vier Zehntel geschenkt bekommen. Schon bei sechs Sekunden Abstand zum Vordermann hast du erste Auswirkungen vom Windschatten gespürt. Bei vier Sekunden hast du den Verfolger regelrecht gezogen. Wir hatten die Befürchtung, dass der Mercedes mit den härteren Reifen besser zurechtkommt als mit den weichen. Deshalb wollten wir uns gegen Lewis absichern.“

Doch dabei verlor Ferrari den zweiten Mercedes völlig aus dem Auge. Vettels Reifenwechsel in Runde 30 war ein Geschenk an Bottas. „Vettels Stopp hat uns eine Siegchance zurückgegeben. Valtteri hielt Vettel mit 13 Sekunden Vorsprung aus dem Safety Car-Fenster raus. Wir haben einfach nur gewartet und gehofft, dass etwas passiert.“ Red Bull machte das gleiche. Doch die China-Sieger mussten in den Runden 37 und 38 die Reißleine ziehen, wenn sich die Ultrasoft-Reifen gegen Hamilton noch auszahlen sollten. „Nachdem wir die Probleme mit der Energieabgabe im Griff hatten, waren wir so schnell wie die Spitze“, erklärte Teamchef Christian Horner. Auf den Ultrasoft-Reifen rechnete sich Red Bull noch mehr aus. Wenn man Hamilton noch einholen wollte, brauchte an mindestens 14 Runden dafür. Mercedes bezifferte den Vorteil frischer Ultrasoft-Reifen gegen alte Soft-Reifen auf rund 1,5 Sekunden pro Runde.

Red Bulls Taktik ging nicht auf. Das Safety Car auf das sie vergeblich gewartet hatten, lösten sie selbst aus. Mercedes setzte seine ganzen Hoffnungen darauf, dass der Zweikampf zwischen Max Verstappen und Daniel Ricciardo zu einem Crash führen würde. Genug Anzeichen dafür gab es ja. Deshalb sollte Bottas noch vier Runden mit seinem Boxenstopp warten. Nach zwei Runden ging die stille Rechnung von Mercedes auf. „So wie die zwei Red Bull-Fahrer unterwegs waren, gab es da eine realistische Chance auf ein Safety Car. Sie haben als einzige im Feld wirklich aggressiv gekämpft.“

Bottas hätte aber auch ohne ein Safety Car gewinnen können, glauben die Mercedes-Ingenieure: „Valtteri wäre spätestens elf Runden vor Schluss an die Box gekommen. Lewis hat auf Vettel nur marginal aufgeholt, aber Valtteri wäre auf Ultrasoft-Reifen viel schneller gewesen. Elf Runden hätten wir mindestens gebraucht, um früh genug aufzuschließen und den Gripvorteil des Ultrasoft noch voll auszuspielen.“ Die Strategie-Software rechnete aus, dass Bottas den Ferrari schon drei Runden später wieder eingeholt und genug Zeit gehabt, Vettel zu überholen.

Deshalb war Ricciardos früher Stopp ein Nachteil

Mit dem Safety Car kamen alle an die Box. Auch Lewis Hamilton, obwohl er gegen Vettel, vielleicht sogar gegen Bottas Positionen gewonnen hätte, wenn er auf seinen Soft-Reifen geblieben wäre. Aus Sicht von Mercedes kam dieser Schachzug nie in Frage. Keiner konnte ahnen, dass die Neutralisation sieben Runden dauern würde. Romain Grosjean verlängerte sie mit seinem Crash um drei Runden. Aber auch bei der Restdistanz von nur vier Runden im Renntempo hätte Hamilton keine Chance gehabt, auf ausgelutschten Soft-Reifen seine Position gegen Fahrer auf frischen Ultrasofts zu verteidigen. „Wir haben schon mit dem neuen Soft-Reifen drei Runden zum Aufwärmen gebraucht. Mit abgefahrenen Reifen wäre Lewis gegen die Ultrasoft-Meute wie auf dem Präsentierteller gesessen.“

Der langsame Aufwärmprozess führte auch dazu, dass sich der frühere Boxenstopp von Ricciardo als Nachteil erwies. Selbst auf Ultrasoft-Reifen. Der GP Aserbaidschan war ein typisches Overcut-Rennen. Red Bull holte Ricciardo im guten Glauben zuerst an die Box. „Es war knapp. Daniel hatte eine schwache Runde aus der Box raus. Max profitierte in seiner Runde in die Box rein von einem guten Windschatten, der ihm vier Zehntel schenkte. Und er fuhr im zweiten Sektor seine persönliche Bestzeit“, rechnete Horner vor.

Vandoorne überholt drei Autos in einer Runde

Im Mittelfeld fuhren Charles Leclerc, Fernando Alonso, Lance Stroll und Kevin Magnussen mit der gleichen Reifenfolge wie Hamilton und Vettel: Supersoft-soft-ultrasoft. Der Massenandrang an den Boxen in Runde 40 änderte zunächst nichts an der Reihenfolge. Erst die letzten vier Rennen wirbelten die Reihenfolge ab Platz 2 kräftig durcheinander. Vettel verlor durch seinen Verbremser drei Positionen an Hamilton, Räikkönen und Perez. Fernando Alonso lieferte sich mit Lance Stroll ein wildes Duell um Platz 7. In Runde 48 ging Alonso an Stroll vorbei. Zwei Runden später konterte der Williams-Pilot., Doch am Ende setzte sich die Klasse und Erfahrung von Alonso durch. „Fernando hat mich in Kurve 3 auf der Innenseite überrascht, wo ich ihn nicht erwartet habe.“

Stoffel Vandoorne machte nach dem Re-Start gleich drei Plätze gut. Der Belgier verbrachte das ganze Rennen am Ende des Feldes. „Ich hatte Mühe, die Reifen auf Temperatur zu bringen.“ Dann griff McLaren während der SafetyCar-Phase zu einem Trick. Man holte Vandoorne an die Box und tauschte nie neuen Ultrasoft-Reifen gegen gebrauchte aus. Vandoorne rutschte auf den letzten Platz, hatte aber weniger Probleme beim Re-Start die Reifen auf Temperatur zu bringen. Innerhalb einer Runde überholte McLarens Nummer 2 Pierre Gasly, Brendon Hartley und Marcus Ericsson. Kevin Magnussen hatte WM-Punkte mit einer Kollision mit Gasly verschenkt. Auch Gasly bezahlte dafür. Der Franzose verlor in den letzten zwei Runden noch zwei Plätze an Teamkollege Hartley und Ericsson.

Quelle: http://www.auto-motor-und-sport.de/formel-1/taktikcheck-gp-aserbaidschan-baku/

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