Test: Renault Espace TCe 200 EDC

Der Testwagen funkelt violett-schwarz in der Sonne. Auf  großen 19-Zoll-Felgen spannt sich eine gekonnt gezeichnete Karosserie. Ohne verspielte Sicken, mit der richtigen Portion Chrom und einem senkrechten Heck, das trotz allem Nutzwert architektonisches Können zeigt.

Schick sieht er aus, der Renault Espace. Und rettet ganz nebenbei die Idee des großen Renault in die Jetztzeit. Während der 12-jährigen Bauzeit des Vorgängers stand es oftmals schlecht um eine Neuentwicklung. Schuld waren nicht nur einige erfolglose Anläufe der Franzosen in der oberen Mittelklasse, sondern auch die Tatsache, dass der Markt für große Vans faktisch eingebrochen ist. Also erfand sich der Renault Espace ein Stück weit neu. Dabei bedient er sich am Konzept der Mercedes R-Klasse – deren Erfolglosigkeit ließ eigentlich keine Nachahmer vermuten.

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Das Heck ist senkrecht wie aktuell kaum ein anderes. Aber dennoch schön gestaltet. Foto: Bernd Conrad

So und nicht anders musste der Espace aber werden, um überleben zu dürfen. Ein großer Reisewagen, dessen höhere Sitzposition hinter der kilometerweit entfernten Windschutzscheibe wunderbar entspannend wirkt.

Der Blick schweift durch den Innenraum. Wie das Exterieur: Schick. Zum braunen Nappaleder der noblen Ausstattungsvariante Initiale Paris leistet sich Renault den Luxus farblich passender, ebenfalls brauner, Kunststoffverkleidungen. Zusammen mit dem grau-schwarzen Dekor der Mittelkonsole ist das alles ziemlich sehenswert.

Man sollte nur die Finger bei sich behalten. Ähnlich der Überraschung, wenn die angesprochene Schönheit auf den Flirtspruch nur mit einem dumpfen „Hä?“ antwortet, erschrickt man im Espace. So hart, wie das Plastik überall ist, sieht es echt nicht aus.

Es sind Gegensätze dieser Art, die sich durch den erlebten Alltag mit dem Auto ziehen. Der 1,6 Liter große und 200 PS starke Benzinmotor (daneben gibt es noch einen gleich großen Diesel mit 160 PS für den Espace Initiale Paris) überrascht im Stand sowie bei moderatem Tempo mit einer unerwarteten Laufruhe. Wenn man es entspannt angehen lässt, zieht er mit seinem maximalen Drehmoment von 260 Nm auch ausreichend voran. Verlangt der rechte Fuß des Fahrers aber nach gesteigerter Dynamik, sollte an besser aussteigen und schieben. Hier merkt man, dass der Downsizing-Benziner an den 1,7 Tonnen Auto Schwerarbeit verrichten muss.

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Nur eine von vielen Fehlermeldungen, die den Espace zur Beruhigung von Fahrer und Auto in die Werkstatt zwangen. Foto: Bernd Conrad

Auf der bundesdeutschen Autobahn wird der Vortrieb dann in höheren Geschwindigkeitsregionen auch zäh wie Kaugummi. Zudem nehmen die Windgeräusche ab Tempo 130 deutlich zu. Als ob das nicht genug wäre, beginnt der Espace bei höherem Tempo, unruhig zu werden. Die diffuse Lenkung vermittelt zu wenig Fahrbahnkontakt und die Dämpfer schmeißen den Espace ungelenk über Fugen, Querrillen und ausgebesserte Blow-Ups.  Weit oben auf dem Fahrersitz bekommt man nicht mehr genügend Rückmeldung, alles fühlt sich seltsam entkoppelt an. Es scheint, als ob sich das Auto mit allen ihm zu Verfügung stehenden Mitteln dagegen wehrt, dass man den endlosen Anlauf bis zur Höchstgeschwindigkeit von 211 km/h wagt. Also ruhig mit den wilden Pferden, damit man den immensen Durst von 12,5 Liter Super auf 100 km im Testzeitraum auch noch halbwegs zügeln kann.

Ein Reisewagen also, der nicht die Hatz nach der frühen Ankunft in den Vordergrund stellt, sondern mit seinem eingebauten Tempolimit (sowie einem werksseitig installierten Radarwarner mit Angabe der Distanz zum Blitzer!) den Weg zum Ziel machen möchte.

Dafür braucht es einen ausreichenden Aufenthalt an Bord. Der ist gegeben. Neben dem Espace-Fahrersitz verblasst jeder teure Wohnzimmersessel. Bequem gebettet liegen die Oberschenkel auf der ausziehbaren Sitzflächenverlängerung auf. Die Massagefunktion knetet derweil in verschiedenen Stufen von entspannend bis kräftigend den Rücken durch. Leider unterstützen die massierenden Luftpolster ihre Arbeit mit lauten Knarzgeräuschen. Wieder so ein Gegensatz. Man beginnt, sich entspannt mit dem Auto zu arrangieren, und dann stören diese Geräusche.

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Armaturentafel aus „Architektur Heute“. Sieht schick aus und ist gut verarbeitet. Leider stört das viele Hartplastik. Foto: Bernd Conrad

Derweil liegt die Hand bequem auf dem Designer-Wählhebel des Doppelkupplungsgetriebes und Du erkennst, dass man so optimal auf dem großen Hochkant-Touchscreen herumdrücken kann. Zielsicher kann man also durch Menu des gar nicht sehr komplizierten R-Link-Systems flippern. Bis – Achtung, Gegensatz! – man genervt ist, weil jeder dritte Druck vom Display gepflegt ignoriert wird.

Also Finger weg und Musik hören. Nachdem sich das iphone zumindest per USB irgendwie mit dem Auto koppeln ließ, die Bluetooth-Verbindung hat im gesamten Testzeitraum das Telefon nicht als Mediaplayer akzeptiert. Lautstärke rauf und, Sie erraten es, werter Leser: Willkommen im Gegensatz. Die im Espace Initiale Paris serienmäßige BOSE-Soundanlage klingt kurz gesagt enttäuschend. Die Basse drücken nicht genug, es entsteht kein Raumklang und man kann trotz Surroundsystem keine Stilprofile oder sonstige Parameter für individuellen Musikgenuss auswählen.

So bleibt die Eigensinnigkeit des Autos an sich der Anker, mit dem ich meine Meinung zum Renault Espace in diesen Zeilen festmachen möchte.

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Viel Platz im Fond mit verstellbaren Einzelsitzen und drei Isofix-Paaren für Kindersitze. Foto: Bernd Conrad

Renault gebührt Respekt für die Entscheidung, aus dem überholten Van-Konzept etwas Neues zu kreieren. Dass man nicht voreilig einen SUV aus dem Espace gezimmert hat, sondern sich der Tradition extravaganter französischer Autos bewusst geblieben ist. Genau so ein Auto hatten die Franzosen schon einmal im Programm. Auch beim Schreiben dieser Zeilen musste ich oft an den legitmen Vorfahren denken und bei fast jedem Tippversuch des Modellnamens „Espace“ stand da fast ein „Vel Satis“. Es bleibt aber die Hoffnung, dass Renaults aktueller Vertreter in der oberen Mittelklasse erfolgreicher sein wird.

Der Importeur verspricht 5 Jahre Garantie für den Espace (und andere neue Renault-Modelle), wovon die ersten drei Jahre als Werksgarantie laufen und zwei weitere im Rahmen einer Anschlussgarantie laufen. Balsam für Skeptiker. Denn der Testwagen, mit frischen 9.000 Kilometern auf dem Zähler, zickte schon fleißig herum.

Ein Einzelfall gewiss, früher nannte man das mal Montagsauto. Mit gelöschtem Fehlerspeicher macht der entspannende Espace aber auch an den sechs anderen Wochentagen Freude. Aber keinen Spaß. Der muss ja auch nicht immer sein.

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Crossover statt Van. Der Renault Espace denkt sein Konzept weiter. Gut gelungen. Foto: Bernd Conrad

Fazit:

Was dem Renault Espace vor allem als nobler Initial Paris für 44.900 Euro Listenpreis (Testwagenpreis 47.690 Euro) also fehlt, ist nicht unbedingt Image. Sondern vor allem der Mut des Käufers, einmal mehr zu wagen. Für mehr Wagen.

 

Technische Daten Renault Espace Initale Paris TCe 200 EDC

Hubraum 1.618 ccm
Leistung 147 kW / 200 PS bei 6.000 U/min
Maximales Drehmoment 260 Nm bei 2.500 U/min
Beschleunigung 0-100 km/h 8,6 Sekunden
Höchstgeschwindigkeit 211 km/h
Norm-Verbrauch kombiniert 6,2 Liter / 100 km
Realer Verbrauch im Testzeitraum 12,5 Liter / 100 km
Testwagenpreis 47.690 Euro

 

 

 

Erste Fahrt: Renault legt den Espace tiefer

Neuer Espace als Crossover in einem neuen Segment zwischen SUV und VAN

Mit der 5. Generation des Espace will Renault das als Van positionierte Fahrzeug als Crossover auf den Markt bringen. Hierzu wurde ein eigens kreiertes Segment geschaffen. Zwischen SUV und VAN soll sich der neue Siebensitzer positionieren. Im Mai präsentierte Renault den luxuriösen Crossover seinen Kunden. Das 1984 als Großraumlimousine vorgestellte Fahrzeug verkaufte sich bis heute rund 1,2 Millionen mal und soll nun auch die Käuferschaft des klassischen SUV überzeugen.

Als Renault den Espace vor mehr als 30 Jahren einführte, kam die 1. Generation noch als Großraumlimousine daher. Erst im Laufe der Zeit, mit Einführung des VAN Segments und veränderten Kundenwünschen, wurde auch der Espace „erwachsen“.  Als Fahrzeug mit viel Platz im Innenraum und sieben Einzelsitzen bildete er stets die Spitze in diesem Segment. Wurde in der 2. Generation (ab 1991) noch die Karosserie für mehr Platz etwas verlängert, führte man erstmals mit der 3. Generation (ab 1996) eine Langversion „Grand Espace“ ein. Mit der 4. Generation seit 2003 hielt noch mehr Sicherheit verbunden mit zehn Airbags Einzug.

VAN mit Fahrspaß
VAN mit Fahrspaß

Ein hohes Maß an Sicherheit, Fahrspaß und Zuverlässigkeit wollten die Ingenieure aus Frankreich im Espace mit seinen flexiblen Fähigkeiten bieten. Dabei gaben sie sich auch zur Aufgabe, dass sich ein VAN nicht nur über die Vielzahl von Einsatzzwecken definiert, sondern seinen Benutzern generell ein stressfreies Fahren über große Distanzen sowie unter schwierigen Bedingungen offerieren sollte. Ob dies gelungen ist, konnten wir bei einer ersten Testfahrt rund um den Nürburgring mit dem Espace und seinen Motorisierungen erfahren. Er schaukelt zwar ein wenig in den Kurven, aber das ist seiner Größe geschuldet. Er ist auch kein Sportler, muss ja auch nicht, denn das lässige Laufenlassen steht dem Franzosen ohnehin viel besser.

Zur Motorenpalette gehören ein Benziner und zwei Dieselaggregate. Der von uns gefahrene 1.6 Liter Diesel stellt uns 118 kW (160 PS) zur Verfügung. Dies scheint zwar bei einem Leergewicht von rund 1.7 Tonnen etwas wenig, aber bei einem Drehmoment von 380 Newtonmeter bei 4.000 Umdrehungen werden wir schnell wieder entschädigt. Die Höchstgeschwindigkeit von ca. 202 km/h konnten wir leider nicht ausfahren, aber dafür kamen wir dem angegebenen Kombinationswert von 4,7 Litern sehr nahe. Das Sechs-Gang-Doppelkupplungsgetriebe arbeitet sehr präzise.

Mit drei Motorisierungen bleibt der Antrieb beim Espace übersichtlich. Zu einem weiteren 1.6 Liter Diesel mit 96 kW (130 PS) und Sechs-Gang-Schaltgetriebe reiht sich ein 2.0 Liter Benzinmotor mit Sieben-Gang-Doppelkupplungsgetriebe. Alle drei Motoren sind vierzylindrige Aggregate.

Beim neuen Espace steigen wir wie schon bei seinen Vorgängern in einen hellen und sehr freundlichen Innenraum. Die 2,8 Quadratmeter große Frontscheibe bringt viel Licht ins Fahrzeug. Sowohl Fahrer und Beifahrer als auch die Insassen im Fond haben mehr als ausreichend Platz. Mit breiten Kopfstützen ausgestattet, sind die Vordersitze in der Topausstattung 10-fach verstellbar, davon acht elektrisch mit Memory-Funktion und Massagefunktion in der Rückenlehne. In der zweiten Reihe finden sich drei komfortable Einzelsitze. Der Siebensitzer verfügt außerdem im Fond über zwei zusätzliche Einzelsitze. Die Funktion modulares „One-Touch-Folding“ erlaubt es, die Sitze der beiden hinteren Reihen einzeln oder zugleich vom Fahrerplatz aus mit dem serienmäßigen Renault R-Link 2 Online-Multimediasystem per Fingertipp im Boden zu versenken. Dennoch sind die beiden Sitze Notsitze und dienen allenfalls bei kurzen Wegen mit Freunden sehr gut als zusätzliche Möglichkeit der Unterbringung. Das Gepäckraumvolumen im Siebensitzer beträgt bis zu 680 Liter bei Beladung bis zur Fensterkante. Werden die Rücksitze im Boden versenkt, so steigt die Ladekapazität auf 2.035 Liter bei Beladung bis zum Dach.

Einen gewissen Hightech-Charakter kennzeichnet ein hochauflösendes TFT-Display, das den Fahrer über alle Fahrzeug- und Fahrtdaten informiert. Zusätzlich bietet der französische Autobauer ein Head-up-Display an, das fahrtbezogene Angaben wie die aktuelle Geschwindigkeit, Tempolimits und Navigationsempfehlungen direkt ins Blickfeld des Fahrers projiziert. Außer bei der Basisausstattung bietet Renault serienmäßig eine eigenständige Mittelkonsole in futuristischem Design an. Auf ihr finden sich wichtige Bedien- und Kontrollelemente.

Erstmals kommt in der fünften Espace Generation das von Renault entwickelte Multi-Sense System zum Einsatz. Mit seiner Hilfe kann der Fahrer sowohl das Fahrerlebnis als auch das Ambiente im Espace individuell bestimmen. Das System verfügt hierfür über vier programmierte Einstellungen: „Eco“, „Comfort“, „Neutral“ und „Sport“. Hinzu kommt der frei konfigurierbare „Perso“-Modus. Neben dem Ansprechverhalten von Fahrpedal und Lenkung, der Geschwindigkeit der Gangwechsel und der Dämpferhärte lassen sich unter anderem die Interieur-Beleuchtung, Farbe und Darstellung der Instrumente, Motorsound und Klimatisierung programmieren.

Die 5. Generation des Espace
Die 5. Generation des Espace

Weiteres Highlight für den Crossover ist die dynamische Allradlenkung 4CONTROL des Espace. Ab 50 km/h Fahrgeschwindigkeit im Fahrprogramm „Comfort“ („Neutral“-Modus: 60 km/h; „Sport“-Modus: 70 km/h) steuern die Hinterräder mit einem Einschlagwinkel von bis zu zwei Grad in dieselbe Richtung wie die Vorderräder, was sich positiv auf die Fahrstabilität auswirkt. Unterhalb von 50 km/h schlagen die Hinterräder mit maximal 3,5 Grad in entgegengesetzter Richtung zur Vorderachse ein. Hierdurch verringert sich der Wendekreis.

Ein breites Aufgebot an radar- und kamerabasierten Assistenzsystemen finden wir im Espace. Hierzu zählen ab der Ausstattung Intens der Sicherheitsabstand-Warner, Notbremsassistent und Toter-Winkel-Warner. Hinzu kommen Spurhalte-Warner, Verkehrszeichenerkennung mit Geschwindigkeitswarner und Fernlichtassistent. Optional ist eine adaptive Geschwindigkeitsregelanlage verfügbar.

Fazit:

Mit einem Einstiegspreis von € 33.550 setzt der Renault Espace ein klares Zeichen, dass Luxus und Komfort auch zu moderaten Preisen erhältlich sind.

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Renault Espace: Ein klares Zeichen, dass Luxus und Komfort auch mit moderaten Preisen erhältlich sind.

Renault Espace ENERGY dCi 160 EDC:

Verkaufsstart:  Mitte Juni 2015
Basispreis:  40.150 €
Motorleistung:  118 kW (160 PS)
Antrieb und Getriebe:  6-Gang-Doppelkupplungsgetriebe
Beschleunigung:  9.9  Sekunden von 0-100 km/h
Verbrauch – kombiniert:  4.7 Liter auf 100 km
Höchstgeschwindigkeit:  202 km/h
Länge, Breite, Höhe, Radstand  4.857, 1.888, 1.675, 2.884 mm
Fotos im Artikel: Stefan Beckmann Titelbild:Stefan Beckmann

Form statt Raum

Die fünfte Generation des Renault Espace steht ab April für mindestens 33.550 Euro bei den Händlern. Damit ist die Einstiegsversion mit Dieselmotor (ca. 130 PS) sogar preiswerter als das günstigste Modell der auslaufenden Generation, das mit 34.590 Euro zu Buche schlägt – allerdings mit stärkerem 150-PS-Diesel. Bleiben die Preise auch so fair wie bisher, hat sich beim Franzosen ansonsten eine Menge getan. Auf augenfälligsten ist die im Trend liegende Wandlung vom eher kastenförmigen Van zum schnittigen Crossover mit starkem SUV-Einschlag.

Der neue Espace ist wieder wahlweise als Fünf- oder Siebensitzer erhältlich. Angeboten wird das Renault-Spitzenmodell in drei Ausstattungslinien und drei Motorisierungen. Neben der Basisversion Life mit Dieselmotor und rund 130 PS stehen die Ausstattungen Intens und Initiale Paris zur Wahl. Diese können auch mit einem stärkeren Selbstzünder mit rund 160 PS sowie einem Benziner mit 200 PS angetrieben werden.

Immer an Bord sind unter anderem das neue Multimediasystem mit einem 8,7-Zoll großen Touchscreen, eine Panoramawindschutzscheibe, Voll-LED-Scheinwerfer sowie 17-Zoll-Räder. Außerdem lassen sich die Sitze in der zweiten und dritten Reihe einzeln vom Fahrersitz oder vom Kofferraum aus per Fingertipp komplett im Boden versenken.

Autor: Adele Moser/SP-X

Fahrbericht: Renault Espace dCi 175 Initiale

Als der allererste Renault Espace auf den Markt kam, war er eine Innovation. Ein Stück Automobilgeschichte, wie man diese nur in Frankreich schreiben konnte. Lange bevor die Volumen-Hersteller auf dem deutschen Markt an „Vans“ dachten, gab es den Espace von Renault. Das ist nun dreißig Jahre her. Auf die erste Generation folgte die Zweite, die Dritte und mit Ausnahme des Wechsels in der Konstruktionsweise hat sich nicht viel geändert. Einen Espace erkennt man sofort.

Die vierte Generation des Espace ist bereits seit 2002 auf dem Markt und trotz der vier Modellpflege-Maßnahmen, die letzte mit optischen Retuschen im Juni 2012 (Phase IV), ist dies ein besonders langer Modellzyklus.  Mit dem Wechsel 2002 stellte Renault die Produktion des Espace vom Stahlchassis mit Kunststoffaufbau auf eine klassische, selbsttragende Stahlblechkarosserie um. Lohn der Arbeit waren fünf von fünf Sternen im Euro-NCAP Crashtest. Dahingegen hatten die ersten Modelle eine Karosserie aus mehrschichtigen Polyester anstelle von Blech. Das half damals, das Gewicht des 5+2 Sitzers niedrig zu halten. So wog die erste Generation des Espace nur runde 1.200 Kilogramm. Das Gewicht der aktuellen Baureihe startet derzeit bei etwa 1.850 Kilogramm.

Renault Grand Espace dci 175 Fahrbericht silbern

1.170 verkaufte Espace 2013

Wenn von einem Klassiker der Automobilgeschichte unter dem Label eines Volumen-Herstellers monatlich nicht einmal mehr 100 Fahrzeuge verkauft werden, dann muss etwas falsch laufen. Der Espace fand in Deutschland im Jahr 2013 nur noch 1.170 Käufer. Ein Ford S-Max zum Beispiel glänzte mit 8.900 verkauften Fahrzeugen. Dabei ist doch der Renault das Original. Was also läuft falsch?

Zeit für einen Fahrzeug-Check

Der Renault Espace im Fahrbericht

Der Grand Espace  schindet alleine durch seine schiere Größe Eindruck. Er  steht mit einer beeindruckenden Präsenz auf der Straße. Renault hat den Grand Espace dCi 175 mit Automatik in der besten Ausstattungsversion Initiale zum Test geschickt. Das „Glanz- und Gloria-Vorzeigemodell“ der Espace-Baureihe und meine Vorfreude sind entsprechend groß. Es ist zugleich der erste Kontakt mit einem Renault-Testwagen.  Doch bereits bei der Übernahme hadere ich mit dem Weltbild der Franzosen.

Der erste Kontakt

Der Grand Espace ist mit 4.85 Metern nicht länger als eine aktuelle E-Klasse von Mercedes, doch der Van-Aufbau mit knapp 1 Meter 90 Breite und fast 1 Meter 80 Höhe verfehlt seine Wirkung nicht. Was der Espace an Innenraum bereithält, vermag zu beeindrucken. Doch wo sind die Instrumente? Wo das Radio?

Renault Espace cockpit

Der erste Kontakt mit dem Espace sorgt für Aha-Erlebnisse. Vermutlich muss man als französischer Automobil-Hersteller die Konventionen einfach brechen. Der Tacho thront – im Mäusekino platziert – in der Mitte des Armaturenträgers, fernab des üblichen Ortes. Daneben ein buntes Navigationssystem, dem man anmerkt, wie spät es erst Einzug in den Espace hielt. Bereits der erste Kontakt verwirrt. Der Tacho mit seinen LCD-Elementen aus den 80-Jahren und daneben das nachträglich montierte Navigationssystem. Das passt nicht zusammen und vertieft die ersten Verwirrungen. Das Cockpit an sich geizt mit Informationen, zumindest mit denen, die es auf den ersten Blick verrät. Die Sechs-Segment-Anzeige für die Geschwindigkeit, ein kleiner grafischer Balken für die Drehzahl und ein Feld für den Bordcomputer. Daneben noch zwei kleine Säulen für die Wassertemperatur und den Tankinhalt. Es muss einfach anders als bei anderen Autos sein – war vermutlich die Ansage, als man mit der Entwicklung des Espace begann. Das bekam auch das Cockpit zu spüren.

Cockpit des Renault Espace

Renault nutzt das ungewöhnliche Cockpit-Arrangement für praktische Ablagen. Zumindest zum Teil. Die beiden Ablagefächer direkt vor den Anzeigen sind theoretisch echt praktisch für Smartphones oder Zigaretten-Packungen. Aber im Alltag nutzt man diese vermutlich nur für Kleinkram, den man vergessen will. Die üblichen Plastik-Chips für Einkaufswagen, alte Bonbons vom letzten Karneval und Präservative mit abgelaufenem Haltbarkeitsdatum. Denn die beiden Fächer liegen jenseits der Greifweite eines normalen Menschen. Mal eben das Handy dort heraus holen, nicht einmal für den Beifahrer lustig.

Bleiben die praktischen Staufäucher unterhalb des Armaturenbretts. Davon liegt eines vor dem Knie des Beifahrers und eine doppelte Version dort, wo andere Autos mit der Mittelkonsole beginnen. Zusätzlich bleibt hinter der mit Klavierlack beschichteten Blende vor dem Automatikwählhebel noch ein Fach übrig. Praktisch. Doch wo sind die Cupholder? Der Espace ist das ideale Reiseauto für die Familie, da werden doch Cupholder vorhanden sind? Nein? Merkwürdig. Aber der Franzose an sich, der trinkt vermutlich nicht im Auto. Rauchen wird er auch nicht, denn er kommt ja nicht an seine Zigaretten.

Renault Grand Espace mit offener Heckklappe

Wie steht es um das Fahren?

Der Zweiliter große Vierzylinder-Turbodiesel protzt mit 173 PS und 360 Newtonmeter. Seine Kraft gibt er an das optionale Sechsgang-Automatikgetriebe ab und von dort wandert es an die Vorderachse. Ein wenig ungewohnt ist die Handhabung der elektrischen Parkbremse. Am Hebel ziehen und zugleich den kleinen Knopf drücken, dann löst sich die elektrische Feststellbremse. Sie tut das auch automatisch beim Losfahren, aber nie ohne unangenehmen Ruck. Der Rest ist schnell erzählt. Der Dieselmotor bleibt so lange ein Gentlemen, so lange man ihn nicht über Gebühr fordert. Mit leichtem Gasfuß gefahren, arbeiten Motor und Automatikgetriebe gefühlvoll zusammen. Relativ früh drückt der Dieselmotor den großen Van im sechsten Gang über die Straße. Entspanntes Gleiten – Reisen ohne Hektik. Das empfiehlt auch die Lenkung. In der Mittellage reagiert diese noch ein wenig unmotiviert, um dem Wunsch nach einem Richtungswechsel dafür später umso spitzer nachzukommen. Harmonisch? Nein.

Test-Verbrauch:

[one_third]Öko-Testrunde:

6,7

l/100 km
[/one_third]

[one_third]Alltags-Testrunde:

7,6

l/100 km
[/one_third]

[one_third last=last]Maximal-Testrunde:

12,7

l/100 km
[/one_third]

Während man über die Autobahn gleitet – Tempo 130 stellt sich als perfekt heraus, der Diesel brummt dann kaum hörbar vor sich hin, während der Kraftstoffkonsum im Rahmen bleibt (7.4 Liter / 100 km) – während man also so über die Autobahn gleitet, den französischen Fahrkomfort sucht, wandern die Augen durch das Interieur. Doppelte Nähte am Armaturenträger. Klavierlack. Sitze mit Armlehnen. Und dieser viele Platz. Stopp – Stoffnähte am Armaturenträger? Der fühlt sich doch an, als wäre er aus Kunststoff. Die Optik verspricht jedoch, hier wurde ein feines Ambiente aus Tierhäuten vernäht. Der Schwindel fliegt auf, sobald man beim nächsten Tankstopp die Türen öffnet und sich dort das Ende des Armaturenträgers anschaut. Plastik. Kunststoff. Durch und durch. Da wurde nichts vernäht. Die elegante Ledernaht wurde schlicht in das Plastik getrieben. Unfassbar.

SAMSUNG CSC

Das Vögelchen an Bord

Als Autoblogger habe ich mich daran gewöhnt, bei den Testwagen tiefer unter das Blech zu schauen. Da soll es Automobil-Hersteller geben, deren Testwagen haben mit den Serienmodellen nur noch den Namen gemeinsam. Da werden Türen gedämmt, Sportreifen für mehr Grip aufgezogen, Motoren haben plötzlich deutlich mehr Kraft. Was ich allerdings nicht gewohnt bin, ist Nachlässigkeit.

Bereits bei der Übernahme des Grand Espace wunderte ich mich über die Spaltmaße der Heckklappe. Während die rechte Seite plan mit dem Stoßfänger abschloss, stand die linke Seite einen guten Zentimeter über. Eher ungewöhnlich für einen Presse-Testwagen.  Doch auch der Innenraum des Grand Espace war aufregend.

Im Prinzip gab es keine Fahrt, ohne hierbei neue Geräusche zu entdecken. Mal quietschte es aus dem Bereich der B-Säule, mal rappelten die beiden Abdeckungen im Armaturenbrett um die Wette. Dann wieder ein leises Zwitschern während dem Leerlauf an der Ampel. Im Prinzip war es nie wirklich still im Grand Espace.

Renault Espace Grand 175 dci Automatik 09 Fahrbericht

47.840 € – Raumfähre mit Extra

Ich kann mit meiner Meinung nicht hinter dem Berg halten. Der Grand Espace hat mich massiv enttäuscht.

Nun bietet gerade der Grand Espace für 47.840 € extrem viel Auto für sein Geld. Einen geräumigeren Fünfsitzer wird man kaum finden. Die Sitzplätze 6 und 7 kosten einen Aufpreis, alternativ lässt sich der Grand Espace auch als Sechssitzer ordern. Dazu kommt eine umfangreiche Ausstattung, die Xenonlicht ebenso einschließt  wie Keyless-Go und das Navigationssystem.  Gerade als Initiale ist der Grand Espace ein „All-inklusive“ Angebot. Und der 173 PS starke Dieselmotor zieht den nicht gerade leichten Van ordentlich nach vorne. Für die Automatik-Variante wird zudem eine Höchstgeschwindigkeit von 198 km/h angegeben.

Fazit:

Die Qualität stimmt nicht!

Der Espace könnte ein wundervoller Van sein und ich bin mir sicher – die Wiederverkaufspreise und der Absatz an sich wären besser, wäre der Espace nur nicht so lieblos zusammengesteckt. Es fehlt an der wirklichen Detailliebe. Es fehlt an der echten Modellpflege. Alleine dieses Cockpit aus den 80-Jahren.  Der Tempomat wird auf Höhe des Fahrerknies eingeschaltet, die Steuerung der Klimaanlage wurde in die Türverkleidungen gepackt. Der Preis des „anders sein“ ist einfach zu hoch. Dabei sind die Talente des Grand Espace doch sichtbar.

Der Espace soll in nicht allzu ferner Zukunft einen Nachfolger bekommen, der dann auf der CMF-Plattform von Renault-Nissan steht, so meine aktuellen Informationen.  Diesem neuen Espace bleibt zu wünschen, dass man sich bei Renault besinnt. Qualität vor Andersartigkeit. Dem Renault-Motto: „Ist Raum nicht der wahre Luxus“ bleibt mir nur anzumerken: Qualität und Komfort sind elementare Bestandteile, ohne die selbst der größte Raum kein Luxus ist.

 

Zusammenfassung:

[notification type=“notification_mark“ ]

Positiv:

Der Grand Espace ist die „Raum-Reise-Limousine“ , die dieses Segment erfunden hat. Das Platzangebot des Grand in der Version als Fünfsitzer ist nur mit „fürstlich“ annähernd korrekt beschrieben. [/notification]

[notification type=“notification_error“ ]

Negativ:

Der Testwagen vermittelt den Eindruck einer schlechten Verarbeitung. Störgeräusche, Zwitschern, Klappern und ähnliches sind prinzipiell immer präsent. Die Passung der Heckklappe war fehlerhaft. Die Scheinwerfer waren an zwei Tagen von innen angelaufen.[/notification]

[notification type=“notification_warning“ ]Disclosure:

Getestet wurde der Renault Grand Espace dCi 175 mit Automatik über eine Distanz von knapp 1.200 Kilometern. Der Testwagen wurde von Renault Deutschland zur Verfügung gestellt. Die Kosten trägt Renault Deutschland.

[/notification]

Technischen Daten:

Motor: Vierzylinder-Turbodiesel mit Ladeluftkühlung, DOHC Vierventilkopf aus Leichtmetall, Block aus Guss.1.995 ccm – Bohrung 84 mm – Hub 90 mm – 16.0 : 1
Leistung:  173 PS bei  3.750 U/min Drehmoment:  360 Nm bei  1.750 U/min
Höchstgeschwindigkeit:  198 km/h 0-100 Beschleunigung:  11,1 Sek.
Länge x Breite x Höhe x Radstand  4.856 x 1.894 x 1.746 x 2.868 mm
Leergewicht:  2.030 kg  
Tankvolumen:  83 l Abgasnorm:  Euro 5
Effizienzklasse:  B Co²Emission:  169 g/km
 
Normverbrauch Innerorts:  8,2 l / 100 km Außerorts:  5,4 l/ 100 km
Kombiniert:  6,4 l / 100 km MAB-Testwert:  7,6 l / 100 km
Kaufpreis-Basisfahrzeug  34.590 € Testwagen-Kaufpreis:  47.840 €

Zum Download, der Bewertungsbogen: Testfahrzeug-Bewertung Renault Espace