Vom Wert der Zahlen

Sonst noch was?

Mathematik hat mit Zahlen zu tun, Zahlen aber nicht zwingend etwas mit Mathematik. Jedenfalls nicht so, wie wir sie hier, also die Zahlen, miteinander verweben und interpretieren oder interpretieren lassen oder als Interpretationen auffassen. Oder so ähnlich.

Daten von Smartphones und sozialen Medien lassen heutzutage Rückschlüsse zu, da träumten die Statistiker früherer Tage nur von. So zeigt sich in der Corona-Krise, dass sich die Bundesbürger durchaus einschränken, zumindest was die Mobilität angeht. In der ersten Januarwoche beispielsweise fuhren und gingen sie gut ein Fünftel weniger aus als vor Jahresfrist. Mehr als die Hälfte dieser Fahrten war weniger als 5 Kilometer weit, 40 Prozent lagen zwischen 5 und 30 Kilometern.

Mit Hilfe von Statistik lässt sich trefflich argumentieren, Zahlen lügen bekanntlich nicht. Man kann sie aber interpretieren. Aus dem obigen Zahlensalat könnte man etwa als gutmeinender Grüner nun folgern, dass Fahrten bis 5 Kilometer, was ja anscheinend die meisten von allen sind, doch auch bestens mit dem Fahrrad zu erledigen wären. Und selbst wenn die Mobilität insgesamt um 20 Prozent zurückging, würde sich – wahrscheinlich, vielleicht, man weiß es nicht – an der generellen Streckenverteilung nichts ändern. Also, die Hälfte der mobilen Bevölkerung ab aufs Rad. Notfalls eben auf das elektrifizierte.

Als vernünftiger E-Auto-Entwickler könnte man wiederum schlussfolgern, dass, wenn die Hälfte der Fahrten weniger als 5 Kilometer weit führen und weitere 40 Prozent maximal 30 Kilometer weit waren, man keine Batterien für 500 Kilometer Reichweite braucht. So gesehen täten es 100 Kilometer auch. Weil wir Autofahrer anscheinend aber gerne E-Autos kaufen, die 400 PS und mehr haben und zudem noch 500 Kilometer weit kommen, jedenfalls dann, wenn man die PS nicht ausnutzt, ist leicht erkennbar, dass es durchaus Diskrepanzen gibt zwischen dem, was man braucht, dem was man meint zu brauchen und dem was man gerne hätte.

Womit wir mitten im Wirtschaftsleben angekommen sind. Seit wenigen Tagen sind FCA und PSA Geschichte. Es lebe Stellantis. Der neue Mega-Konzern mit französischen, italienischen, deutschen und nicht zuletzt amerikanischen Wurzeln hat die Zahlen der einzelnen Marken so interpretiert, dass da noch reichlich Luft nach oben wäre, wenn man entsprechende Maßnahmen ergriffe. Welche das genau sind, konnte Konzernchef Carlos Tavares Stunden nach Vollzug der Vereinigung natürlich noch nicht genau erklären. Aber man werde sehen.

Diesbezüglich sind wir gespannt und selbstverständlich optimistisch. Ketzerische Zwischenbemerkungen, die wir von Kollegen und Analysten lasen, kämen uns nicht mal ansatzweise in den Sinn. Denen, also den Kollegen und Analysten, zu folge kaufen Kunden nämlich üblicherweise keine Konzerne, sondern Markenprodukte. Nun wisse man bei Stellantis aber nicht, ob die Marken denn nun eben auch solche starken wären oder werden könnten oder ob es sich vielmehr um einen Vielmarkenfriedhof handele.

Marken sind so oder so jedenfalls diffizile und auch fragile Gebilde, die man schneller beschädigen als aufbauen kann. Diesbezüglichen Anschauungsunterricht gab uns ja reichlich der gerade und endlich aus dem Amt getrollte US-Präsident mit seiner Marke „Trump“. Es ist schon interessant zu sehen, wie schnell plötzlich die bisherigen Geschäfts- und Golfpartner naserümpfend das Weite suchen. Sie haben damit natürlich irgendwie recht, sind aber auch recht spät dran mit ihrem Erkenntnisgewinn. Wahrscheinlich haben auch diese allerlei Zahlen ziemlich oft und immer wieder neu und immer wieder anders interpretiert.

Ganz eindeutig sind dagegen die Zahlen von Twitter. Nachdem man die Orange mit der Tolle abgeschaltet hatte, sank die Zahl der Falschmeldungen über Wahlbetrug um bescheidene 73 Prozent. Dem Wert der goldigen Marke dürfte es vielleicht bald ähnlich gehen. Was wir – natürlich ganz gegen unsere Natur – durchaus mit einer gewissen Schadenfreude sehen würden. Sonst noch was? Nächste Woche wieder.

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