Volkswagen und Amazon — Kooperation soll VW-Fertigung straffen

VW und Amazon Web Services (AWS) bauen gemeinsam eine Industrial Cloud auf, in der nicht nur die Werke untereinander, sondern auch mit den Zulieferern vernetzt werden sollen. Die Autoproduktion soll damit schneller, transparenter, sicherer und billiger werden.

Zwölf Marken und 122 Fabriken, in denen Volumen- und Premiumautos, Sport- und Luxuswagen, Elektro- und Verbrenner-Modelle, Motorräder und Lkw gefertigt werden, gehören zum Universum des Volkswagen-Konzerns. Man kann nur in etwa erahnen, welch riesige Herausforderung es darstellt, das alles bestmöglich miteinander zu verzahnen, um ein Höchstmaß an Synergien zu schaffen und dadurch Geld zu sparen. Alleine sieht sich VW dazu nicht in der Lage und holt sich deswegen nun den nächsten IT-Riesen an die Seite: Der Konzern arbeitet künftig mit Amazon Web Services (AWS) zusammen.

Vernetzung aller Maschinen, Anlagen und Systeme

Gemeinsam bauen die beiden Unternehmen die Volkswagen Industrial Cloud auf. Diese „Wolke“ soll die Daten aller Maschinen, Anlagen und Systeme aus sämtlichen Fabriken zusammenführen. Und nicht nur das: Perspektivisch soll auch die globale Lieferkette mit mehr als 1.500 Zulieferern und Partnerunternehmen an 30.000 Standorten integriert werden. Die Industrial Cloud ist also als offene Plattform geplant. „Künftig können wir alle Kennzahlen aus Produktion und Logistik, egal welcher Art, global auswerten und steuern“, sagt Martin Hofmann, der die IT im Konzern leitet. Und zwar in Echtzeit sowohl in Wolfsburg, Chattanooga und Shanghai.

Heute ist die IT auf der Fertigungsebene des VW-Konzerns noch ein Flickenteppich. Weil die meisten Standorte sehr unterschiedlich sind, unterscheidet sie sich teilweise sogar. „Das macht es nicht einfach, Daten zu vereinheitlichen und übergreifend zusammenzufassen“, sagt Hofmann. Als Konsequenz macht es die Produktion ineffizient und damit teurer.

VW-Chef Diess fordert eine deutlich bessere Produktivität

Die Kooperation zwischen Volkswagen und Amazon ist deshalb einer der wichtigsten Schritte auf dem Weg, eine zentrale Forderung des Konzernchefs Herbert Diess zu erfüllen. Diess will, dass die Werke bis 2025 im Schnitt ein Drittel produktiver arbeiten als derzeit. „Wir sind im Wettbewerbsvergleich in unseren Fabriken und in der Verwaltung langsamer und weniger produktiv“, sagte er unlängst bei einer Betriebsversammlung.

Mehr Effizienz und Vernetzung in der Produktion soll selbstverständlich Geld sparen und dadurch die Rendite erhöhen, was vor allem bei der Stammmarke VW nach wie vor eine der größten Herausforderungen ist. Kostenersparnis sei ein wichtiger Effekt, sagt Gerd Walker, der seit 2018 Chef der Volkswagen-Konzern-Produktion ist. Schließlich müssen künftig vor Ort keine großen Server mehr betrieben werden, weshalb letztlich auch die Anzahl der IT-Beschäftigten innerhalb des VW-Konzerns schrumpfen dürfte. Derzeit arbeiten 220 Experten beider Firmen daran, die Industrial Cloud aufzubauen.

„Schneller, transparenter und sicherer“

„Unser Hauptziel ist aber, schneller, transparenter und sicherer zu werden“, ergänzt Walker. Einerseits, weil die Vernetzung alle Informationen bündelt und VW in Wolfsburg dadurch sieht, was beispielsweise in Chattanooga, USA, vor sich geht. Man wisse zum Beispiel, wenn im IT-System eines Zulieferers eine unbekannte Software aufgespielt wird. „Und dann können wir schnell bewerten, ob wir Alarm schlagen müssen“, sagt Martin Hofmann. Außerdem steige die Sicherheit vor Verlusten, weil Daten und Informationen mehrfach vorhanden und zentral durch VW abgesichert seien. „Das ist wie ein Bankschließfach: Wir allein verteilen die Schlüssel. Wer Einblicke in unsere Daten und Informationen erhält, entscheiden wir“, sagt Hofmann.

Um die praktischen Vorteile der Industrial Cloud zu skizzieren, nennt Walker ein Beispiel: „Wenn demnächst ein Lkw im Stau steht, ein Bauteil fehlerhaft ist oder eine Maschine ausfällt, wissen sofort alle Beteiligten Bescheid.“ So ließen sich zum Beispiel Materialflüsse und mögliche Lieferengpässe besser managen. Oder, irgendwann, sogar automatisch die Anlagen steuern. Genau das meint Martin Hofmann, wenn er sagt: „Wir schalten Industrie 4.0 live.“

Amazon ist der globale Cloud-Marktführer

Mit Amazon Web Services hat sich VW übrigens den Cloud-Marktführer an die Seite geholt; AWS ist in dieser Hinsicht größer als Microsoft oder Google. Im vergangenen Jahr wuchs dieser Bereich des Amazon-Imperiums um etwa 50 Prozent. Längst nutzen neben Streaming-Diensten wie Spotify und Netflix auch Industriekunden Amazon-Clouds. Und die Wurzeln des Unternehmens dürften der Zusammenarbeit mit VW ebenfalls nicht schaden: Wenn sich ein Unternehmen mit der effizienten Steuerung von Lieferketten, Lagerung und Logistik auskennt, dann Amazon, der globale Riese des Online-Handels.

Zum Jahresende hin soll die Kooperation starten, indem die cloudbasierte Trägerarchitektur DPP in Betrieb geht. Der Startschuss fällt in Europa, schrittweise sollen die anderen Regionen eingebunden werden. Vorerst ist die Partnerschaft zwischen VW und Amazon auf fünf Jahre angelegt.

Quelle: https://www.auto-motor-und-sport.de/verkehr/volkswagen-und-amazon-kooperation-soll-fertigung-straffen/

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