Panorama: Lexus-Handwerk – Japanisch für Fortgeschrittene

Omotenashi, Kaiseki, Takumi: Toyotas Nobeltochter will wieder verstärkt mit Handwerk und Services punkten, die auf uralten japanischen Traditionen aufbauen. Dazu müssen manche Mitarbeiter erst mal Meister im Papierfalten werden.

Wer zu den rund 4.000 Menschen gehört, die sich in Deutschland 2019 einen Lexus kaufen werden, kann sich sicher sein: Sein Fahrzeug hat reichlich Aufmerksamkeit erfahren. Den zugehörigen Aufwand können die Japaner mit landestypischen Traditionen begründen.

Spezielle Glaseinlagen in Form des Lexus-L werden graviert

„Wir haben Hunderte Jahre bestimmte Ansprüche und Fertigkeiten entwickelt”, sagt Lexus-Chef Yoshihiro Sawa über seine Landsleute. Die sollen künftig spürbarer werden. Mit Omotenashi etwa: Wer in Japan in ein Kaufhaus geht, in ein Taxi steigt oder auch nur einen Apfel kauft, der wird die japanische Gastfreundlichkeit live erleben. Verbeugen, lächeln, die Wünsche vorausahnen und erfüllen – selbst die, von denen der Kunde selbst noch gar nichts ahnt. Der Apfel wird wie eine Luxusuhr verpackt, der Taxifahrer mit seinen weißen Handschuhen öffnet fernbedient die Tür, im Kaufhaus bringt jeder Verkäufer den Kunden auch drei Stockwerke höher zum Regal mit der gewünschten Ware. Es wäre ja eine persönliche Schande, wenn der Besucher nicht glücklich würde.

Origami-Fertigkeiten mit Leder

Aufdringlich darf das Ganze nie sein – das Prinzip „dienstbarer Geist” trifft eher den Anspruch. Im Autohaus etwa treffen sich alle Mitarbeiter morgens, um die angemeldeten Kunden und deren Vorlieben kennenzulernen. Fährt der Kunde dann auf den Hof, scannt eine Kamera seine Autonummer und benachrichtigt das Begrüßungskomitee. Zwei zuckersüß lächelnde Empfangsdamen können ihn so mit Verbeugung und beim Namen begrüßen und den grünen Tee anbieten, den der Kunde beim letzten Besuch vor sieben Monaten gewählt hat. Klar bekommen die Kinder noch ein kleines Geschenk – vielleicht einen handgefalteten Papierkranich. Der Kunde ist Gast, hier ist er ein Stück daheim.

Wer für die Ledersitze des Kompakt-SUV UX die Ziernähte akkurat anbringen will, sollte die Kunst des Papierfaltens am besten seit dem Kindesalter meisterlich beherrschen

Im Lexus-Topmodell LS etwa zeigt sich die Gastfreundlichkeit, indem der Wagen, wie es bei anderen Oberklassefahrzeugen ebenfalls Usus ist, selbsttätig Lenkrad, Sitze, Massagefunktionen, Musik oder Belüftung so wählt, wie der Fahrer es zuletzt mochte. Und am Bordstein hebt die Luftfederung den Wagen so an, dass sich besonders leicht ein- und aussteigen lässt. Sitze und Lenkrad fahren dazu auch in die optimale Position.

Die Spezialisten für das Ertasten von Spaltmaßen haben mindestens 25 Jahre Berufserfahrung

Vorbild ist für Sawa auch das klassische Kaiseki-Dinner. Ein Festessen besteht in Japan aus weit mehr als nur erlesenen Speisen und dem richtigen Sake: Wer im hellblauen oder rosa Yukata-Hausmantel und natürlich ohne Schuhe auf der Tatami-Strohmatte Platz nimmt, darf ein Kunstwerk erwarten. In der schier unendlichen Reihe von kleinen Gerichten ist jede Zutat so gewählt, dass sie genau an diesem Tag und in der Region des Gasthauses die optimale Frische und Reife hat. Jedes Shiso-Gewürzblatt, jede hauchdünn geschnittene Scheibe Fugu-Fisch sind so auf den Tellern angerichtet wie gemalt. Dafür hat der Meisterkoch ja auch zehn Jahre gelernt, wie der Fisch zu filetieren ist, ohne die giftigen Innereien anzupiksen – und selbst ein Reiskocher braucht sechs Monate Ausbildung, bis er auf den Gast losgelassen wird.

Omotenashi, Kaiseki, Takumi: Lexus will verstärkt mit Handwerk und Services punkten, die auf uralten japanischen Traditionen aufbauen

Ähnlich detailversessen gehen die Lexus-Macher an ihre Produktion heran. Im Werk Kyushu haben etwa die Spezialisten für das Ertasten von Spaltmaßen mindestens 25 Jahre Berufserfahrung – und müssen sie jeden Tag neu unter Beweis stellen. Morgens vor der Arbeit müssen die 19 Auserwählten unter 7.700 Arbeitern an einem Modell Abstände zwischen den Blechen oder deren Höhe auf den Zehntel-Millimeter genau ertasten können. Gelingt das nicht, müssen sie an einen anderen Arbeitsplatz. Die Karosse streichelt dann ein feinfühligerer Kollege, um Unregelmäßigkeiten zu entdecken.

Der Kunde soll sich im Autohaus wie daheim fühlen

Wer dagegen für die Ledersitze des Kompakt-SUV UX die Sashiko-Ziernähte akkurat anbringen will, der sollte die Kunst des Papierfaltens am besten seit dem Kindesalter meisterlich beherrschen: Hier lässt Lexus nämlich nur solche Mitarbeiter an die Nähte, die zuvor den Origami-Test bestanden haben. Falte eine Katze aus einem Blatt Papier in 90 Sekunden – aber nur mit einer Hand. Linkshänder mit der rechten, die Rechtshänder mit links. Und klar, das Ganze millimetergenau. Solche Methoden sollen am Ende sozusagen das Kaiseki-gewordene Auto ergeben. Die Meister unter den Autobauern dürfen sich mit der Bezeichnung Takumi schmücken. Den Titel tragen seit Jahrhunderten Kunsthandwerker, die zum Beispiel Katana-Schwerter, Glaskrüge, Holzfurniere oder Kleider herstellen.

Und deren Meisterschaft wollen die japanischen Autobauer sichtbar in die Autos bringen. Zum Beispiel die Faltkunst von Origami in den Türverkleidungen des LS. Die Meisterin Yuko Shimizu aus Kyoto sagt: „Das habe ich bisher nur beim Leder von Kleidern oder Möbeln angewandt – jetzt zum ersten Mal in einem Auto.” Takumi Toshiyasu Nakamura graviert spezielle Glaseinlagen in Form des Lexus-L. Die zieren dann ebenfalls das Türfutter – für die „japanischen Momente” im Leben eines Autofahrers.

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