„Nein, das ist ein Kia“

Die Elektromobilität wirbelt die Autoindustrie durcheinander. Alte Platzhirsche müssen um ihre Stellung kämpfen und bislang eher biedere Anbieter schwingen sich zu technischen und preislichen Höhenflügen auf. Beispiel gefällig?

Fangen wir mal mit der Überschrift an: „Nein, das ist ein Kia“. Diesen Satz durften wir während unseres zweiwöchigen Tests fast täglich aufsagen; vorm Café genauso wie auf dem Supermarktparkplatz oder vor der Bäckerei. Passanten und Autofahrer stellten dabei zunächst allerlei Mutmaßungen über die Marke an, diese gingen von Polestar über Volkswagen (!) bis hin zu „irgendein Chinese“, zumal der erneuerte Kia-Schriftzug am Heck scheinbar nicht für jeden auf Anhieb entzifferbar ist und der Modellname EV6 für sich genommen ein wenig banal wirkt.

Langer Stromer

Also, das wäre jetzt geklärt, wir sprechen hier über einen Koreaner. Während das von uns bereits getestete Schwestermodell Hyundai Ioniq 5 optisch auf SUV-Raumschiff macht, ist der EV6 eher eine Art hypermoderner Shooting-Brake. Im Vergleich zu Hyundai ist er 6 Zentimeter länger. Und obwohl der Radstand um 10 Zentimeter verkürzt wurde und somit die Überhänge vorn und hinten größer ausfallen, wirkt der 5,5 Zentimeter flachere und mit einem coupéartigen Dachverlauf versehene EV6 sportlicher und irgendwie auch knackiger. 

Wie so häufig bei modernen Autos wird der Innenraum von großen Bildschirmen dominiert, die vor dem Fahrer zur Mitte hin zu einer durchgehenden Einheit zusammengefasst wurden. Nicht alles erscheint logisch, doch die Bedienung ist insgesamt, vergleicht man sie etwa mit aktuellen Produkten aus dem VW-Konzern, eine Wohltat, zumal Kia noch Drehknöpfe für häufige verwendete Funktionen wie Lautstärke, Temperatur oder Navi-Zoom verwendet. 

Wie weit kommt er?

Ein 4,70 Meter langes Elektroauto, das haben wir im neuen Zeitalter schon gelernt, bietet mindestens so viel Platz wie ein 5-Meter-Fahrzeug mit Verbrenner unter der Haube. Verschwenderisch viel Raum gibt es daher auch im EV6, nur die Sitzposition hinten ist für Menschen über 1,75 Meter nicht optimal, weil durch die abfallende Dachlinie die Rückbank niedriger montiert wurde, so dass die Beine zu stark angewinkelt werden müssen, was auf langen Reisen beschwerlich sein könnte.

Lange Reise in einem E-Auto? Zumindest theoretisch bringt der EV6 dafür alle Voraussetzungen mit. Nämlich einen großen Akku mit 77,4 kWh Kapazität, was nach WLTP-Standard für etwa 480 Kilometer reichen sollte und eine moderne Ladetechnik mit 800 statt der üblichen 400 Volt Spannung. Bis zu 225 kW Ladeleistung soll so möglich sein, wenn man einen entsprechenden Schnelllader findet. Dann würden sich die Batterien rechnerisch in 18 Minuten von 10 auf 80 Prozent aufladen lassen. Das hat schon beim Ioniq 5 nicht geklappt und hier auch nicht. Immerhin schaffen wir mal kurz 150 kW. Trotzdem: In diesen Laderegionen sind aktuell nur wenige, überwiegend sehr hochpreisige Fahrzeuge vom Schlage eines Porsche Taycan unterwegs. Der Hyundai-Konzern setzt da also durchaus einen Maßstab. 

Sehr hoher Stromverbrauch

Leider wird die versprochene Reichweite allerdings auch bei diesem Modell nicht annähernd erreicht. Selbst wer den Verlockungen von 325 PS, 605 Newtonmetern und Allradantrieb nicht ständig nachgibt, sondern einigermaßen vorsichtig agiert und auch auf der Autobahn weit unter den immerhin 185 km/h Höchstgeschwindigkeit bleibt, kann zu dieser Jahreszeit auf maximal echte 300 Kilometer hoffen. So oder so war der Durchschnittverbrauch von fast 25 kW/h, statt versprochener 18 kWh, je 100 Kilometer viel zu hoch. Auch eine – aber eher ernüchternde – Erkenntnis der neuen Mobilität: „Treibstoff“-Kosten lassen sich mit einem E-Auto, zumindest im Vergleich zu einem modernen Diesel, selbst bei den aktuellen Tankstellenpreisen kaum sparen. 

Abgesehen davon, und von einigen übereifrigen Assistenten, ist der Kia EV6 ein sehr gut gemachtes Auto. Die Verarbeitung ist top und die Ausstattung komplett. Wer zum Grundpreis von 52.890 Euro noch das GT-Line-Paket für 6.000 Euro (u.a. adaptive LED-Scheinwerfer, elektrische Heckklappe, beheizte Rücksitze) sowie für 1.000 Euro die reichweitenverlängernde Wärmepumpe ordert, kann für knapp 60.000 Euro fast schon ein Elektroauto der Luxusklasse an der heimischen Wallbox parken. Zumal davon noch knapp 8.000 Euro Innovationsprämie abgehen. 

Am Ende ein gutes Auto

Wer angesichts solcher Preise für ein koreanisches Auto aber denn doch schlucken muss: Den EV6 gibt es in der Basis auch mit reinem Heckantrieb, bescheideneren 170 PS und weniger Ausstattung ab 45.000 Euro, hier läge der Realpreis nach Abzug der Prämie bei rund 35.000 Euro. Ein gutes Auto hat man dann immer noch.

Mehr Spaß macht aber natürlich der straff, aber nicht unkomfortabel abgestimmt 325 AWD. Wer aber Elektromobilität noch sportlicher sieht, der sollte sich noch bis Ende des Jahres zurückhalten. Dann kommt der EV6 als echter Elektroschocker GT mit 585 PS und 740 Newtonmetern. Und ja, das ist dann auch immer noch ein Kia.

Technische Daten

Fünftürige, fünfsitzige Limousine; Länge: 4,70 Meter, Breite: 1,89 Meter, Höhe: 1,55 Meter, Radstand: 2,90 Meter, Kofferraumvolumen: 490 – 1.300 Liter

Antrieb: zwei Elektromotoren, Systemleistung 239 kW/325 PS, maximales Systemdrehmoment: 605 Nm, Eingang-Automatikgetriebe, Allradantrieb, Akku: 77,4 kWh, 0-100 km/h: 5,2 s, Vmax: 185 km/h (abgeregelt), Verbrauch: 18,0 kWh/100 km (WLTP), Reichweite: 484 (WLTP), Testverbrauch: 24,8 kWh/100 km

Preis: ab 52.890 Euro (abzüglich Innovationprämie 7.975 Euro)
Preis des Testwagens: 59.890 Euro (abzüglich Innovationsprämie 7.975 Euro)

Kurzcharakteristik

Warum: gelungenes Design, moderne Technik, viel Ausstattung, sehr gute Verarbeitung, lange Garantie
Warum nicht: hoher Grundpreis, hoher Praxisverbrauch, schlechte Übersicht nach hinten, teils nervige Assistenten
Was sonst: Hyundai Ioniq 5, Mustang Mach E, VW ID.4 GTX

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