VW Golf 8-Probleme — Der 100-Millionen-Golf

VW hadert derzeit mit der Vollvernetzung des neuen Golf. Dennoch soll die achte Generation des Kompaktwagens wie geplant im November in Produktion gehen. Aber woran hakt’s denn nun?

Auch nach sieben Generationen, 45 Jahren Bauzeit und über 35 Millionen Exemplaren lernt man immer noch etwas neues über den VW Golf. Etwa, dass er genau das richtige Auto ist, um seiner rebellische Ader Ausdruck zu verleihen. Denn in China gilt ein Golf-Käufer als Rebell, weil er eben keine opportune Stufenheck-Limousine wie den Lavida (mit über 50.0000 verkauften Exemplaren einer der Bestseller dort) oder einen trendigen SUV wie den Tiguan (dessen siebensitzige Allspace-Variante derzeit zum internationalen Verkaufsschlager avanciert) erwirbt, sondern einen Kompaktwagen. Nun, immerhin, im weltweiten Vergleich ist der chinesische Kunde mit durchschnittlich 34 Jahren besonders jung (Europa 51 Jahre, USA 45 Jahre) und besonders weiblich (40 Prozent, Europa 30, USA 23 Prozent). In jedem Markt allerdings soll die achte Generation künftig für beste Konnektivität stehen – und genau das treibt die Entwickler in Wolfsburg um.

Golf mit 12 Millionen Zeilen Software-Code

Insgesamt rund 11.000 Techniker und Ingenieure arbeiten dort für alle Produkte an den Themen Elektrik und Elektronik, weltweit kommen noch 6.000 dazu, darüber hinaus noch externe Kräfte. Kein Wunder, denn während vor zehn Jahren einem Auto noch etwa zehn Millionen Zeilen Software-Code genügten, sind es nun 100 Millionen. Allein ein modernes Infotainment-System in Vollausstattung benötigt 12 Millionen Zeilen. Zum Vergleich: Der Facebook-Algorithmus kommt mit etwa 40 Millionen, ein F35-Militärjet mit 20 Millionen Zeilen aus. Und auch wenn kurz vor einem Produktionsanlauf immer Hektik in der Entwicklung aufkommt, egal bei welchem Hersteller, steht beim Golf besonders viel auf dem Spiel.

Er gilt für den Vorstand des Konzerns auch als das Modell, das Technik aus den oberen Fahrzeugsegment bezahlbar darstellen soll. Also startet Golf Nummer acht mit einer Vielzahl neuer Funktionen aus dem weiten Feld der Komfort- und Sicherheits-Assistenzsysteme, die nicht nur untereinander kommunizieren müssen, sondern sich zusätzlich Daten aus einer Cloud holen. Aber auch vermeintlich simple Systeme erweisen sich bei genauerer Betrachtung als Komplex. So wird sich der Golf mit einem so genannten Digital Key, als per Smartphone, nicht nur entriegeln, sondern auch starten lassen. Dazu findet ein Datenaustausch zwischen dem Telefon und unter anderem der Wegfahrsperre, der Zentralverriegelung sowie den Türgriffen (ausgerüstet mit Nearfield-Kommunikationstechnik) statt. Das jedoch kann aber erst dann erprobt werden, wenn die einzelnen Systeme für sich funktionieren. Daher durchläuft zunächst eine Software eine Entwicklungsschleife, danach erfolgt die Integration in ein Bauteil, dann wiederum die Integration aller dieser Bauteile in einen Gesamtverbund – pro Fahrzeugbaureihe. Allein beim Golf kommen künftig Elemente wie LED-Matrix-Scheinwerfer, zusätzliche Hybridantriebe, Ambientelicht für Exterieur und Interieur sowie Car-to-X-Kommunikation, also beispielsweise mit Verkehrsregelanlagen dazu.

VW Golf 8: Weltpremiere im Oktober

Aktuell umfasst das VW-Programm 24 Modellfamilien (80 Prozent der Fahrzeuge stehen übrigens auf der MQB-Architektur, also dem modularen Querbaukasten), allein im vergangenen Jahr liefen weltweit 22 neue Produkte vom Stapel. In diesem Jahr zählt neben dem batterieelektrischen Kompaktwagen ID.3 eben auch der Golf dazu, dessen Weltpremiere im Oktober stattfindet.

Zunächst stehen die Kunden 1.5-TSI- und 2.0 TDI-Triebwerke in diversen Leistungsstufen zur Wahl, ebenso ein 150 PS starker Vierzylinder-Benziner mit 48 Volt-Riemenstarter-Generator, also teilelektrifiziert, um beispielsweise beim Fahren ohne Last den Motor nicht nur im Leerlauf arbeiten zu lassen, sondern in ganz abstellen zu können – und so Kraftstoff und Emissionen zu reduzieren. 2020 folgen weitere Antriebe, unter anderem zwei Plug-In-Hybride, der GTI, der GTD und der R.

Gekrümmtes Cockpit

Klassenbeste Verbrauchswerte und klassenbeste Aerodynamik gelten als Hauptentwicklungsziele. Und eben die Konnektivität. Das Cockpit bekommt eine Optik ähnlich wie gekrümmte Flachbildschirme für das Wohnzimmer. Allerdings handelt es sich dabei um ein zehn Zoll großes Display hinter dem Lenkrad (Serie) sowie ein zehn Zoll großen Monitor rechts davon (optional, acht Zoll Serie). Letzterer reagiert auf Berührungen, ein neues Sprachdialogsystem ähnlich denen von Mercedes und BMW steht ebenfalls zur Wahl. Bestimmte Menügruppe wie Klimasteuerung oder Assistenzsysteme können jedoch per Direktwahltaste erreicht werden, alles andere lässt sich ähnlich wie Apps auf einem Smartphone individuell anordnen. Lautstärke und Innenraumtemperatur können durch seitliche Wischgesten am unteren Bildschirmrand. Bei einer internen Präsentation hakte es dann genau dort, das System zeigte sich rebellisch, hing, startete neu – mehrfach. Dennoch beteuern die Verantwortlichen, dass der Golf ab Marktstart mit allen Funktionalitäten konfigurierbar sein soll. Das sagt natürlich nichts über die Lieferfähigkeit aus. Denn auch, wenn Fehler selbst kurz vor einem Produktionsstart in der Fahrzeugentwicklung nichts Ungewöhnliches sind, hat sich VW viel vorgenommen.

Quelle: https://www.auto-motor-und-sport.de/neuheiten/vw-golf-8-problem-der-100-millionen-golf/

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