Fahrschule Porsche Driving Experience „Ice Force“

Vor dem Fahren müssen wir Zuhören. Genau zuhören. Und das obwohl es unfassbar

früh ist. Die Sonne ist noch lange nicht aufgegangen, es scheint tiefste Nacht. Wobei, hier

oben, gut 400km nördlich des Polarkreises ist das mit dem Tageslicht eh so eine Sache…

Aber wir dürfen nicht ablenken, sondern müssen aufpassen. Denn der Instruktur mahnt

mit ernster Stimme, dass es wie beim Rennsport sei – wer nicht am Fahrerbriefing

teilnimmt, der fährt auch nicht. So einfach ist das. Das wollen wir natürlich nicht und

folgen deshalb aufmerksam seinen Ausführungen zum Thema Kamm’schem Kreis,

Reifenhaftung, Unter- und Übersteuern, sowie den Möglichkeiten selbiges zu

kontrollieren.

Danach gibt es noch einen Überblick über die Trainingseinheiten mit denen wir es die

kommenden Tage zu tun bekommen werden. An erster Stelle steht der Slalom. Jeder hat

das schon einmal gemacht, entsprechend leicht kommt man rein und erzielt schnelle

Erfolge in der Fahrzeugbeherrschung. Weiter geht es mit dem Fahren im Kreis, bevor

der Rallye-Flic auf dem Programm steht. Quasi die Königsdisziplin unter den

Drifteinleitungen. Du willst eine Linkskurve durchfahren, reißt den Wagen aber kurz

vorher harsch nach rechts. Die Folge: er bricht Dir aus, Du fängst ihn ab und der

Gegenpendler leitet Dir die folgende Links perfekt ein. Einfach nur am Gas bleiben und

mit dem Heck im Ausfallschritt durch die Biegung.

Herrlich. Ganz ohne Aufregung, ganz ohne Hektik und ohne Vergewaltigung der

Maschine, sondern locker und leicht. Ein schönes Manöver. Hat man die Grundbegriffe

verstanden und nach ein paar Sektionswiederholungen auch verinnerlicht geht es am

Nachmittag raus auf die Handlingstrecken. Und was für Strecken. Kein geringerer als

Hermann Tilke hat das Layout auf den Pasasjärvi-See nahe Ivalo fräsen lassen und so

erinnern nicht wenige Kurvenfolgen an jene bekannter Rennstrecken. Aber es ist

natürlich nicht so, als könne man die von dort bekannten Geschwindigkeiten, noch die

Brems- und Einlenkpunkte übernehmen. Schließlich fahren wir auf blankem Eis. Mit

Spikes zwar, aber dennoch: Grip ist anders.

Und so geht es auf den Handlingstrecken vor allem um Gefühl. Gefühl für die Traktion,

Lenkwinkel, Bremsdruck und Gaseinsatz. Alles will gut koordiniert sein. Am Ende erntet

man am Funk dann aber doch bloß ein „Kurvenausgangsdrifter“. Was hier oben in

Lappland als Schimpfwort gilt. Denn es ist klar, dass die Porsche-PS das Auto nach dem

Scheitel sofort querstellen können. Die Kunst ist aber den Drift schon am Kurveneingang

eingeleitet zu haben.

Es heißt also üben. Mal schneller, mal langsamer. Mal mit Instruktor im Verfolger-

Fahrzeug, mal bei ihm auf dem Beifahrersitz. Viele Worte, große Lenk-Gesten,

zwischendrin ein belebender Kaffee, damit Hände und Füße bei -25°C nicht vollends

einfrieren. Und am Ende des Tages geht es dann schon besser, weil flüssiger. Keine

Ecken mehr im Fahrstil, keine Driftabbrüche, weil plötzlich keine Kurve, sondern doch

eine Verbindungsgerade anliegt.

Ganz sämig und ohne Pause geht es. Du liest die Strecke, kennst die Punkte, an denen Du

den Gegenpendler nutzen musst. Nie zuviel Gas, vor allem aber: mit dem Lenkwinkel

haushalten. Und das ist die härteste Prüfung. Wer lenkt untersteuert. Fordert dem

Reifen zuviel ab und endet in der Schneemauer. Denn wenn eine Kurve mit einer halben

Lenkraddrehung bei 25km/h geht, dann geht sie das auch bei 65km/h. Man muss das

nur irgendwie der Panikabteilung des Stammhirns beibringen.

Wenn man das aber verstanden hat, der Schalter also umgelegt wurde, dann ist es

einfach nur noch Fahrgenuss in seiner absolut schönsten Form. Meterhoch wirfst Du

den bei Bedarf den Schnee in die finnischen Weiten, fräst auf den Zentimeter an den

Pylonen vorbei und der Instruktor ist stolz auf Dich. Denn wenn Dich am Ende des

Tages, auf der letzten Fahrt vor dem Rückflug, wenn der See nur noch von tanzenden

Xenon-Scheinwerfern und dem klaren Mondschein beleuchtet wird, der

Funkspruch „das sah jetzt mal richtig geil aus“ erreicht, dann ist das ein Gefühl, dass sich

einfach nicht beschreiben lässt…

Du rollst in die Box, lehnst Dich zurück, lauschst noch einmal der heiseren Boxerstimme

und verdrückst beim Abstellen des Motors eine kleine Freudenträne. So schön kann

Schule sein.

Ein Fahrbericht von Fabian Mechtel, der so freundlich war, mich kurzfristig zu vertreten. Mensch, ich glaube ich hab ihm echt zuviel zugemutet (: