SEAT Leon ST TGI: Das Billige ist des Günstigen Feind

Selbst als konventioneller Kraftstoff in Deutschland richtig teuer war, hat kaum jemand ein Erdgasauto gekauft. Warum sollte man dann ausgerechnet jetzt auf den alternativen Kraftstoff setzen, wo doch aktuell der Liter Diesel für rund einen Euro verschleudert wird? Obwohl der Seat Leon ST mit Erdgasantrieb im Test durchaus überzeugen konnte, fallen einem da tatsächlich kaum Gründe ein.

Dabei fing das Jahr so gut an: Neue Modelle wie VW Eco Up, Skoda Citigo Ecofuel, VW Golf TGI und Audi A3 G-Tron sorgten im ersten Quartal für eine dick zweistelliges Neuzulassungsplus gegenüber 2013. Sicherlich auch, weil sich Händler, Herstellerflotten und Stadtwerke direkt mit den frischen Modellen eindeckten. Aber was soll’s: Die Gasversorger jubilierten, Erdgasautos führen endlich aus der Nische heraus. Zum Jahresende ist der Boom zu einem dünnen Plus von 4,6 Prozent geschrumpft. Gerade einmal knapp 8.200 neue Erdgasautos sind zugelassen worden. Selbst die E-Mobile toppen diesen Wert um 300 Einheiten.

Das ist bitter, denn neuere Modelle wie der Leon ST TGI sind eigentlich feine und ausgereifte Autos. Vorbei die Zeiten, als die in der Regel kleinvolumigen Erdgasmotoren Autos noch automatisch zu Verkehrshindernissen machten. Auch bei der spanischen VW-Tochter ist mittlerweile der Turbo eingezogen, so dass der 1,4-Liter-Ottomotor mit seinen 200 Nm Drehmoment schon bei niedriger Drehzahl ordentlich zupackt. Im Erdgasbetrieb läuft der Vierzylinder zudem höchstens minimal rauer als wenn er Super aus dem weiterhin vorhandenen 50-Liter-Standardtank schlürft, der die Gesamtreichweite je nach Fahrweise um gut 700 bis 800 auf mehr als 1.000 Kilometer erhöht.
Große Umstellungen müssen Fahrer von klassischen Benzinern nicht fürchten. Solange Erdgas vorhanden ist, nutzt der Leon es automatisch, danach stellt er selbstständig um und zeigt dem Fahrer dies im Zentralbildschirm an. Für beide Kraftstoffsorten gibt es eine eigene Tankanzeige und der Bordcomputer gibt neben der Gesamtreichweite auch die beiden Einzelwerte aus. Und weil der Leon ST als Kombi generell über ein geräumiges Gepäckabteil verfügt, stört auch der unter dem doppelten Ladeboden installierte Gastank im Alltag kaum (statt 587 Liter bei den konventionellen Modellen stehen 482 Liter zur Verfügung). Einzig der Tankvorgang mag ungewohnt sein, weil die Zapfpistole fest angekoppelt wird und das Befüllen je nach Tankstelle schon mal eine Weile dauern kann.

An den angebotenen Modellen allein kann es nicht liegen, dass der Durchbruch des Erdgasautos immer noch aussteht. Zu den wichtigsten aktuellen Gründen dürften die zuletzt deutlich gefallenen Preise für Diesel und Benzin zählen; war doch das Einsparpotenzial an der Tankstelle immer das verlockendste für den Kauf eines CNG-Modells. Denn bei der Anschaffung muss der geneigte Käufer zunächst kräftig drauf zahlen. Den kompakten Kombi Seat Leon ST gibt es mit Erdgasantrieb und 81 kW/110 PS für 22.240 Euro, womit er rund 2.500 Euro teurer ist als der Benziner mit gleicher Leistung und identischer Ausstattung. Der Diesel mit 77 kW/105 PS ist da nur noch 50 Euro teurer.

Bislang konnten zumindest Vielfahrer die hohen Kosten relativ schnell wieder einfahren. Aktuell ist das schwierig. Eine komplette Erdgastank-Füllung für den Seat kostet im Test rund 18 Euro (für rund 18 Kilogramm) und ermöglicht in der Praxis eine Reichweite von 300 Kilometern. Das ist nicht teuer, aber auch nicht mehr viel billiger als beim Diesel. Selbst wenn man für den vergleichbaren Leon-TDI einen eher pessimistisch hohen Praxisverbrauch von sechs Litern auf 100 Kilometern (Normwert 3,8 Liter) zugrunde legt, zahlt man bei den aktuellem Tiefstpreisen von nur noch knapp mehr als einem Euro für die Strecke fast das Gleiche. Natürlich ist das Erdgasauto bei der Kfz-Steuer deutlich günstiger und einige Gasversorger bieten Käufern finanzielle Unterstützung an. Rein psychologisch dürfte es dem Erdgasfahrer aber zusetzen, wenn er an den Preistafeln der deutschen Tankstellen vorbeifährt. Das könnte sich zwar mittelfristig wieder ändern, wenn die Mineralölpreise erneut anziehen. Doch auch Erdgas ist zunächst nur bis 2018 steuerbegünstigt.

Und selbst bei einer günstigeren Kostenbilanz bliebe das Tankstellenproblem. Zwar gibt es in Deutschland mittlerweile über 900 Zapfsäulen, viele davon aber nur auf den beschränkt zugänglichen Betriebsgeländen von Energieversorgern oder Verkehrsunternehmen. Und selbst die komplett öffentlichen Zapfsäulen sind nicht immer dort, wo man sie benötigt. Wie groß die Einschränkungen bei der Verfügbarkeit sind, hängt aber vom Einzelfall ab. Wer in einem städtischen Ballungsraum lebt und diesem mit dem Auto selten verlässt, dürfte auch mit der geringen Zahl klarkommen. Vor allem, wenn wie im Falle des Leon ST, ein kompletter Benzintank für gelegentliche Langstreckenfahrten zur Verfügung steht.

Unterm Strich bleibt so eigentlich nur ein gewichtiger Kaufgrund für das Erdgasauto übrig: die guten Umwelteigenschaften. Bei der Verbrennung des Gases fallen 20 Prozent weniger CO2 an als bei Benzin, auch bei Feinstaub, Kohlenmonoxid und Stickoxiden sieht die Bilanz blendend aus. Noch umweltschonender wird es mit beigemischtem Biogas, das allerdings noch schwerer zu bekommen ist als konventionelles Erdgas.

Autor: Holger Holzer/SP-X

Previous ArticleNext Article
SP-X Redaktion
Die Nachrichtenagentur SP-X liefert Ihnen aktuelle Berichte und Informationen aus den Themenbereichen Auto und Mobilität. Die jeweiligen Autoren der Artikel sind in der Fußzeile des Artikels benannt.

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen