Porsche Ice Force: Mit Spikes und 991 turbo S im Kampf gegen die Physik

Mein-auto-blog.de ist mal wieder nach Finnland gereist, um oberhalb des Polarkreises im beschaulichen Örtchen Levi einen alten Freund zu treffen, den Porsche 911 turbo. In seiner frischesten Ausbaustufe soll uns der seit über 40 Jahre auch zwangsbeatmete Evergreen bei der Zusammenkunft mit einem ganz besonderen Gegner helfen, Herr der Lage zu bleiben. Ob das Zuffenhausener Technikfeuerwerk geholfen hat? Hier die Reportage aus dem Eis:

Kleines „turbo“, großes „S“ – die Kombination macht 580 PS

Es ist bitterkalt. Leise knirscht der trockene Schnee unter den vier Rädern. Langsam rollt die aktuelle Krönung der Zuffenhausener Streitwagen zum Kampf in die Arena. Der Gegner ist klar fokussiert: die Physik. Und wir wissen, gegen sie kommt man nur im vollen Ornat an. Dazu gehört vor allen Dingen erst einmal ein S hinter das „turbo“, damit volle 580 PS und 750 Newtonmeter anliegen und zur Verstärkung noch unzählige Akronyme. Nur mit ihnen kann man dem Naturphänomen bei diesen extremen Bedingungen wenigstens ein wenig beikommen. Hoffentlich. Unter anderem zählen dazu PCCB, die gelb strahlenden 6-Kolben-Aluminium-Monobloc-Bremssättel mit Keramik-Verbund-Bremsscheiben im Durchmesser von 410 mm an der Vorderachse, oder PDCC, das aktives Fahrwerkregelsystem zur Wankstabilisierung und zur nochmaligen Steigerung von Fahrdynamik und Agilität (als ob ein Elfer davon nicht schon genug hätte!), oder PDK, das beste Doppelkupplungsgetriebe von allen, oder PTM, das unglaublich clevere Traktionsmanagement für den Allradantrieb, oder PTV Plus, das Torque Vectoring System für die vollvariable Momentenverteilung auf die vier angetriebenen Räder, inklusive einer fein regelnden Hinterachs-Quersperre, oder PASM, die sensibel ansprechende elektronische Dämpfersteuerung. Fehlt noch was? Ja, PSM, das Regelsystem zur letzten möglichen Stabilisierung im fahrdynamischen Grenzbereich, doch ganz ehrlich: da im nordischen Kühlschrank mit einem wunderbaren Fangnetz aus weichem Schnee gearbeitet wird, kann diese Funktion im Kampf von Roß und Reiter vs. Massenträgheit deaktiviert werden. Doch die Situation bleibt kritisch, denn die Physik kennt all diese schwäbischen Tüftlertricks, darum haben wir heute für unseren Endgegner eine kleine Überraschung mitgebracht: Spikes! 560 an der Vorderachse und 700 an der Hinterachse und alle zwei Millimeter lang. Darum nimm das, Du elendiges Naturgesetz!

Spikes! Oder 2.520 Nägel genüsslich auf ihre Köpfe treffen

Tja, mit diesem Schachzug hatte selbst das Stammhirn des 911 nicht gerechnet, denn dieser massive Stahlbesatz in unseren 20 Zöllern (in der Regel sollten da für den Skandinavischen Straßenverkehr im Winter nur rund 200 Stahlstifte im Gummi kennt) verzahnte sich bereits in der Aufwärmrunde so nachhaltig ins finnische Eis, dass dies zu Verwirrung in den zahlreichen Steuergeräten führte. Die vom Fahrer am Gaspedal freigesetzte Leistung in Kombination mit einem mächtig geruderten Lenkwinkel führte einfach zu einer Menge von Schlupf, die vom cleveren 991 Facelift nicht für diese Situation vorgesehen war. Als Folge schickte das Großhirn den Befehl „Schutzfunktion aktivieren“ an die Lamellenkupplung. Nicht, dass bei dieser ungestümen Art des Kraftwagenlenkers dem feinsinnigen Kaftverteiler zu warm werden würde. Darum: Reboot von Mensch und Maschine. Und dann noch einmal mit Gefühl. Doch auch dann muss man hellwach sein, denn die Physik lauert ständig darauf, einen blitzartig tangential aus der Kreisbahn zu werfen. Bis man den Kniff im Kampf gegen das Naturgesetz erst einmal raus hat, ist es ein ständiges Ringen mit genau diesem um jeden Zentimeter ins Eis gefräste Fahrbahn. Aber hat man etliche Schweißperlen auf der Stirn später die Erkenntnis erlangt, dass die Physik nicht zu besiegen ist, man mit ihr in einem perfekt austarierten 911 jedoch wunderbar in Einklang kommen kann, wird aus dem Kampf ein herrliches Fest der Sinne. Ein große, perfekt präparierte Kreisfläche aus Eis ist dazu der beste Spielplatz, den man sich als Petrolhead nur wünschen kann. Die Porsche Driving Experience hat genau so einen Spielplatz in Levi. Und nicht nur das, denn das jährliche Winterprogramm bietet neben der Königsdisziplin „Kreisbahn“ auch noch sensationell in die Landschaft eingebettete Handlingstrecken, auf denen man sich von geduldigen Instruktoren drei Tagen unterwiesen lassen kann. Dabei bauen die Trainings Camp4 Precision, Camp4S Performance, Ice-Force Master und Ice-ForceS Special wunderbar aufeinander auf, bis man das richtige Gespür für Schnee hat und man seinen ehemaligen Feind, die Physik, mit Tränen der Freude in den Augen einfach nur umarmen möchte.

Wenn Unvermögen auf Hightech trifft hilft nur noch „Schutzfunktion aktivieren“

Ach, den werten Leser interessiert der oben erwähnte Kniff zum Schulterschluss mit dem Naturgesetz? Ganz einfach: Den 991 turbo S mit einem gezielten Gasstoß auf der Kreisbahn aus der Ruhe zu bringen, danach das auskeilende Heck wieder stabilisieren, in dem man nicht – wie gewohnt – kontinuierlich gegenlenkt, sondern die Lenkung gefühlvoll wieder öffnet, bis alle vier Räder in eine Richtung zeigen. Das ist die Pflicht und dann kommt die Kür: Ausschließlich über das Gaspedal den Radius auf den Millimeter genau variieren. denn mehr Gas bedeutet bei dieser Querfahrt mehr Schlupf und auf Eis kann man sich so gefühlvoll in eine weiter aussenliegende Kreisbahn treiben lassen. Sie glauben es nicht? Dann hilft nur eins: selber ausprobieren bei der Porsche Driving Experience Winter 2017.

Techart GT Street R – Ganzheitliches Tuning

Techart hat sich den aktuellen Porsche 911 Turbo/Turbo S vorgenommen und ihn nach Art des Hauses radikal umgestaltet und geschärft. Ein umfangreiches Aerodynamik-Kit verleiht dem Elfer eine neue Ästhetik. Ein paar Extra-PS gibt es außerdem.

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In einer ersten verfügbaren Ausbaustufe bieten der Leonberger Tuner eine Steigerung um 60 PS und 130 Newtonmeter an. Im Fall des Turbo S sind somit 471 kW/640 PS und 880 Newtonmeter Drehmoment angesagt. Dies wirkt sich auch positiv auf die Fahrleistungen aus. Statt einer Sprintzeit aus dem Stand auf Tempo 100 von bereits atemberaubend kurzen 2,9 Sekunden sollen laut Techart 2,7 Sekunden möglich sein. Die Höchstgeschwindigkeit steigt zudem von 300 auf 338 km/h.

Damit die Leistung auch beherrschbar bleibt, wurde vor allem die Außenhaut aerodynamisch optimiert. Über 60 Teile hat Techart ausgetauscht beziehungsweise modifiziert. Neben einer kraftvolleren Optik bekommt der Elfer dadurch auch mehr Abtrieb. Bei Tempo 300 sollen 321 Kilogramm das Fahrzeug auf die Straße pressen. Darüber hinaus soll das Aero-Konzept für eine bessere Luftversorgung von Wasser- und Ölkühlung sorgen.

Für das Heck gibt es eine Titan-Auspuffanlage mit vier Endrohren
Für das Heck gibt es eine Titan-Auspuffanlage mit vier Endrohren

Außerdem hat der Tuner eine Titanauspuffanlage mit vier Endrohren entwickelt, die über einen stufenlose pneumatische Klappensteuerung verfügt. Beeindruckende Riesenräder mit 20 oder 21 Zoll Durchmesser sowie ein Gewindefahrwerk mit Noselift-Funktion runden die Maßnahmen ab. Mit dem Nasenhebe-System kann man die Bodenfreiheit an der Vorderachse per Knopfdruck um 6 Zentimeter erhöhen.

Rennschalen und Überrollkäfig runden das Ganze ab
Rennschalen und Überrollkäfig runden das Ganze ab

Wem das Maßnahmenpaket noch nicht reicht, muss sich nur ein wenig gedulden. Im Frühjahr 2017 will Techart noch eine weitere Leistungsstufe für den 911 Turbo vorstellen. Hier wollen die Leonberger den Motor des Turbo S auf 530 kW/720 PS und 920 Newtonmeter pushen, was für nochmals bessere Fahrleistungen sorgen dürfte. (Mario Hommen/SP-X)