Schweiß und Tränen, die Hamburg-Berlin-Klassik 2015

Zugegeben, die Idee war für mich erst einmal ein wenig schräg. In einem echten Rallye-Fahrzeug die Hamburg-Berlin-Klassik mitfahren. Wo sonst Youngtimer und Oldis, automobile Schätze mit mehr oder weniger Patina on Tour gehen, soll man in einem Auto, dessen Ziel in der Erreichung von Bestzeiten unter möglichst üblen Bedingungen ist, einfach so mitschwimmen? Und dann auch noch so ein „klassisches Gefährt“? Die Idee klingt nach einer Petrolhead-Idee. Eine Sache für Auto-Fanatiker mit erhöhter Leidensfähigkeit. Genau richtig für mich!

Und, es ist nicht das erste Mal. Škoda Auto Deutschland setzt den 1976 gebauten Rallye 130 RS nicht zum ersten Mal auf dieser Strecke ein. Es muss also gehen – wo sollte das Problem sein? Und was sollte schon schief gehen?

Schweiß und Tränen – im Škoda 130 RS von Berlin nach Hamburg #HBK2015

Oder: On Tour mit sieben Rallye-Meisterschaftstiteln im Gepäck!

Der erste von Hand geschriebene Eintrag im Roadbook kam nach 2.99 Kilometern, hinter dem Chinesenzeichen mit der Ampel und der Kreuzung habe ich die Notiz: “ Der Arsch tut weh“ hinterlassen. Da waren wir keine 15 Minuten unterwegs und es sollten an diesem Tag noch gut 2.5 Stunden folgen. Dabei war mir das Problem schon am Vortag, lange vor der Abfahrt zur ersten Etappe bewusst. Škoda hatte einen Rallye 130 RS mitgebracht, den Porsche des Ostblocks. Als Rallye-Fahrzeug. Mein Pilot und Teamkollege für diese Rallye, der siebenfache Deutsche-Meister Matthias Kahle, fährt mit diesem Gerät hin und wieder noch „richtige“ Rallyes. Also keine Schau- und Spazierfahrten, bei denen man die Stopp-Uhr braucht, um im Durchschnitt 16 km/h zu messen, sondern diese Dinger, bei denen Mensch und Maschine eine Einheit bilden müssen. Eng geht es daher zu. Die Sitze sind Schraubstöcke, wer da nicht mit der Hüfte einer Baby-Gazelle anreist, der bekommt ein Problem. Und dieses Problem hatte ich jetzt. Dabei hatte ich die Sitzkuhle des Schalensitzes am Vortag noch mit Styroporplatten aus dem Baumarkt aufgefüllt. Half alles nichts. Da musste ich durch.

HBK 2015 022 skoda matthias kahle klassikrallye

Was soll schon schief gehen?

Ernsthaft, diese Rallye konnte doch nur einen Sieger haben. Matthias Kahle. Und wer auch immer auf dem Beifahrersitz den Ballast mimt, segelt locker im Windschatten des Profis mit auf das Podest. Dachte ich mir so. Doch diesen Zahn zog mir Matthias frühzeitig. Er „lenke nur“ den 136 PS starken Ostblock-Porsche, für den Sieg, dafür ist vor allem der Beifahrer verantwortlich. Damit lag die Last meines eigenen Ehrgeizes auf meinen Schulter. Aber hey – 2013 habe ich die HBK bereits mit Frau und Hund gemeistert. Gut, im Gesamtergebnis dreistellig, aber wir kamen immerhin an.

Mit dem Rallye-Champ und dem Škoda 130 auf Sympathie-Tour

733 Kilometer von der Hauptstadt, über Wolfsburg, den Harz bis nach Hamburg. Eine Route, die man ruhig des öfteren fahren könnte. Eine Route mit viel Landschaft. Wenig Verkehr. Aber viel Begeisterung. Die Menschen freuten sich über das alte Blech. Vor allem im Osten der Republik konnte der Rallye 130 RS die Erinnerungen der Zuschauer beleben. Handy-Kameras wurden gezückt, gewunken, gegrüßt, gejubelt. Kinder feierten den Oldtimer. Motorsport-Fans wollten Matthias Kahle sehen. Wer diese drei Tage nicht schwitzend in einem Rallye 130 RS saß, wird nicht verstehen, welche Begeisterung ein altes Auto bei Wildfremden auslösen kann.

Schweiß und Tränen

Der Start am Olympia-Stadion führte eine Runde um diese Monumental-Stätte herum. Eine erste Wertungsprüfung inklusive. Und noch bevor es nach dieser Runde auf die Strecke gehen sollte, hatte der Rallye-Škoda sein heißes Talent bewiesen. Unfassbar viel Wärme kann der 1.3 Liter Vierzylinder im Heck produzieren. Das von jeglicher Dämmung befreite Rallyefahrzeug lässt die Insassen am Prinzip der „Verbrennung“ nicht im unklaren. 136 PS Leistung und 100 kW davon kommen als Hitze bei Pilot und Co-Pilot an. Gefühlt. 

Wann immer es der Verkehr zuließ, öffneten wir die Türen des Ostblock-Porsche. Das kam auch bei Tempo 100 auf der Landstraße vor. Schraubstock-Passung im Schalensitz und der Überrollkäfig, der mit seinen breiten Rohren den Zugang verkleinerte, sorgten für das notwendige Sicherheitsgefühl. Schnell kamen bei Ortsdurchfahrten die Fragen: „Na, keine Klimaanlage?“ Nein – der Rallye 130 RS hat nicht einmal eine Lüftung. Dafür den Kühler vorne, den Motor hinten und dazwischen heiße Wasserrohre. Das führte dazu, dass wir am Ende  öfter die Tür geöffnet haben, als die Gänge durchgeschaltet.

Hamburg Berlin Klassik Rallye Freitag
Hamburg Berlin Klassik Rallye
Freitag

Eine Klassik-Rallye dient nicht der Erzielung von V-Max-Rekorden. Reisen statt rasen ist die Devise. Und das ist gut so. Denn der Škoda Rallye 130 RS macht schon bei Tempo 106 einen Krawall, als würde eine Sojus-Rakete im Heck starten. Unfassbar. 1.3 Liter-Rabauke @work!

Am zweiten Tag ließ die Hitze die Konzentration schmelzen. Aus einer 28 wurde eine 23 und aus einer Top-Wertungsprüfung ein Totalversagen. Als Beifahrer trägt man für diese Pannen die Verantwortung. Das Handbuch gibt die Zeit und die Strecke vor, mal direkt, mal per Rechenkniff. Der Fahrer fährt – und wenn am Steuer ein siebenfacher Rallye-Meister lenkt, dann schiebt der Renn-Tscheche seine Nase genau nach 23 Sekunden durch die Lichtschranke. Dumm nur, es hätten 28 Sekunden sein müssen. Der erste Fehler schmerzt sehr. Wie oft hat man einen Rallye-Champ am Steuer? Wie oft die größte Chance auf den Gesamtsieg. Nach einem tollen 15. Platz am ersten Tag war der Ehrgeiz noch gewachsen.

Und dann dieser Schlag in die Magengrube. Kein Fahrfehler. Kein Orientierungsfehler. Schlicht die Brille nicht aufgesetzt und sich verlesen. Unfassbar.

HBK 2015 Hamburg Berlin Klassik Rallye Freitag
HBK 2015
Hamburg Berlin Klassik Rallye
Freitag

Der wunderbare Ritt auf den Emotionen

Tag 3 der Rallye, Samstag in der Früh. Trotz Fehler am Vortag auf Platz 9 vorgefahren. Jetzt galt es. Volle Konzentration. Keine Fehler. Ein Platz auf dem Podium musste am Ende das Ziel sein. Okay, wenigstens Top5. Die Vorbereitungen am Morgen zum Rallye-Samstag waren akribisch. Und falsch. Aber das wussten wir nicht, als wir zur ersten Prüfung des Tages starteten. Und gleich nach dem Start, auf dem VW-Werksgelände der erste Fehler. Das iPad, mit dem wir die Zeiten stoppten, war vom Test beim Frühstück noch auf lautlos gestellt. Irritierung mitten in einer 10-Sekunden Prüfung. Doch Rallye-Kahle Profi mit der Ruhe, die einem nur sieben Rallye-Titel einbringen und Hangover-Bjoern (ich) rissen das Ding locker runter. Prüfung eins des letzten Tages lief trotz dieser Panne gut! Ich sah uns bereits bei der Pokal-Übergabe. So lief es weiter. Routiniert sprachen wir im Auto über unsere Hobbys. Hörbücher. Weltpolitik. Das Navigieren liefe mittlerweile so nebenbei. Einen Kahle machst du mit einer Klassik-Rallye nicht verrückt. Unser Škoda 130 RS brütete uns derweil aus, wie eine liebevolle Glucke ihre Küken. Die Türen auf, wann immer es ging. Hitze und Lärm, der Rallye-Skoda kann beides. Hoch motiviert haben wir die Mehrfach-Prüfung im Heidepark in Angriff genommen. „Ein gutes Gefühl“ beim Rallye-Crack. Zuversicht beim Beifahrer. Dieses Mal würde die Autobild einem Blogger den Pokal überreichen. Klar!

Hamburg Berlin Klassik Rallye Freitag
Hamburg Berlin Klassik Rallye
Freitag

Lass uns sterben gehen..

Als wir im Hamburger-Containerhafen, Vredestein-Gelände, die letzte Prüfung des Tages hinter uns hatten, war es dann soweit. Eine Hiobs-Botschaft knallte uns zurück auf den harten Asphalt des Rallye-Lebens. Hangover-Habby und Slowhand-Kahle hatten auch am Rallye-Samstag den gleichen Fehler eingebaut wie am Vortag. Doch dieses Mal reichte ein Streichresultat nicht, der Fehler verursachte einen Doppelfehler. Maximale Strafpunkte. 5 Kilometer vor dem Ziel wollte ich einfach nur aus diesem Rallye-Dingsbums aussteigen. Mich weinend an den Hafen setzen. Das Meer suchen gehen. Sterben!

… an einem anderen Tag!

Bis wir das Ziel erreichten. Fischtown-Hamburg zeigte sich von seiner sonnigen Seite. Der Platz vor der Fisch-Auktionshalle voll mit Menschen. Nicht einmal mehr die Chance, die Türen des Rallye 130 RS zu öffen. Schwitzend, darunter verbergend die Tränen der Enttäuschung fuhren wir durch das Ziel. Emotionen geschwängert beendeten wir über 700 km. 700 km voller Emotionen, großartiger Gespräche, fantastischer Erlebnisse. Vom Himmel zur Hölle, und zurück. Schweiß gebadet vom Rallye-Skoda. Trunken voller Freude über die erfolgreichen Wertungsprüfungen. Ermattet vom Lärm des Rallye-Skodas. Am Ende kam ein Platz … ach, wen interessiert das schon?

Was sind schnöde Platzierungen, wenn du auf drei Tage mit einem siebenfachen Rallye-Meister zurückschauen kannst? Wenn du über 700 km in einem Rallye-Klassiker ausgehalten hast? Da ist Platz 27 nur eine Zahl …

HBK 2015: Das fängt ja gut an!

Natürlich sind Rallye-Fahrer sportliche Personen. Joggen gehört für viele zum täglichen Programm und Hüftgold kennt man bei den Profis natürlich auch nicht. Entsprechend knapp sind die Sitze in so einem Rallye-Fahrzeug. Schraubstöcke in Filz-Bespannung. Darüber zwei breite Gurte, stramm sitzend, der Hintern möglichst ohne Spielraum eingeklemmt. Das ist auch sinnvoll, wenn es mit brüllenden Motoren über die Wertungsprüfungen geht. Fliegende Autos? In der Rallye-Szene der Alltag, nicht die Ausnahme. Abflüge? Auch eher „kann passieren“ denn völlige Randerscheinungen.

Bei einer „Klassik-Rallye“ wie der Hamburg-Berlin-Klassik gehören schnelle Wertungsprüfungen nicht zum Programm. Hier gilt es, mit Köpfchen und Stopp-Uhr zu fahren – aber ohne die Querdynamik auf die Probe zu stellen. Die Hersteller packen bei solchen Events dann gerne mal Journalisten in die Fahrzeuge, denn auch ganz ohne Top-Speed und Wettfahrten bringt einem eine Rallye in klassischen Autos ganz neue Eindrücke nahe. Skoda Auto Deutschland hat mein-auto-blog eingeladen, die 2015 Hamburg-Berlin-Klassik aus dieser nahen, unverfälschten und emotionalen Perspektive zu erleben.

Am Steuer des „Ostblock-Porsche“ niemand geringeres als der siebenfache deutsche Rallyemeister Matthias Kahle. Bei so einer Einladung sagt man natürlich sofort zu, auch wenn im Hinterkopf die Warnlampe angeht! Rallye-Auto? Klassiker? Und wie soll der Autor dieser Zeilen dort Platz nehmen? Joggen, nicht sein größtes Hobby. Hüftgold? Hat er, genug. Wie also soll das gehen?

Berlin – Mittwoch, 26.08.2015 – 14:00, eine erste Anprobe

Und es kommt, wie es kommen musste, der Vollschalensitz ist knapp geschnitten. Sehr knapp. Man könnte sich darin platzieren, wenn man nur auf einer Arschbacke sitzt. Die Hüfte im 45° Winkel, könnte gehen. Eine Rallye so überstehen? Vermutlich nicht.

Nun muss eine Lösung her – morgen ab 13:00 macht sich der 180 Fahrzeuge starke Tross der Klassiker auf den Weg und wir- wir wollen doch neben Matthias Kahle, dem Rallye-Champ und dem Gewinner der HBK2013 an den Start gehen! Wir wollen!

 

Werden wir eine Lösung finden? Lesen Sie ab morgen weiter, in unserem „HBK-2015“ Liveblog! 

Liveblog: Sachsen Classic – Tag 1

Hitze. Timing. Prüfungen. – Tag 1 bei der Sachsen Classic!

Der große Tag ist gekommen, die erste Etappe mit mehreren Wertungsprüfungen steht an. Vorher aber noch zum Fahrer- und Beifahrer-Briefing, um über die Regeln bei einer Oldtimer-Rallye eingewiesen zu werden. Hermann Dreyer, Leitung Gesamtfahrzeugentwicklung Volkswagen und ich checken noch mal alles durch und als ich viele Fragezeichen beim Anblick des Roadbooks und der Zeitenmessungen über dem Kopf habe, wechseln wir spontan die Rollen. Es sei wohl besser, wenn wir tauschen und ich „nur Gas geben“ muss, denke ich in diesem Moment.

Dann pünktlich um 12.01 setzt sich der Tross in Bewegung. In gewohnt fachkundiger Manier moderiert Johannes Hübner auf der Startrampe und stellt die 180 Fahrzeuge vor.
Mit unserer Startnummer 45 haben wir die Startzeit 12.27 Uhr bekommen. Um 12.15 gibt mir Hermann ein Zeichen, „Auf geht’s zu deiner ersten Ausfahrt, jetzt wirds ernst“ ruft er mir übers kochend heiße Blechdach unseres VW Rallye Golf zu. Drinnen ist es nicht besser, das Aluminiumgehäuse meines Notebooks scheint kurz vor dem Schmelzpunkt zu sein. Klimaanlage? Völliger Quatsch, 1990 benutzte man meistens noch die Seitenfenster zur Kühlung. Also die Fensterkurbel gegriffen, wobei ich mich frage, wann ich zuletzt eine Fensterkurbel in der Hand hatte und runter mit der Scheibe.

„Gegen die Hitze im Auto ist die 35 Grad heiße Luft von draußen fast wie ein kühler Wind.“

Die Straßenlage unseres Golf G60 ist, bescheiden formuliert, ohne Dämpfung. Auf den teils mit vielen Löchern übersäten Straßen, vorbei an dem ehemaligen VEB Sachsenring Automobilwerk, das heute zum Volkswagen-Konzern gehört, geht’s holprig zur ersten Wertungsprüfung.
Hermann Dreyer ist nach einigen Oldtimer-Rallye-Teilnahmen mittlerweile ein Profi, zumindest in meinen Augen. Blitzschnell rechnet er Distanz, Sollzeit und Vorgaben aus, klebt mir einen PostIT mit Zeiten in Sekunden aufs Lenkrad und sagt “Wenn du mit exakt 37 km/h durch die erste Lichtschranke fährst, dann sollte das gut klappen, ich zähle die letzten Sekunden an, dann nur noch über die Messlatte fahren.“
Ok, der Puls schlägt, vor mir senkt sich die grüne Flagge, erster Gang und ab. Die Hitze, fröhliche Menschen am Wegesrand winken, fotografieren, filmen, meine Augen starren nach vorne, die Ziel-Lichtschranke im Visier, Hermann zählt, dann sind wir drüber, beziehungsweise durch die Messung.

Fürs erste Mal gar nicht so schlecht, werde ich gelobt. Kann mich aber noch gar nicht freuen, ich schwitze einfach nur. Am Ende erfahre ich, Platz 31 von 180 Teilnehmern bei dieser Wertungsprüfung. Bei der nächsten, der berühmten „Steilen Wand“, habe ich leider noch zu viel Strecke übrig, als Hermann mit dem Zählen der verbleibenden Sekunden fertig ist und patze. Ein Platz jenseits der 120 ist das Ergebnis.
Auf dem Sachsenring, auf dem vor wenigen Tagen noch ein Lauf der MotoGP-Serie stattgefunden hat, machen wir fast alles richtig und holen mit Platz 12 unser bestes Tagesergebnis. Dazu sind wir auf dem Sachsenring bestes VW Classic Team.
Insgesamt wird es der 56. Platz im Tagesklassement und obwohl wir ja nicht ernsthaft auf eine vordere Platzierung fahren, schaut man abends dann doch in die Zeitenlisten und vergleicht.

Morgen führt die Tagesetappe durch das hoffentlich etwas kühlere Erzgebirge nach Dresden. Wenn am Nachmittag das rollende Automobilmuseum auf der Augustusbrücke ankommt, wird auch das Dresdner Stadtfest 2015 eröffnet. Wer dabei sein will, findet hier die Stationen für morgen:

Freitag, 14.August 2015, Etappe „Erzgebirge“ (273 Kilometer)

o 08:01 Uhr Start in Zwickau am „Platz der Völkerfreundschaft“ o 09:45 Uhr Wolkenstein, Markt
o 10:55 Uhr Saigerhütte Olbernhau
o 11:00 Uhr Mittagspause im Schloss Purschenstein
o 14:10 Uhr Altenberg
o 15:15 Uhr Glashütte Uhrenmuseum
o 16:15 Uhr Dresden Messe
o 16:30 Uhr Zieleinlauf in Dresden auf der Augustusbrücke

 

 

 

Text: Bernd Schweickard © Foto: Uli Sonntag für VW, Bernd Schweickard

Emotionen: Mitfahrt im Mercedes-Benz 300 SLS

Für mich steht die Zahl 300 nicht für die Anzahl der Krieger aus der berühmten Sage um den König Leonidas I von Sparta. Für mich ist sie am ersten Augustwochenende bei den Schloss Dyck Classic Days die Zahl zum Glück.

Als kurz vorher die Classic Abteilung von Mercedes-Benz anrief und fragte, ob ich denn Lust hätte, im 300 SLS mitzufahren, war klar, ein besonderes Ereignis steht bevor. Emotionale Vorfreude machte sich breit, vor allem als ich hörte, dass Roland Asch der Fahrer sein soll.

Roland Asch ist seit Anfang der achtziger Jahre ein bekannter Name in der Motorsportszene. Dreimaliger Porsche 944 Turbo Cup Gewinner von 1987 – 89, Carrera Cup Sieger 1991 und zweimal Vizemeister in der DTM sind die Etappen seines Motorsportlebens. Natürlich fuhr er auch Mercedes und ist der Marke heute noch verbunden. Nicht nur, weil sein Sohn Sebastian, mittlerweile selbst ein erfolgreicher Rennfahrer, auf einem Mercedes-Benz SLS AMG im Jahr 2012 ADAC GT-Masters Champion wurde.

Am Sonntag der zweitägigen Veranstaltung ist es soweit. Ich stehe an einem der automobilen Highlights der Klassikerszene und natürlich insbesondere der Mercedes-Benz Fans. Der 300 SL Gullwing gehört zweifelsohne zu den Legenden der Automobilwelt, doch dieser 300 SLS ist einer von nur zwei gebauten Exemplaren, die 1957 auf Basis des 300 SL Roadster entstanden sind. Die Serienversion des brandneuen Modells durfte in der Saison 1957 noch nicht in der „Standard Production“-Kategorie starten. Um in der einzigen alternativ möglichen Rennsport-Kategorie D nicht chancenlos zu sein, wird ein serienmäßiger Roadster nach allen Regeln der Kunst zum nur noch 970 Kilogramm wiegenden SLS abgespeckt. Die Motorleistung ist zudem auf 173 kW (235 PS) gesteigert. Mit dem SLS gewinnt Paul O’Shea die amerikanische Sportwagenmeisterschaft in der Kategorie D mit deutlichem Vorsprung vor der Konkurrenz – nachdem er den Titel bereits 1955 und 1956 auf dem 300 SL „Gullwing“ geholt hatte.

Aber nun bleibt keine Zeit mehr für die retrospektive Betrachtung der Sache. Manuel Müller von der Mercedes-Benz Classic – Abteilung kommt auf mich zu und drückt mir einen Helm in die Hand. „Der Roland fährt ja vernünftig. Ist ja nur eine Demofahrt, aber wegen der Sicherheit, man weiß ja nie“ sagt er mir. Ja, man weiß nie, was das Leben einem so beschert. Vor 25 Jahren habe ich noch als zahlender Zuschauer hinter den Absperrungen beim Flugplatz-Rennen der DTM in Mainz-Finthen Autogramme von Profis wie Roland Asch geholt und nun sitze ich gleich neben ihm, in einem Auto, was neulich noch auf einer Ausstellung auch hinter einer Absperrung zu bewundern war.

Tja, eine Sache hatte ich nicht bedacht: Die Popularität der beiden Protagonisten Auto und Fahrer bei den Schloss Dyck Classic Days. So bahne ich mir den Weg durch die Menge zum Wagen, gleich soll es soweit sein. Vorbei am legendären Mercedes Benz C111 mit dem Wankelmotor, den ich als Kind der 70er Jahre als Modellauto besaß, und an dem 190 E 2.3-16 Rekordwagen aus Nardò. Im August 1983 kreisten neun Tage lang drei identische Rekordwagen auf dem besagten Hochgeschwindigkeitsoval, unterbrochen nur von kurzen Wartungsstopps, mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von knapp 250 km/h. Dabei stellten sie zwölf Rekorde, davon drei Weltrekorde über 25.000 Kilometer, 25.000 Meilen und 50.000 Kilometer auf.

Na klar, wie sollte es auch anders sein, „mein“ Wagen steht natürlich ganz vorne auf Pole. Dort, wo sich bereits viele Autogrammjäger und Fotografen tummeln. „Da vorne ist der Asch im Benz“ höre ich einen der Zuschauer zu seiner Frau sagen. Nun gut, ich scheine auf dem richtigen Weg zu sein. Die sympathische Mannschaft von Mercedes- Benz Classic weist mich ein, kurzer Handshake mit Roland Asch, dann werde ich festgegurtet. Gleicht geht’s los. Mein Puls erhöht sich und ich merke, wie meine sonst trockenen Hände leicht schwitzig werden, obwohl ich ja nur neben dran sitze. Roland Asch ist völlig entspannt und schreibt fleißig Autogramme.

Auf denn. Der Streckenposten in dem roten Classic Days Shirt pustet in seine Trillerpfeife und schwenkt eifrig seine Fahne. Kurzes Einrollen Richtung Starthäuschen, dann endlich, Roland Asch gibt dem W198 die Sporen. Ob ich denn ein eher ängstlicher Typ wäre, ruft mir Roland Asch zu. Zumindest meine ich das unter meinem Helm zu verstehen, überlagert von den Windgeräuschen. „Alles ok, Sie können Gas geben“, rufe ich zurück und halte den Daumen hoch. „I bin de Roland, sage mer Du“ ruft er mir im perfekten schwäbisch zu. Alles klar, ich lache, er lacht und gibt Gas, fordert die ganzen 235 PS aus dem 2 Liter großen Sechszylinder ab. Das ist nun keine Zahl, vor der man im Jahr 2014 erschreckt, aber in einem rund 55 Jahre alten offenen Auto fühlt sich das anders an. Roland, ich lasse jetzt das Asch auch hier weg, stupst mich an und fragt, was auf der langen Geraden für ein Maximalspeed erlaubt ist. Der SLS würde ja stolze 260 km/h gehen. Der Veranstalter begrenzt aus Sicherheitsgründen richtigerweise den Speed auf 100 km/h. Jedoch meine ich zu ihm, wenn er bissel drüber ist, bei ihm wäre das sicherlich ok. Er antwortet, dass es ihm schwer fällt, nicht mal so richtig voll zu fahren, weil es total Spaß macht mit diesem Auto, aber es ist besser wenn man sich an die Regeln hält, also 100 km/h, wir sind ja auch Vorbild und im offiziellen Mercedes unterwegs.

Ja so ist er der Roland, immer anständig, fröhlich und unglaublich höflich. Zwischendurch gibt er mir Tipps „Schau hier, Fuß quer über zwei Pedale, dann mit Gefühl Gas und Bremse bedienen, bringt uns schneller durch die S-Kurve da vorne“, Ok, ich versuchs mir zu merken und bin erstaunt, wie lässig er in Straßenslippern die Pedale mit seinen Füßen bedient, in der Art, wie eine Klavierspieler mit seinen Händen die Tasten drückt.

Im nächsten Moment hält er mal eben mitten auf der Strecke an und schreibt ein Autogramm. Ein eifriger Autogrammjäger steht halb auf der Strecke und hält ein Poster hoch und einen „edding“. Notbremse, rechts ran, Rückwärtsgang, einen Menschen glücklich gemacht und weiter.

„Was wäre Motorsport ohne die Fans?“, sagt Roland. Wie recht er hat. Dann eine Vollgasstelle mit Rechtsknick, Roooaar, der bärige Motor wummert vorne, nach vier Runden meine ich zu merken, wie die verhältnismäßig schmalen Reifen langsam bissel arg warm werden, so dass sie schmieren. Oder anders gesagt, uns geht hinten der Arsch leicht weg. Plötzlich sehe ich ein „Museumsauto“ mit völlig anderen Augen.

 

Die Schloss Dyck Classic Days fand ich schon immer gut. Diese familiäre Atmosphäre, Currywurst essend auf einem Heuballen sitzend anstatt Hummer und Krabbencocktail unterm Pavillon schlemmend. Auch dass man als Zuschauer direkt mit den Protagonisten ins Gespräch kommen kann.

Heute war das aber eine andere Sache. Ein Erlebnis, das sich nachhaltig in das Gedächtnis gebrannt hat. Dafür ein großes „Dankeschön“ an Mercedes-Benz Classic und Roland Asch, den ehemaligen Tourenwagen-Piloten mit so viel Herzlichkeit, die ich bei so manch altem Hero der Rennsportszene manchmal vermisse.

 

 

 

 

Text: Bernd Schweickard / Foto: Jens Scheibel

4matic: Wie alles anfing – Mit dem S124 im Schnee

Mit dem S124 zum Timmelsjoch. Im Winter.

Die Schwaben machen es einem nicht einfach. Immer diese kryptischen Typ-Bezeichnungen. Die Vorgänger der E-Klasse, zum Beispiel der 230 E und Co.,  gehörten in den Baujahren 1984 bis 1997 (ja, früher baute man Modellreihen noch so lange…) die Baureihe W124. Aber nur als Limousine. Als Kombi, oder wie der Schwabe sagt, als „T-Modell“, waren es S124er. Auf der IAA 1985 stellte Mercedes für die W und S 124 den Allradantrieb vor. Im Herbst 2015, auch wieder zur IAA, wird der von Mercedes-Benz auf den Begriff 4matic getaufte Allradantrieb demnach 30 Jahre alt.  Happy-Birthday muss man da nicht mehr singen, aber es ist ein guter Zeitpunkt, um sich jetzt einmal zu erinnern, wie das damals war – mit dem Allradantrieb.

4matic s124 01 timmelsjoch

Timmelsjoch: Anfang Dezember 2014

Schnee liegt auf 2.175 Meter erstmal keiner. Hier an der Baustelle zum neuen Timmelsjoch Motorrad-Museum, auf Höhe der ehemaligen Maut-Station, starten wir unseren „Aufstieg“. Und zwar so, wie man das 1987 auch gemacht hätte. Nur damals wäre der E300 TD T 4 matic fabrikneu gewesen.

In diesem 300 TD T 4matic sitzt du nicht einfach auf dem Fahrergestühl, du bist Teil der Sitze. Sie nehmen dich auf, sie betten dich federzart. Die schmalen A- und B-Säulen beschränken den Blick kaum, anders als in modernen Autos hat man nicht das Gefühl, in einer Nato-Blechkiste mit nachträglich eingeschweißten Gucklöchern zu sitzen. Freier Blick. Weich federt der Fahrersitz, Omas Sofa kommt in den Sinn, auch das gibt es heute nicht mehr. Das typische „so muss Mercedes sein“ Gefühl stellt sich sofort ein. In den Ohren hallt der pumpende Klang des 3 Liter Reihensechszylinder-Vorkammer-Diesels. Das ist der Taxi-Sound für Generationen von  Disco-Heimkehrern. Dieser nagelnde Sound, kaum durch Drehzahlen beeinflusst, das ist klassische Mercedes-Dieselmusik. Im E300 TDT sollen es 147 PS und 273 Nm sein, die vom Ölbrenner 1987 zum ersten Mal an alle vier Räder geschickt werden.

 

Im Metzgermeister -Traum durch Schnee und Eis

Die Sonne lacht über uns. Die Berge zeigen sich von der glitzernden Seite. Wer jetzt zu langsam über die zum Teil geräumte Hochalpenstraße gondelt, der könnte am Ende der Tour, wenn die Sonne über den Scheibkopf spitzt, von abgehenden Lawinen getroffen werden. Also schnell den Tresorklang der schließenden Türen genießen.Der Vorkammer-Diesel läuft unbeirrt und ist vorgewärmt, die Automatik auf D und das Pedal durchgedrückt. Gas. Also so ähnlich.

Die unfassbare Trägheit alter Turbodieselmotoren beeindruckt. Kraft? Nun – irgendwann, während sich die sechs Töpfe durch das schmale Drehzahlband hangeln, beschleunigt auch der S124. Traktionsprobleme? Warum genau hatte man sich damals Gedanken um die Traktion gemacht? Mit vier Mann besetzt, werfen wir den S124 um die ersten Kehren der Hochalpen-Straße. Tempolimits sind zu Beginn keine Frage wert. Nach vier Kurven wird aus den leichten Schneeflecken auf der Straße der erste Schnee-Matsch des Jahres. Die Höchstgeschwindigkeit von 188 km/h für den E300 TDT 4matic wirken jetzt umso theoretischer.

Draußen werfen die Reifen den Schnee nun in Richtung Außenspiegel hoch. Fiese Eisplatten unter der lockeren Schneeschicht lassen den weißen Kombi versetzen. ESP? Dieses „Anti-Schleudersystem“ saß damals noch hinter dem Lenkrad und war unter anderem als „Fahrzeugführer“ bekannt. Aber der 4matic-Antrieb stellt den Fahrer nicht vor unlösbare Aufgaben. Am großen Volant lässt sich der Kombi sicher im Ruder halten. Leicht quer? Dem S124 ist das egal. Stoisch presst der Turbodiesel seine Kraft über die vier Räder. Lässig hält die Viergang-Automatik die Motordrehzahl im Keller. Nagelnd und zufrieden brummend, wandern die 273 Nm durch die Ölwanne. Das vordere Differential mussten die Mercedes-Ingenieure damals in die Ölwanne des E 300 TD 4matic packen, woanders war einfach kein Platz mehr.

E300 TD T 4matic:

Er war der Traumwagen von gut verdienenden Handwerkern und Selbstständigen. Auch heute beeindruckt der S124 noch immer mit seinem Raumangebot und natürlich dieser uneingeschränkten Rundumsicht, die man nur noch von Youngtimern kennt. Und als 4matic wirkt das stoische Traktionsangebot beruhigend sicher – auch ohne ESP. Auf über 2.500 Metern liegt der Schnee bereits meterhoch, der Himmel zieht sich zu und will uns von der Geschichte des Timmelsjochs erzählen. Von Schmugglern und dem Handelsweg zwischen Süd-Tirol und dem Ötztal.

Ich selbst habe dafür keine Zeit, lieber noch ein wenig mit einem der Ur-Väter der modernen Allradtechnik durch den Schnee toben. Also fahren wir die Hochalpen-Straße wieder hinab. Und wieder hinauf …

Leistung E300 TD T: Baureihe S124 4matic:
147 PS ab 1987 bis 1997