Frazer-Nash Mille Miglia

Will man bei der Neuauflage der Mille Miglia mitfahren, braucht man ein zeitgenössisches Modell, das schon bei der echten Mille startete. Je seltener das Fahrzeug, desto höher die Startchancen. Bei dem von uns bewegten Roadster sind sie hoch.

Nur Fahrzeugmodelle, die bei der klassischen Mille Miglia dabei waren, dürfen auch bei der Neuauflage als Oldtimer-Rallye dabei sein. Für den raren Frazer Nash Mille Miglia gilt das auch, obwohl er bei einer zeitgenössischen Mille mutmaßlich nie am Start war. 
Designer und Tüftler Archibald Frazer-Nash, daher das häufig zu lesende Kürzel „AFN“, der sich in den Zwanzigerjahren des vorigen Jahrhunderts an so genannten leichten Cyclecars (häufig mit Ketten- oder Riemenantrieb) und sportlichen Autos mit kleinen Hubräumen sowie maximal vier Zylindern versuchte, wurde in den Dreißigern mit seiner Firma AFN Ltd. zum BMW-Generalimporteur des Vereinigten Königreichs. Er vermarktete vor allem populäre Modelle wie 327 und 328 als BMW Frazer-Nash. Kein Wunder, dass sich der legendäre Zweiliter-Reihensechszylinder in den AFN-Nachkriegsfahrzeugen wiederfand.

Die ersten eigenständigen AFN-Rennsportwagen mit diesem Motor debütierten 1948 mit den Modellen „High Speed“, später umbenannt in LeMans Replica und dem deutlich grazileren Mille Miglia. Bei just jenen damals klassischen Straßenrennen durch Italien sollten die Sportwagen eingesetzt werden. Allerdings ist sich die Literatur in Details nicht einig – manche Quellen sehen den Start der potenten AFN-Sportler im Jahr 1950; wer jedoch die alte Starter-Aufstellungen der Mille Miglia-Rennen durchforstet, findet in den Tabellen des Jahres 1949 sehr wohl den High Speed, der Mille Miglia taucht hingegen nie auf. Indes erscheint der von Michael Ten Bosch pilotierte Frazer-Nash mit der verwirrenden Bezeichnung „2000 Mille Miglia“ – laut historischen Bildern aber ein völlig anderes Modell als unser Mille Miglia. Kein Wunder, handelt es sich hierbei auch um den „Fast Tourer“. Erst später angestrengte Marketing-Überlegungen ergaben, das Modell besser „Mille Miglia“ zu nennen, um den Verkauf anzukurbeln – mehr als zwölf Exemplare sollen dennoch nie auf die Straße gekommen sein.

Der Mille Miglia mit der Chassis Nummer 421/100/166 bestritt der Anfang der Fünfzigerjahre honorige Wettbewerbe wie das Goodwood-Neunstundenrennen, den Silverstone British GP oder die International Rally of Great Britain. Und an der 1977 neu aufgelegten Mille Miglia hat der Exot ja schließlich auch schon teilgenommen mit seinem späteren Besitzer. Den dürfen wir jetzt fahren.

Man muss in der knapp geschnittenen Karosse erstmal seine Position finden auf der rechten Seite, vor allem seine Knie sortieren – um mit ihnen nicht das große, dürre Lenkrad aus Versehen zu verreißen. Der haltbare Stoßstangen-Sechszylinder mit halbkugelförmigen Brennräumen und drei Vergasern springt willig an, ein paar Gasstöße, dann läuft das brabbelig-sonor klingende Powerpack und facht alleine akustisch schon die Leidenschaft an. Schrullige Randnotiz: In einer kleinen Box unter der langen Motorhaube findet sich Platz für Ersatz-Zündkerzen und ein bisschen Werkzeug.

Mit 125 British Horse Power, übersetzt: 126 DIN-PS, hat der betagte Motor kein Problem, die deutlich unter einer Tonne wiegende Rohrrahmen-Konstruktion nach vorn zu treiben. Mit steigender Drehzahl bekommt man Druck ins Kreuz. Und immer schön den Tourenzähler im zentral angeordneten Instrumenten-Ensemble im Blick halten und den Zeiger rotieren lassen, dann sind auch die Mundwinkel oben. Hat man die Hemmungen nach einer Weile abgelegt, wird man schnell eins mit dem Roadster und lässt den metallisch klackenden Schalthebel rasant durch die Gassen flutschen. Die Gänge liegen nah beieinander, aber untersynchronisiert ist die Box nicht. Sie erfordert zwar Kraft, aber lange nicht so viel Feingefühl, um bedient zu werden wie bei manch ähnlich alten Fahrzeugen.

Und weil eine konventionelle Windschutzscheibe fehlt, erhöht neben der Dynamik des alten grummelnden Reihensechsers auch noch der tosende Wind den Adrenalin-Spiegel. Dem Ruf des berühmten und versierten Rennsportlers wird der Tourer gerecht, will förmlich mit dem Gaspedal um die Kehre geworfen werden, klebt am Boden, macht einfach Laune. Bei den allermeisten Passanten dürfte er Aufmerksamkeit erwecken. Bei Thiesen Automobile Köln steht das besprochene Exemplar übrigens zum Verkauf, und die nächste Mille Miglia kommt bestimmt.

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