Zum Ende der Motor-Talk-Redaktion — Man sieht sich (bitte) immer zweimal

Konkurrenz ist anstrengend. Aber wertlos ohne Wertschätzung. Für die Redaktion von Motor-Talk galt das von Beginn an. Und genau deshalb ist es uns ein Anliegen, die Kolleginnen und Kollegen würdig zu verabschieden. Mit einem Gastbeitrag auf auto-motor-und-sport.de.

In fremder Sache: Dieser Beitrag erscheint auf Einladung von auto-motor-und-sport.de. Es ist ein Gastbeitrag einer Redaktion, die es seit dem 01.01.2019 nicht mehr gibt. Der Redaktion von Motor-Talk.

In eigener Sache: Vor fast sieben Jahren starteten wir Redakteure von Motor-Talk mit dem Projekt, eigene Auto-Nachrichten zu publizieren.

Die Kollegen von „auto motor und sport“ waren uns dabei stets Vorbild und Leitbild. Wir waren Fans und Herausforderer zugleich. In den sieben Jahren haben wir viel versucht, der besten Auto-Redaktion Deutschlands näher zu kommen. Vereinzelt konnten wir sie sogar überholen. Das hat uns angespornt: uns im Duell um die besten oder schnellsten Geschichten mit den Besten zu messen.

Dieser Wettstreit endete am 31.12.2018. Die Redaktion von Motor-Talk wurde aufgelöst. So fair wie uns die Kollegen von „auto motor und sport“ vom Start an begegneten, so freundschaftlich verhielten sie sich zum Schluss. Zum Abschluss boten Sie uns an, uns hier noch einmal von den Lesern unseres liebsten Konkurrenten zu verabschieden. Vielen Dank dafür.

Vom fliegenden Start zum donnernden Aus – eine kurze Geschichte über die Motor-Talk-Redaktion

Ein Crash bei voller Beschleunigung. Ein Alptraum. Jeder fürchtet sich vor unkontrolliertem Kontrollverlust. Der Augenblick zwischen „hab ich, hab iiich“ und „scheisse, doch nicht“ verflüchtigt sich manchmal schneller, als ein Auge zwinkert. Zustand davor, oft: Glückseligkeit. Zustand danach, meist: Realititätsveränderung, Schock.

So ungefähr fühlte es sich an, als der Redaktion von Motor-Talk Anfang November das Aus verkündet wurde.

Exkurs: Ambitionierte Auto- und Rennfahrer rutschten wir davor hochmotiviert auf dem schmalen Band der Lust- und Leichtsinnigkeit herum. Die Video-Portale sind voller Kurzfilmchen von zerbeulenden Blechkunstwerken, von Schaulustigen hochfrequentiert. Auf fast allen sieht man: Die Räder der Vorderachse deuten verzweifelt in die Richtung, die Zustand 1, Glückseligkeit, bedeutet hätte.

Ambitioniert, aber auch limitiert startete die Motor-Talk-Redaktion April 2012 ihre Aktivität- Autos fahren, darüber schreiben. Das klingt immer noch für viele wie ein Traumjob. Und das ist es auch unverändert. Aber einer, der eben viel mehr abfordert, als der Zuschauer und Leser sieht. Eine der größten Herausforderungen: Leser finden. Das war bis zuletzt selbst mit einer riesigen Community nicht einfach. Zu Beginn sammelten wir mühsam 5.000 bis 10.000 Leser am Tag. In der Online-Welt ist nicht nichts, aber auch nicht viel. Knapp sieben Jahre später waren es an guten Tagen rund 10.000 Leser pro Stunde, knapp 200.000 am Tag. Genug, um weiter mit Volldampf auf dem Pin zu stehen.

Eine andere Herausforderung: Wenn man eine Online-Nachrichten-Seite neu gründet, erzeugt das zunächst einmal Frustration, und zwar bei den Lesern. Eine alte Lehrerweisheit sagt: „Nicht getadelt ist genug gelobt“. Die Kommentare von der Auto-Community waren für uns Redakteure eine oft unschöne Ebene der Konfrontation, Tadel der tägliche Begleiter.

„Ihr habt doch keine Ahnung, Hobby-Redakteure, schreibende Aushilfskellner, von VW, Mercedes, BMW, Audi, Daihatsu, SsangYong gekaufte PS-Poeten“. All das und noch viel mehr lasen wir in vielen Varianten.

Sechs Jahre später waren die Geburtsschmerzen vergessen. Mit weiten Teilen der Community hatten wir uns längst verbündet. Das, was wir machten, war auf dem Markt, den wir bespielten, erfolgreich. Bis zum Herbst 2018. Es crashte gewaltig, unerwartet. Es gibt nun keine News auf Motor-Talk mehr. Wie sehr wir uns auch gewünscht hätten, dieser Seite, die ihr gerade lest, weiter die Lichthupe zu geben.

Nein, wir kamen der „auto motor und sport“ nicht wirklich nah, aber näher. Der Vorsprung betrug in Visits zuletzt rund 50%. Noch komfortabel für den Führenden, sehr herausfordernd für uns als Verfolger.

Doch das Schönste am Rennen, das kennen alle Rennfahrer. Während der Jagd auf die Spitze überholst Du hier und da einen Konkurrenten, wirst geschnitten, verlierst ein paar Meter, schließt wieder auf. Greifst an. Und gewinnst mehr als nur Meter: Respekt, Freunde, Anerkennung. Davon bekamen wir zuletzt, und das schreiben wir mit Stolz, sehr, sehr viel. Das Mittel zum Zweck waren gute, bessere Geschichten, spektakuläre Reports, feine Fotos, gute Überschriften, ungewollte Enthüllungen, Klartexte, wo Pressemenschen noch Spaghetti-Nachrichten herausgeben. So nennt man das PR-Geschwurbel, mit dem Autohersteller manchmal unangenehme Wahrheiten verschleiern wollen.

Die Anerkennung kam von den Lesern, das ist das Wichtigste. Von der Konkurrenz, was immer noch das feinste Lob von allen ist. Von der Auto-Industrie, mit der man es nie zu gut haben sollte. Zuletzt sogar von Google, dem Suchmaschinenriesen, der mehr und mehr Traffic auf die MT-News schickte.

Am Ende schieden wir mit Totalschaden aus. Wo Licht ist, ist immer auch Schatten. Was bleibt? Wir haben viele tolle Geschichten geschrieben. Skandale aufgedeckt, uns gestritten und gemeinsam gezeigt: Wir können das, vorne mitspielen. Trotzdem mussten wir dieses Rennen nun abbrechen.

Es war uns ein Vergnügen, in dieser spannenden Szene sieben verflixte Jahre Vollgas geben zu dürfen. Es ist uns eine Ehre, von den Besten der Szene so verabschiedet zu werden. Wir sagen Danke und hoffen auf ein Wiedersehen.

Juliane Beckmann, Constantin Bergander, Peter Besser, Heiko Dilk, Sven Förster, Marlene Gawrisch, Dennis Merla, Sabine Stahl und Björn Tolksdorf

Quelle: http://www.auto-motor-und-sport.de/verkehr/gastbeitrag-zum-ende-der-motor-talk-redaktion/

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